„Kassandra“ von Mathis Nitschke, Stefan Behrisch / nach Christa Wolf am Theater Bielefeld. Eine Frau liegt schreiend auf einer Parkett-Schräge, die stellenweise mit Erde bedeckt ist. Ein starkes Licht strahlt sie von hinten an.

Über den Dächern von Troja

Mathis Nitschke, Stefan Behrisch, nach Christa Wolf: Kassandra

Theater:Theater Bielefeld, Premiere:21.02.2026 (UA)Autor(in) der Vorlage:Christa WolfRegie:Nadja LoschkyMusikalische Leitung:Anne HinrichsenKomponist(in):Mathis Nitschke / Stefan Behrisch

Monolog mit Musik und Chor: Am Theater Bielefeld inszeniert Nadja Loschky Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“, mit der Musik von Stefan Behrisch und Mathis Nitschke und findet mit einer gelungenen Balance der einzelnen Elemente zu außergewöhnlicher Intensität.

Nebel wallt in den Orchestergraben. Eine Pauke klagt. Schockgefrostete Streicher erzittern. Und dann öffnet sich der Vorhang: Kassandra sitzt da, auf einem Drehbühnen-Dach im kriegszerstörten Troja. „Hier ende ich“, sagt sie.

Es ist kein fröhlicher Ton, den Nadja Loschky in ihrer Inszenierung von Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ am Theater Bielefeld setzt, ebenso wenig wie die Musik von Stefan Behrisch und Mathis Nitschke fröhliche Töne anschlägt. Aber warum auch? Kassandra, die verfluchte Seherin, hat alles verloren: ihre Familie, ihre Stadt, ihre Freunde. Und nun hat sie nur noch ein paar Stunden, bis sie auch stirbt. Sie hat all das vorhergesehen und niemand hat ihr geglaubt. „Der nahe Tod mobilisiert noch einmal das ganze Leben“, sagt sie und vielmehr als zu warten und zu klagen hat sie auch nicht zu tun.

Die Bielefelder „Kassandra“ ist eine Uraufführung und ein Mehrspartenprojekt. Christina Huckle verausgabt sich als klagende, wütende, verzweifelte und stolze Kassandra in ihrem Todesmonolog auf dem Dach. Das Orchester, dirigiert von Anne Hinrichsen, – atmosphärisch, an der Grenze zur Atonalität – liefert emotionale Verstärkung dazu. Der Opernchor, angetan in schwarzen Gewändern und Totenmasken, verhackstückt singend die Namen der Toten in Kassandras Leben bis zur Unkenntlichkeit.

Chronik der Verluste und der dummen Männer

Es ist aber ganz klar Huckle, die all das trägt und oft scheinbar das Letzte aus sich herausmobilisiert; in ihrem lumpigen Nachthemd über das Dach sprintet, schreit, flüstert, weint, mit ihren paar Requisiten hantiert, zusammenbricht, intensiv und überpräsent ist. Obwohl sie nie von ihrem Dach herunterkommt. Es ist auch der Text von Christa Wolf, der all das trägt: Poesie, die Huckle ins Publikum entlässt wie tiefgefrorene Marmorblöcke, brutal geschlagen aus einem mondbeschienenen Steinbruch. Text, der durch die Kürzungen – oder besser: Verdichtungen, die Loschky und Yvonne Gebauer vorgenommen haben – viel gewinnt.

„Kassandra“ von Mathis Nitschke, Stefan Behrisch / nach Christa Wolf, mit Christina Huckle. Auf einer schrägen Parkett-Bühne steht in einem Lichtkegel eine Frau. Das Parkett ist stellenweise zerstört und mit Erde bedeckt.

„Kassandra“ von Mathis Nitschke, Stefan Behrisch, nach Christa Wolf, mit Christina Huckle. Foto: Joseph Ruben Heicks

Vieles von Wolfs verschlungener Sprache ist verschwunden, einige Nebenstränge der Erzählung weggekürzt, der Abend passt in weniger als zwei Stunden. Was bleibt, ist eine Chronik von Kassandras Verlusten. Und eine Chronik und Unfähigkeit von Männern. Ihr Vater, König Priamos, erscheint als unfähiger, nach dem Peter-Prinzip in eine Position seiner Inkompetenz beförderter Herrscher. Paris raubt Helena nicht aus Liebe, sondern „weil er durch ihren Besitz der erste aller Männer werde“. Die großen griechischen Helden – Achill, Odysseus – marodieren als brutale, stumpfe Vergewaltiger umher. Apoll, der Kassandra als Gott die Sehergabe verleiht, „nur um sich mir dann als Mann zu nähern“. Sie verweigert sich – und er verflucht sie. Überhaupt wird der Krieg weniger um Helena ausgefochten, als dass die Männer ihr Versagen nicht zugeben können: Helena ist gar nicht mehr in Troja, der Grund für den Krieg existiert gar nicht mehr. Stattdessen lügen die Machthaber.

Intensive Balance

Wolf schrieb „Kassandra“ Anfang der 80er-Jahre unter dem Eindruck des Kalten Krieges und des DDR-Regimes. In Bielefeld haucht Loschky dem Text viel Gegenwart ein: die starrsinnigen, kriegführenden Männer, eine zunehmend in militaristischen Tendenzen erkaltende Gesellschaft, Auflösung von Solidarität, Krise als sich selbst erhaltender Normalzustand. „Ereignisse, die süchtig machen, auf immer neue Ereignisse, zuletzt auf Krieg“, sagt Kassandra. Das alles trifft zielgenau, genau wie auch Kassandras Verzweiflung, weil sie, selbst Teil dieses Apparates, sehenden Auges ins Verderben laufen muss.

So ist die Bielefelder „Kassandra“ – in all ihrer Dunkelheit, ihren Ausflügen in Abgründe – ein außergewöhnliches Stück Theater, weil viel zusammenfindet: die Musik, der Chor, Huckles kompromissloses Spiel. Aber auch, weil nicht zu viel zusammenfindet: Die Musik ist mal stark präsent, aber oft eben Soundtrack, der das, was auf der Bühne passiert, verstärkt. Christa Wolfs Text, der von Muff befreit in die Jetztzeit ausschlagen kann. Der Chor, der zwar auch präsent, aber eben auch bis aufs Nötigste zurückgenommen agiert. Das Ensemble findet in „Kassandra“ eine gute Balance zwischen den einzelnen Elementen, die dadurch umso stärker wirken können.