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Blumiger Stilmix

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Gärtnerin aus Liebe

MusiktheaterPremiere: Theater: Badisches Staatstheater Karlsruhe
Regie: Anja Kühnhold  Musikalische Leitung: Yura Yang  Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart   Foto: Felix Grünschloß 
Von Eckehard Uhlig am 24.10.2021

Frisch und zupackend der kurze Ouvertüren-Auftakt: unverkennbar Wolfgang Amadeus Mozarts zweite Buffa-Oper „La Finta Giardiniera“ (Die Gärtnerin aus Liebe). Unter der Leitung seiner Zweiten Kapellmeisterin Yura Yang geht die auf Kammerformat verkleinerte Badische Staatskapelle mozartantisch furios ans Werk.

Doch nachdem sich der Vorhang im Badischen Staatstheater Karlsruhe gelüftet hat, sieht man nicht (wie üblich) blühende Sträucher und Blumenrabatten eines gepflegten Parks, wo die „verstellte Gärtnerin“ ihren Dienst tun könnte. Vielmehr beherrscht eine überdimensionierte blau-weiße Ming-Vase das Bühnenzentrum, vor der besagte Hauptdarstellerin mit fernöstlichen Gesichtszügen irgendwie bedrückt agiert.

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Ingredienzen einer Peking-Oper? Weit gefehlt! Denn die Vase erinnert andererseits an Delfter Kachel-Malerei. Auf deren Vorderseiten-Panele ist deutlich das berühmte Porträt der musizierenden Mozart-Familie zu sehen, wie sie Louis Carrogis de Carmontelle 1763 in Paris gemalt hat: mit Vater Leopold an der Violine, Maria Anna (Nannerl) singt und – von den beiden fast erdrückt – der kleine Amadeus (Wolferl) traktiert das Klavier. Außerdem quellen aus der Vase herrliche Tulpen und andere Wunderblüten hervor – wie auf einem alten holländischen Blumenstück. Auch die Kleidung aller Protagonisten frönt einem köstlich bunten Multikulti-Stilmix (Ausstattung Anna Sophia Blersch).

Andeutungsreiches Bühnenbild

Die Regie (Karlsruhes Oberspielleiterin Anja Kühnhold) hat sich gleichfalls allerhand Kunterbuntes ausgedacht. Zur angekündigten Hochzeit Armindas, der Nichte des regierenden Podestà (also des Bürgermeisters) mit dem Grafen Belfiore wird im fiktiven Saal um die Blumenvase herum eifrig renoviert und restauriert, auch Vasen-Kacheln werden erneuert. Alle Darsteller, selbst „Gärtnerin“ Sandrina und dazu einige Statisten malen und pinseln um die Wette. Große fruchtfleischige Pappmaschee-Früchte liegen an der Bühnenrampe herum – eine sonnengelb leuchtende, aufgeschnitten geschälte Orange, eine geöffnete Feige, deren Herzform dunkelrot aufglüht, und mehrere aufgeplatzte Granatäpfel, die als Möbelersatz dienen. Dazu wird ein riesiges, später als Wippe fungierendes Messer wie ein Mordwerkzeug in Szene gesetzt.

Doch neben solchen Symbol-Andeutungen ist nichts zu hören oder zu sehen vom angeblichen Mord, mit dem die zwischen den Genre-Attributen lustspielhaft, halb ernst und überdreht ernst schillernde Komödie eigentlich einsetzt. Denn in wilder Leidenschaft hatte Belfiore seine vormalige Geliebte Violante mit einem Dolch attackiert und ist geflohen, weil er sie tödlich verwundet glaubt. Nun kehrt er also als Armindas vielgerühmter Bräutigam zurück und wird auf Violante treffen, die sich als Gärtnerin Sandrina beim sie verliebt umschmeichelnden Podestà verdingt hat. Auch der Kavalier Ramiro, der Armina immer noch begehrt, sowie das Diener-Paar Serpetta und Nardo mischen in den wahnwitzigen Liebeshändeln kräftig mit.

Der Karlsruher (in italienischer Sprache mit Übertiteln gehaltenen) Inszenierung gelingt es, Giuseppe Petrosellinis turbulent konfuses, anfangs auch langatmiges Libretto mit seinen psychologisch kaum zu vermittelnden Wendungen im Verlauf des zweieinhalbstündigen Opernabends, der zum Schluss hin in dunkel-düsteren Verzweiflungsszenen an Fahrt aufnimmt, eine gewisse Struktur zu verleihen. Das geschieht vor allem durch lebendige Figuren-Zeichnung und ein ständiges parodistisch-ironisches Augenzwinkern, das ein Corona-bedingt kleines Publikum bei guter Laune hält. Vor allem aber nimmt die Aufführung durch ihre Fülle arioser Höhepunkte und das durchweg hohe vokale Niveau der Protagonisten für sich ein. Zudem erfreut die im Orchestergraben angelegte, mitreißende Mozart-Musikalität.

Gefühl und Musik

Die Sopranistin Hye Jung Lee dürfte als Violante/Sandrina etwas kraftvoller singen. Ihre Interpretation der Arie „Geme la Tortorella“ (Die Turteltaube seufzt) ist aber in ihrer zarten, mit glocken-hellen Spitzentönen geschmückten Melancholie einmalig schön. Ina Schlingensiepens Arminda beeindruckt mit der an Rachelust sich überbietenden, bravourösen Agitata-Arie „Vorrei punirti indegno“ (Ich wollte dich, Nichtswürdiger, bestrafen). Ilkin Alpay ist die verspielte, klangschön intonierende Serpetta vom Typus einer durchaus neuzeitlichen, neugierig-umtriebigen Chef-Sekretärin.

Auch alle anderen demonstrieren im Zusammenspiel mit dem Orchester, wie sich bei Mozart Gefühl und Musik wechselseitig hervorbringen. Nutthaporn Thammathi ist ein herrschaftlich wohlbeleibter Podestà, der sich vergeblich als unwiderstehlicher Don Giovanni geriert. Dilara Bastar bewältigt virtuos in der Hosenrolle des Ramiro seine Koloratur-gesättigten Auftritte. Und Eleazar Rodriguez ist als Graf Belfiore in seinem hellen, mit Schmetterlingen geschmückten Anzug eine echte Party-Löwen-Besetzung – das beflügelt sogar oben auf der Ming-Vase ein sonst starres Schmetterlingsinsekt. Tomohiro Takada strahlt und singt in der Rolle des Dieners Nardo, als sei er der Wichtigste unter den eingebildeten Bühnen-Liebhabern.

So entfaltet das ohne Star-Allüren auftretende, junge und weiblich geprägte Karlsruher Opern-Ensemble in dem durch Intendanz-Skandale, störende Umbau-Arbeiten im Theater und die Corona-Krise mehrfach gebeutelten Haus mit Mozarts „La Finta Giardiniera“ eine Charme-Offensive, die es in sich hat.

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