Der chinesische Autor Liao Yiwu ist ein Geschichtensammler. Er hört den Leuten zu, die in den staatlich gelenkten Medien keinen Platz haben. Den Totenrufern und Klomännern, den Prostituierten und den Kleinhändlern. Ihre Erzählungen schreibt er auf und verdichtet sie, ein kritischer Chronist. Der Regisseur Max Claessen hat nun eine Spielfassung für fünf Schauspieler erstellt. Im ersten Teil zitiert er viele Chinaklischees. Ein Papierdrache steht im Hintergrund, die Schauspieler haben sich die Gesichter im asiatischen Stil geschminkt. Die Bühne steht voll mit billigen, weißen Gartenstühlen, in Reih und Glied wie eine Armee aus Terrakotta-Kriegern. Die Schauspieler zitieren die Mao-Bibel und berichten vom Massaker am Tiananmen-Platz und anderen Katastrophen der jüngeren Geschichte.
Der erste Teil der Aufführung gerät ein bisschen zäh, anderthalb Stunden Unterricht in chinesischer Zeitgeschichte, interessant, aber anstrengend. Nach der Pause wird es unterhaltsamer. Da kommen die stärksten Geschichten, zum Beispiel die des von Carolin Wirth faszinierend kantig verkörpertem Fräulein Hallo. Gleichfalls großartig und mit artistischer Körperbeherrschung spielt Florian Steffens einen Dieb, der sich durch die Toilette und den Abwasserkanal eines Gefängnisses in die Freiheit kämpft. Eine Geschichte mit Tarantino-Format, derb, witzig und von wilder Freiheitssehnsucht durchglüht. Das Theater Münster zeigt China als Gesellschaft im Umbruch, in der jeder für sich selbst kämpft und keiner dem anderen zuhört.
