Wieland ist ein Spezialist für solche explosiven Begegnungen, die ursächlich zärtliche Kontexte aufladen mit Spannung und Energie. Interessant auch, wie er die anschwellende Musik oft choreographisch nicht bedient, sondern extrem ruhige Bewegungen damit kontrastiert, die Tänzer auch oft so verloren und mit sich selbst beschäftigt rumstehen oder -sitzen lässt, wie es Menschen in einer kühl-konsumistisch durchgestylten Gesellschaft oft sind. Das schürt umso mehr den Eindruck, das unterschwellig vieles nicht stimmt in diesem Pool.
Es wird auch viel geräumt, aufgeräumt, wieder vollgerümpelt. „You will be removed“. Eigentlich sind alle Menschen immer irgendwie auf der Flucht. Es gibt auch eine ganz schmiegsame, weiche Gruppe, anlehnungsbedürftig an der Wand und dem Nächsten lang. An Ringen hangelnd wird eigentlich nur die bekannte Aggression wiederholt.
Und dann schauen alle, schick in Weiß gewandet, ins Publikum. Ein halbnackter Kollege muss sich nach ihren Anweisungen zeigen und drehen: das Leben als Ausleseprozess, von der Castingshow bis zum Flüchtlingscamp. Sinnfällig nachgespielt mit der „Reise nach Jerusalem“ – dieses Kinderspiel, bei dem es immer einen Stuhl zu wenig gibt im Kreis und das den frühen Gebrauch des Ellenbogens lehrt. „Hauptsache weiß, das ist demokratisch. Nur nicht vermischen“, beschwört eine Tänzerin. Auch Mann- und Frausein, sauber definiert. Das bleibt eher Sprechblase, hier fehlen Wieland konkrete Situationen, die den Zynismus greifbarer machten. Über einer synchronen Gruppe geht das Stück plötzlich aus, ohne starkes Bild, das Appell sein könnte, ohne Effekt. Merkwürdig, und in krassem Kontrast zu den starken Bewegungsfindungen im ersten Teil. Trotzdem gab’s rasenden Applaus im Kasseler Schauspielhaus.
