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Binäres Ungleichgewicht

Antonio Latella / Federico Bellini: Zorro / Wonder Woman

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Cottbus
Regie: Antonio Latella   Foto: Rainer Weisflog   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Ute Grundmann am 05.09.2021

Die Helden kommen ganz langsam ans Licht. Knarrend bringt sie die Hydraulik aus der Tiefe des Orchestergrabens auf Bühnenhöhe: Vier Herren in Unterwäschestramplern, auf der Brust (oder tiefer) prangt bei jedem ein „Z“. Klar: „Zorro“ – Legende, Männeridol, Kerlephantasie. Doch er ist an diesem Abend im Staatstheater Cottbus nicht allein, Antonio Latella lässt ihm das „Wonderwoman“ folgen, lebendig gewordene Comicfigur. Moderne Helden-/ Heldinnengeschichten sollen sie in dieser fast vierstündigen Uraufführung erzählen, mit der die neue Spielzeit beginnt.

Die große Bühne ist und bleibt leer und düster. Nichts, woran sich die Phantasie der Zuschauer oder Spielfreude der Schauspieler festhalten könnte. Aber zumindest den Zorro-Darstellern (Michele Andrei, Emilio De Marchi, Gunnar Golkowski, Markus Paul) ist eine Menge Spielzeug mitgegeben: Boxhandschuhe tragen alle, für Luftkämpfe, Handschuhtänze, Schläge unter den Gürtel. Dazu liegen auf der Rampe Polizistenmütze, Herrenhut, Bommelmützen.

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Das alles werden die wackeren Vier brauchen, wenn sie das Publikum auf einen Wort-Parforce-Ritt durch unsere Welt nehmen. Ein Polizist, ein Armer, ein Stummer und ein Pferd sollen sie nach dem Willen von Autor und Regisseur Antonio Latella sein: Markus Paul wird mit einer feinen Piaffe glänzen, Gunnar Golkowski mit der Mütze den Polizisten anziehen, etwas anderes wolle er nie sein. Doch er und seine ebenfalls grandiosen Mitspieler reden weniger über sich, auch wenn erst mal ausführlich die korrekte Antwort auf die Frage „Wer sind Sie?!“ geklärt werden muss. So beginnt das und so bleibt es zwei Stunden lang: ein wortgewaltiger Rundumschlag, mal solo, mal chorisch, der Kapitalismuskritik und Mülltrennung, rechte Gesinnung („ich dachte, die wäre ausgemerzt“) und Uniformsüffisanz („deren Träger klassifizieren gerne“) vor die Fäuste nimmt. Einen endlos-amüsanten Strom von mahnenden, mäkelnden oder witzelnden Worten zelebrieren die vier Zorros, zitieren und zertrümmern Klischees. Aber sie tanzen auch zwischen Torkeln und Charleston, hüpfen auf Kommando oder lachen, wie Emilio De Marchi, vollbarterschütternd. Und wenn sie was zu klagen haben, dann natürlich mit einem langen „Zzzzzzz“.

Das amüsiert prächtig, kippelt zwischen Albernheit und Analyse, einiges davon bleibt hängen und lässt nachdenken. Nur an einer Fliege scheitern die Zorros fast: Da brauchen sie alle acht Fäuste.

Doch da ist ja noch ein anderer Teil der Menschheit; der kommt im zweiten Teil des langen Abends zu Wort, aber kaum zu seinem Recht. Denn Latella und Co-Autor Federico Bellini haben für die ebenfalls vier „Wonderwomen“ nur ein Thema übrig: die Vergewaltigung der Frauen und deren ohnmächtiger Zorn. Das ist die Vorgabe für Sigrun Fischer, Ariadne Pabst, Lisa Schützenberger und Anouk Wagener, die Simona D’Amico in weiße Kittel mit Gesichtern in den Grundfarben gekleidet hat; drunter blitzen schon mal silbrige Minis, doch die haben ihren Einsatz später.

Aber erst mal wird und bleibt es ernst und empörend. Verlesen werden Urteile (italienischer) Gerichte, die Männer vom Vorwurf der Vergewaltigung freisprachen, weil das Opfer, die Frau, „wie ein Junge aussah“. Auch ein Spitzentanga kann zum Freispruch führen, weil deren Trägerin ja vielleicht was vorhatte in der Nacht. Dazu kommen Polizisten, die Anzeigen nicht ernst nehmen, die Opfer („entspannt euch mal, Mädels“) aber noch weniger. Das präsentieren die vier Darstellerinnen eindringlich, gemischt mit Empörung in Worten und Mimik. Doch dass Fakten und Urteile in Richtung der Sohlen ihrer roten Chaplin-Stiefel gesprochen werden, gibt der Glaubwürdigkeit der Regie einen heftigen Knacks. Und auf die Vorwürfe folgen bald esoterisches Wortstakkato, Gesangsfetzen, ernsthafte Anbetung des „Wahren“ (wie der Trauring im Italienischen heißt). Die „Addams Family“ dröhnt aus den Lautsprechern, wird die „Feuerstelle der Wahrheit“ gesucht und mit neonfarbenen Hula-Reifen getanzt. Das Thema aber gerät immer mehr aus dem Blick, nicht erst, wenn die Regie Schuhkartons und bebänderte Hauben auffahren lässt. Erst große Worte („Die Geschichte der Welt ist eine Geschichte der Vergewaltigung“) und dann heilen silbrige Stöckelschuhe alle Wunden? Nein.

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