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Bedingungslos Mensch sein

Melina von Gagern: Humankapital

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Theater Vorpommern
Regie: Melina von Gagern   Foto: Theater Vorpommern / Die Deutsche Bühne   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Ute Grundmann am 29.08.2020

Was wäre, wenn man ein Auskommen ohne Einkommen hätte? Eines, für das man nicht arbeiten muss? Diese Idee geistert nicht erst seit der Corona-Pandemie durch die gesellschaftlichen Debatten, seit dem Lockdown aber mehr denn je. Und so machte man am Theater Vorpommern aus dem chic BGE abgekürzten Lebensunterhalt einen kurzen, knackigen Theaterabend. Doppel-eindeutiger Titel von Recherche und Szenen: „Humankapital“.

Mit dem Programmheft, das es trendy nur im Internet abzurufen gibt, geht es schon los: „Freischaffend mit Teilzeitvertrag“, „freischaffend, „angestellt“, „ehrenamtlich“ haben Schauspieler, Regieteam, Werkstätten das Stück auf die Bühne gestellt. Die „Ehrenamtlichen“ sind 17 Autoren, die ihre Gedanken zum Thema „bedingungslos“, als auch honorarlos, zur Verfügung gestellt haben. Einer davon setzt anfangs zur Entschuldigung an, um im Finale zu erklären, er habe nichts geliefert, weil er davon lebe, seine Texte zu verkaufen. So sind die rund 40 Zuschauer auf der Hinterbühne (Werkraum) in Greifswald gleich drin, sowohl im Theaterstück als auch im Thema.

Das hat die freischaffende Theatermacherin Melina von Gagern recherchiert und ihr Konzept dann auch inszeniert. Im Bühnenhalbdunkel schimmern helle Zuckersäcke und Hublader, die scheinbaren Häuseretagen entpuppen sich als die pandemieabgedeckten Reihen des Großen Hauses, das zweimal kurz mitspielt (Bühne und Kostüme: Theresa Scheitzenhammer, freischaffend). Ansonsten gehört die kleine Bühne dem „Humankapital“: dem Ensemble aus Christiane Waak, Feline Zimmermann, Jan Bernhardt und Ronny Winter, drei tennisweiß, einer papageienbunt gekleidet.

Schnell wird das „Bedingungslos“ des Grundeinkommens zum Kernwort des Abends, der Statements, Erfahrungen, Allgemeinplätze und Hoffnungen aufbietet. „Die Erde gehört uns allen – wer besitzt den Mond?“ nimmt einen Debattenstrang auf, „Alles muss seinen Wert haben – ich arbeite gern“ einen anderen. Dass man zwei Wochen nicht leben (essen, einkaufen) darf, um Urlaub machen zu können, wird angesichts BGE glücklich verworfen. Und der Satz „Geld ist Beinfreiheit“ zitiert abgewandelt einen gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten.

So geht es hin und her, oft im Chor – mit deutlichem Auftakt-Atmen –, es wird groß mit langen Zahnstochern gefochten, klein, fies und metallisch gelächelt. So bringt diese „Stückentwicklung“ vieles aufs Tapet, einiges wirkt nach, vieles rauscht so durch, die Qualität der Texte ist durchaus unterschiedlich. Und Melina von Gagern und ihr Team stellen mehr Fragen als sie Antworten geben (die entwickeln sich vielleicht in den Köpfen der Zuschauer). Zur auf der Bühne gedrehten Zuckerwatte gibt es den Hanne Haller-Schlager „Was will man auf dieser Welt“, später den bösen Satz: „Auf dem Sterbebett fragt keiner mehr nach Überstunden.“

Im Kern also geht es darum, was Arbeit mit und aus uns macht, erst recht, wenn man sie verliert. Auch da ist das Stück so zweischneidig wie das Wort „Humankapital“: Es bietet den Un-Satz „Leistung muss sich wieder lohnen“ ebenso auf wie die erschreckende Szene der Mensch gewordenen Angst, die alle Arbeitenden unter der Knute und so den Betrieb am Laufen hält.

Schade nur, dass die 80 Minuten am Ende in Kindergeburtstags-, dann in Zirkusstimmung zerfasern. Denn eigentlich geht es hier ja um das Wesentliche: Bedingungsloses Menschsein.

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