Image

Das Licht, das niemals ausgeht

René Pollesch/Fabian Hinrichs: Glauben an die Möglichkeit einer völligen Erneuerung der Welt

Premiere:  (UA)   Theater: Friedrichstadt-Palast
Regie: René Pollesch   Foto: William MInke 
Von Barbara Behrendt am 10.10.2019

Das rührendste und versöhnlichste Bild steht am Ende: Fabian Hinrichs schwebt im goldenen Gymnastikanzug im Dunkeln angeseilt durch die Luft, hinter ihm eine Wand aus glitzernden Sternen, vor ihm acht Tänzer mit einem leuchtenden Schweif auf dem Kopf wie Planeten auf der Umlaufbahn. Durchs leere Weltall gleitend sagt Hinrichs: „Die große Frage der Philosophie ist, warum man sich nicht umbringt. Und wenn man sich nicht umbringt, dann klingelt man eben bei jemandem. Und dann ist die große Frage der Philosophie eben nicht mehr, warum man sich nicht umbringt, sondern warum man bei jemandem klingelt. Es ist ganz einfach. Es ist so dunkel. Aber ich kann euch sehen.“

Es ist das herzerwärmende Finale einer 70 Minuten kurzen Inszenierung, das nur deshalb nicht kitschig wirkt, weil Hinrichs Spiel so verbindlich und gleichzeitig augenzwinkernd ist. Zuletzt mag an diesem melancholischen Abend über die große Einsamkeit als solche im Leben doch noch die Hoffnung auf die Verständigung zwischen den Menschen siegen. Die gigantische Bühne des Friedrichstadt-Palasts, auf der Hinrichs oft allein steht, ohne Mikrofonverstärkung, passt bei diesem Thema hervorragend. Das Hochparkett bleibt zwar geschlossen, doch auch so muss Hinrichs immer noch 1500 Zuschauer im weiten Raum erreichen – im Deutschen Theater um die Ecke sind es gerade mal 600, die Volksbühne hat 800 Plätze.

Hinrichs ruft ins große Dunkel oder steigt auch mal ins Publikum, wenn er Mini-Episoden aus einer Kindheit erzählt, die er als seine ausgibt. Wie er sich mit sechs Jahren den Arm mit der Rasierklinge aufschneiden und sich umbringen wollte. Wie sein Vater ihn im Sommerurlaub in der Umkleidekabine am See verprügelt hat. Wie er mit seinen Kumpels im Passat durch die Gegend gefahren ist und Musik gehört hat. Aber das ist längst vorbei. „Wohin mit dem Verschwinden von Menschen?“ fragt er. Und: „Warum machen die alle Selfies?“ Antwort: „Weil sonst keiner da ist.“

Ja, alles „rührende Geschichten“, bricht er die Ernsthaftigkeit. Und doch geht es um die Suche nach Zugehörigkeit, nach Aufgehobensein. Und darum, wie man daran in der Welt des kalten Kapitalismus, in der jeder Schritt im Leben verwertbar sein muss, nur scheitern kann. Einer der schönsten Sätze: „Das ist doch das, was ich mit einigen verbinde: dass sie sich noch schaden können – ohne Verwertungslogik.“ Dann erzählt er von einem Morrissey-Konzert, bei dem 70 000 Menschen „There is a light that never goes out“ singen, ein Song, der davon handelt, kein Zuhause zu haben: „Und alle singen das mit. Warum? Zuhause, das kann doch nicht für alle Dunkelheit bedeuten.“ Oder doch? „Zuhause bedeutet für sie alle, dass es keines für sie gibt.“

Die 27 Tänzerinnen und Tänzer des Palast-Ensembles verleihen dem Abend seine Revue-Momente. In wenig glamourösen bunten Turnanzügen wie dem des Schauspielers performen sie perfekte kleine Choreographien, bei denen Hinrichs aus der Reihe fällt, nicht mithalten kann. Nicht nur, weil er sich bei den Proben den Fuß verknackst hat – aber diese Verletzung untermauert nun noch das Scheitern und die Einsamkeit. Pollesch und Hinrichs, Co-Regisseur des Abends, spielen mit den Mitteln dieses Ortes, unterlaufen und feiern sie: Mal wird Ravels Boléro eingespielt, bunte Laser flackern über die Bühne, einmal wird ohne Musik das Bein gehoben und die berühmte Friedrichstadt-Palast-Chorusline getanzt – Revue-Zitate, mit denen die beiden wie in einem Zauberkasten spielen.

Schon bei „Kill your Darlings“ 2012 an der Volksbühne hatte Hinrichs gezeigt, dass er Polleschs Arbeiten einen neuen Ton zu verleihen weiß. Den Pollesch-Sound aus intellektuellem Boulevard-Talk, Diskurs-Geschwurbel und jeder Menge Ironie hat er durch einen viel menschlicheren, privaten, zärtlichen ersetzt. Sein halbironisches Pathos geht stets einher mit einem verschmitzten, warmen Lächeln. Die letzten Worte gehören noch einmal dem Sänger Morrissey: „Es gibt ein Licht, das niemals ausgeht“, zitiert Hinrichs. Und dazu schmettert Céline Dion ihren Hit „All by myself“ aus der bombastischen Soundanlage.

Ein Abend, der über unser Zusammenleben nachdenkt und einem dabei heiter-wehmütig das Herz öffnet – und zwar mit den ältesten und schönsten Theatermitteln: Schauspiel, Stimme, Raum, Menschlichkeit.

Weitere Kritiken

Ermüdendes Durcheinander
Ermüdendes Durcheinander

Zuerst wird ausgiebig gegähnt. Für „Don’t be evil“, die neue Digital-Inszenierung von Kay…

Kay Voges und Ensemble: Don't be evil
Volksbühne Berlin
Premiere: 02.10.2019 (UA)
Am besten nichts Neues
Am besten nichts Neues

Wirklich neu für Berlin am neuen Pollesch ist die Optik. Die Bühnenbildnerin Barbara…

René Pollesch: Cry Baby
Deutsches Theater Berlin
Premiere: 08.09.2018 (UA)
Wie viel Pop verträgt ein Klassiker?
Wie viel Pop verträgt ein Klassiker?

Im Figurentheater kann der „Faust“-Stoff auf eine lange Tradition zurückblicken, die im…

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Faust I – Puppen, Pop und Pudel
FITZ! Zentrum für Figurentheater
Premiere: 18.07.2019