Bieito inszeniert „das Volk“ als manipulierbare Chor-Masse, die bellende Kommentare im Schutz der Anonymität ausstößt und im Zweifelsfall dem eigenen Schicksal den Rücken zuwendet. Turandot-Bezwinger Calaf ist in deren Augen als Held nur bedingt einsatzbereit und scheitert, wenn er sie aus ihrer Unterwürfigkeit buchstäblich aufrichten will. Gegen die Realität setzt er den Traum, tauscht zum „Nessun dorma“ das staatlich verordnete „Verräter“-Schild an seinem Hals mit dem Trost-Pamphlet „Poesia“ – bis ihm das zerfetzt wird. Heldentenor Vincent Wolfsteiner singt und spielt diese verwundbare Lichtgestalt hochkonzentriert mit komplexer Energie, auch wenn die Biegsamkeit der Stimme nicht ganz reicht. Rachel Toveys Turandot ist glücklicherweise keine Mao-Witwe, sondern ein zeitlos polyglottes Psycho-Monster unter nur zeitweise schützender Blondhaar-Perücke – Metapher unkontrollierter Willkür aus Wut und Verzweiflung. Ihre hochdramatisch ausfahrbare Stimme, die noch im schreckensreichsten Auftritt immer lyrisches Innenfutter ahnen lässt, sagt mehr als jede Regie. Und passt dabei genau zur Inszenierung. Bieito fixiert die allgegenwärtige Gewalt nah am Publikum an der Rampe, wobei er für seine Verhältnisse eher diskret beim erkennbaren Theatereffekt bleibt, und skizziert mit den anderen Figuren schemenhafte Charakterköpfe in gebrochenen Welten. Die drei oft so läppisch auftretenden Staatsdiener Ping, Pang und Pong (bestens besetzt: Sébastien Parotte, Hans Kittelmann, Martin Platz) sind Repräsentanten. Sie foltern amtlich in Soldaten-Uniform, tauchen ebenso hemmungslos unter einem Himmel voller rosa Lampions in ihren privaten Travestie-Traum. Nürnbergs Vorzugs-Stimme Hrachuhí Bassénz gibt der sanftmütigen Liù neben der übermenschlichen Entsagung einen Hauch von erotischer Sehnsucht und wird am Ende besonders gefeiert. Dazwischen die gespenstische Erscheinung des vergreisten Herrschers in Windelhose. Kein Würdenträger, sondern zur Unkenntlichkeit verkümmerte Macht in drastischer Darstellung: Der großartige Richard Kindley krabbelt als Kaiser mit der offenen Urne der Ahnen, sozusagen mit seiner eigenen Zukunft, durch eine fremd gewordene Welt.
Dirigent Peter Tilling hat einiges zu tun, um die ohne Anlauf einsetzende Bombastik von Orchester und Chor zum nachvollziehbaren Klangbild zu formen. Die schnell wundgescheuerte Hochdramatik braucht etwas Erholungszeit. Wo sich die Bühne dann vom Tableau-Pathos befreit, wird es auch im Graben differenzierter. Die Bannkraft der Bilder, die so gar keine Furcht vor alternativem Opern-Kitsch kennen und mit diesem Selbstbewusstsein durchaus punkten, lässt für die Musik den Sog entstehen, der auch den Zuschauer aus seinem distanzierten Blick lockt.
Es ist nicht Calixto Bieitos wildeste oder schlüssigste Inszenierung, also der Erinnerung an den Stuttgarter „Parsifal“ oder der Berliner „Entführung aus dem Serail“ nicht ganz gewachsen, aber ein spannendes Theater-Erlebnis mit Erregungspotenzial allemal. Bei der Premiere gab es Jubel für die Sänger, Respekt für den Dirigenten und ein tosendes Gemisch aus Buh und Bravo für das Inszenierungs-Team. Das lässt sich demnächst modifizieren: Nürnberg hat den Regisseur bereits für die Berlioz-„Trojaner“ gebucht.
