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Bewegende Anklage

Nach Michail Ossorgin: Eine Straße in Moskau

Premiere:  (UA)   Theater: Staatsschauspiel Dresden
Regie: Sebastian Baumgarten   Foto: Sebastian Hoppe   
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Von Ute Grundmann am 06.04.2019

In einem Rollbett wird Stolnikow ins Zimmer geschoben, im Krieg wurden ihm Arme und Beine amputiert. Nun kann er keine Frau mehr umarmen und streitet bitter mit einem Kameraden, der im gleichen Krieg sein Augenlicht verloren hat und eine Frau „nur“ nicht mehr sehen kann. Das ist eine der bittersten Szenen in der Uraufführung eines russischen Romans von 1928 am Staatsschauspiel Dresden: „Eine Straße in Moskau“ von Michail Ossorgin. Der beschrieb, selbst aus der Sowjetunion ausgewiesen, die schlimmen Folgen der russischen Revolution und des Ersten Weltkrieges. Regisseur Sebastian Baumgarten ist damit eine in weiten Teilen machtvolle Wiederentdeckung einer bis heute bewegenden Kriegsgeschichte gelungen.

Zu Beginn ist die Welt tiefschwarz und verknittert. Auf die vordere Bühnenhälfte hat Christina Schmitt (Bühne und Kostüme) ein Zimmer aus und mit verknüllter Folie gebaut: Tische und Stühle, auch kleine Bäumchen und die Wände, sogar der Flügel sind von dieser Folie bedeckt. Hier versammeln sich Familie und Freunde des Ornithologen Iwan Alexandrowitsch (Holger Hübner), die zunächst stumm bleiben. Denn was in den Köpfen von Dunja (Nadja Stübinger), Andrej (Betty Freudenberg), Stolnikow (Moritz Kienemann) oder Ehrberg (Thomas Wodianka) vorgeht, lässt Sebastian Baumgarten von einer heiser flüsternden Stimme aus dem Off vortragen und als Videoschrift erscheinen, nachdem heftiger Kunstnebel die Personen nach und nach auf die Bühne gepustet hat. Der Ornithologe denkt darüber nach, wie lange er noch leben wird, sein Bruder Borja (Thomas Eisen) sinniert über das Universum und den Sinn des Lebens.

Doch die Antworten auf diese Fragen werden sich sehr bald sehr brutal verändern, als mit einem Donnerschlag und Kriegsfilmszenen (Video: Philipp Haupt) das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo und damit der Beginn des Ersten Weltkrieges gezeigt wird – an Dunjas 17. Geburtstag. Die Männer tragen da schon Uniform und, jetzt dürfen die Schauspieler selbst sprechen, diskutieren darüber, was ihnen bevorsteht: „Wir sind dazu da, erschossen und getötet zu werden“, bringt es einer auf den Punkt. Doch noch etwas steht dieser Welt bevor: Dass Millionen Menschen durch Maschinen ersetzt werden. So prophezeit es eine russische Agitatorin.

Und nun wandelt sich auch die Bühnenwelt: Hinter dem düsteren Folienzimmer erscheint ein Raum ganz in Weiß, dort stehen Birken wie bei Tschechow, schmale Balken sind hoch aufgeschichtet. Und Michail Ossorgins Satz von den „erschreckenden Verlusten“ dieser zweiten Revolution macht Baumgarten fast brutal sichtbar: der Blinde Soldat, der amputierte Stolnikow, dem sein Gehilfe Grigori (Sven Hönig) vorhält, nicht Gott, sondern die Menschen hätten ihn zum Krüppel gemacht.

Diese Szenen macht Sebastian Baumgarten konsequent zu einer knüppelharten Anklage gegen Krieg und politische Säuberungen, deren stetige Wendungen, wenn nicht zufällig, so doch für die Menschen kaum nachvollziehbar erscheinen, das Nichtwissen, welche Doktrin gerade gilt, aber lebensgefährlich ist. Diese Zeitenwende zeigt Bühnenbildnerin Christina Schmitt mit einem dreiköpfigen, feuerroten Riesendrachen, neben dem sechs rote Sterne aufgespießt sind: Jetzt regiert die Revolution, das Paradies für die armen Leute muss anderswo sein.

In Ossorgins Roman, von Ursula Keller übersetzt und 2015 für „Die andere Bibliothek“ wiederentdeckt, wird, wie auch in der Spielfassung von Jörg Bochow und Sebastian Baumgarten, viel diskutiert, agitiert und argumentiert. Das aber hat eine durchgehend hohe Qualität und, wie meist bei Baumgarten, eine sehr konsequente Personenführung. Der Roman allerdings endet im Jahr 1920, die jetzige Spielfassung verlängert die Handlung bis in die 1960er Jahre: Da werden Chruschtschow, Breschnew und Kennedy erwähnt, der erste Mensch im Weltall, Juri Gagarin, gefragt, ob er dort Gott gesehen habe (was er mit dem abgekauten Scherz „sie ist schwarz“ beantwortet) – das ist schon in der mißlungenen Szene im Juri Gagarin-Arbeiterklub, wo Astafjew (Wodianka) den Clown und Dunja eine Chansonette geben. Das ist sehr dünn und sehr platt, gibt aber den Zuschauern die gern genutzte Gelegenheit zum Lachen, ebenso später bei Astafjews Kalauer, ihm seien Ronaldo und Thomas Müller lieber. Und auch die wunderbare Absurdität, dass der beschlagnahmte Flügel aus dem bürgerlichen Gelehrtenhaushalt bei einem verdienten Parteigenossen statt im Arbeiterklub landet, kostet die Inszenierung aus.

Da gelingt auch noch die wunderbare Szene einer tanzenden Uhr, die zum Krieg der Zeiger wird, ehe es auf das bittere Ende zugeht. Da ist Astafjew schon als „Feind der Sowjetunion“ verhaftet und muss schwarze Leichensäcke in eine Grube werfen. Der biedere Onkel Borja aber rumpelt mit einem Panzerungetüm ins Zimmer des Ornithologen, klaubt Geld und Pässe zusammen, ist zum Reisekader mit Ziel Deutschland aufgestiegen. „Es sind schlimme Zeiten, kommen noch mal bessere?“ fragt er Dunja, die sich für Astafjew einsetzen will. Doch dazu ist er zu feige, fleht, sie solle bloß seinen Namen nicht nennen und so macht Dunja sich allein auf zum Arbeiterklub.

So entsteht eine tiefbewegende Anklage, wie sie aktueller kaum sein könnte, ganz ohne heutige Beispiele zu nennen, geht das unter die Haut. Allerdings hielten nicht alle Zuschauer die knapp dreieinhalb Stunden der Inszenierung aus und durch.

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