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Musiktheater,

Das brennende Sofa

Ernest Chausson: Le Roi Arthus

Theater:Opéra national de Paris, Premiere:16.05.2015Regie:Graham VickMusikalische Leitung:Philippe Jordan

Es wagnert natürlich an allen Ecken und Enden in Ernest Chaussons Arthus-Oper. Der erklärte Wagnerianer tauchte 1895 die Dreiecksgeschichte von Arthus, seiner Frau Genièvre und seinem Lieblingsritter Lancelot, die ihn hintergehen, in eine melancholische Sinfonie voller Anklänge an „Parsifal“, „Tristan“, an Wotans und Brünnhildes Dialoge. Für solche ruhige, in Detail lotende, trotz orchestraler Fülle nahe an den intimen Gefühlen der Menschen arbeitende Interpretation des Mythos ist Philippe Jordan, musikalischer Chef der Pariser Oper, der ideale Dirigent. Auf Basis seiner Erfahrungen im Pariser „Ring“ und in Bayreuth entwickelt er mit dem Pariser Opernorchester einen weichen, dialogorientierten, immer wieder die instrumentale Vereinzelung suchenden Klang, der bei Chausson wie bei Wagner weitaus charakteristischer ist, als es die massiven Stellen, die es auch gibt, manchmal glauben machen.

Im ersten Akt, wenn die Ritter der Tafelrunde ihren Sieg feiern, kommen auch noch einige genrehafe Melodien aus Volk und Militär dazwischen. Auch lässt sich Chausson allzu süßlich sakrale Erlösungschöre bei Arthus‘ Verklärung durchgehen. Und gibt mit ritterlichem Marschhymnus dem Werk plötzlich noch eine appellative Note des Aufbruchs. Bei sowas blieb Wagner ja immer viel sphärisch-diffuser (etwa in den Schlusschören des „Parsifal“ oder im Liebesmotiv am Ende der „Götterdämmerung“).

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Ganz konkret dagegen setzt Graham Vick den Mythos auf die leere Bastille-Bühne. Im Hintergrund leuchtet zwar ein Foto eines einsamen Turms auf grüner Wiese, aber in der Runde um Arthus stehen Menschen in Arbeitskleidung, die aus einschwebenden Fertigteilen ein Haus bauen. Doch die Museumskordel um Arthus‘ My-Home-my-Castle-Gesellschaftsideal nützt nichts: Genièvre klettert durchs Fenster und findet Lancelot auf der grünen Wiese. Allerdings holt auch dieses Liebespaar bald der Alltag ein. Auf dem roten Sofa gibt es Streit, und Genièvre setzt wie eine Lady Macbeth ganz auf ihre Weiblichkeit, um Lancelot zum endgültigen Verrat am königlichen Freund Arthus und zur gemeinsamen Flucht zu bringen. Da setzt es auch mal eine Ohrfeige (von Genièvre), nachher brennt das Sofa, die Wände sind zur Hütte verkeilt, Kriegsluft, auch die Fototapete ist versengt. Und es ist Arthus, der bei dem sterbenden Lancelot auf dem lädierten Sofa sitzt. Vicks auf das Allzumenschliche zielende Interpretation des Mythos funktioniert, und doch wirken seine Dingsymbole etwas zu kleinbürgerlich.

Dagegen kann Thomas Hampson seinem Arthus auch in Schlabberjacke die Aura eines traurigen Gottes geben, weil sein kraftvoller Bariton wandelbar Glück, Schrecken und Verzweiflung auszudrücken vermag. Expressiv ringt er mit der Fassungslosigkeit über den Verrat seiner beiden liebsten Menschen, wohlklingend fügt er sich in seine Trauer. Roberto Alagna als Lancelot bewährt sich nachdrücklich im dramatischen Tenorfach. Sein warmer Ton und die weichere Gesangslinie täten auch einem Parsifal gut. Und Sophie Koch ist eine fabelhafte Genièvre, ihre dunkle Stimmfärbung gibt der liebenden, dann fordernden Frau einen in allem leidenschaftlichen Charakter. Es ist schön zu sehen, wie Jordan dem französischen Wagnerismus in Paris wieder ein Zuhause gibt.