Foto: Das Drag Ensemble unter dem Meer. © Kerstin Schomburg
Text:Jan Fischer, am 28. Februar 2026
Von Zürich nach Hamburg: Bastian Krafts „Die kleine Meerjungfrau“ hat Premiere im Thalia Theater. Bastian Kraft zeigt eine optimistische Show mit einem Ensemble, das sich lustvoll auf die Suche nach Identitäten begibt. Dafür hat er Stück gegenüber der Zürcher Fassung etwas mehr in der Hansestadt verwurzelt.
Einen Disney-Moment gibt es dann doch: Ursula hängt, von einem Tentakel-Kleid umrahmt, im Gestänge des Thalia-Theaters, Arielle schießt grünbeflosst auf einem Skateboard über die Bühne, Julian Greis steht daneben und singt beide Stimmen von Ursulas „Die armen Seelen in Not“, während Arielle und Ursula dazu lipsyncen.
Das war es dann aber auch mit Disney in „Die kleine Meerjungfrau“ in der Regie von Bastian Kraft. Die Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich versucht, sich Andersens Märchen auf fluidere Art zu nähern. Da ist einmal eben die Disney-Version, Arielle, die mit ihren roten Haaren und ihrem grünen Fischschwanz im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Da ist die Vorlage, das Märchen von Hans-Christian Andersen, das mit seinem tragischen Ende und der Geschichte einer unmöglichen Liebe auch immer wieder als Ausdruck von Andersens sexueller Orientierung und ihrer Unmöglichkeit gelesen wird.
Da sind die Dragqueens auf der Bühne, die in der Version am Thalia Theater teilweise – wie Leona London – aus der Hamburger Szene stammen, teilweise aber auch – wie Olympia Bukkakis – aus Berlin. Sie erzählen ihre Geschichten. Manchmal sind das Geschichten von Angriffen, Übergriffen, Unverständnis. Öfter aber sind es Geschichten vom Finden ihrer Identitäten, von einer Suche, die gerade jetzt, vorne auf der Bühne, eingesponnen in Glitzer, Federn und Plüsch, ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Positive Geschichten.
Ebenenspiel mit Metaphernplüsch
Kraft verknüpft all das für seine „Die kleine Meerjungfrau“, die er fürs Thalia Theater gegenüber der Zürcher Version etwas verändert und in Hamburg verwurzelt hat. Die Suche der Meerjungfrau, ihre Sehnsucht nach Beinen, der Liebe und dem Land, wird zur Metapher einer Suche nach ihrer Identität (die am Ende selbstverständlich nicht die Liebe zu einem eher eingeschränkten Prinzen ist). Der Verlust ihrer Stimme wird zu einem Bild dafür, wie schwer es ist, eine eigene Geschichte zu erzählen, wenn sie nicht zu dem passt, was die anderen von einem hören wollen. Oder zu einer Metapher dafür, dass nicht-normierte sexuelle Orientierungen teilweise systematisch unterdrückt werden. Einmal näht sich eine der Dragqueens im Video den Mund zu, Blut fließt, das Publikum schafft es teilweise nicht, hinzusehen.
Was „Die kleine Meerjungfrau“ ausmacht, ist ein Spiel mit seinen vielen Ebenen: Märchen, Drag-Show, Disney, politisches Thesentheater. Das alles kann jeden Moment ineinander überklappen. Jemand erzählt von einem schmerzhaften Coming-out. Jemand anders stürmt die Bühne und lipsynct „I need a hero“ zu einem Greenscreen-Video darüber. Ernst kippt in Witz, kippt in Plüsch, in Kitsch, in Trash, in Märchen, in Andersen-Biographie und wieder zurück.

Die kleine Meerjungfrau und die Meereshexe. Foto: Kerstin Schomburg
Die Transformation im Herzen
Im Herzen all dieser Ebenen liegt eine Erzählung von Transformation. Die Inszenierung beginnt mit den sieben Darsteller:innen, die sich vor Schminkspiegeln zurechtmachen. Das zieht sich durch die ganzen gut zwei Stunden Spielzeit: Immer sind die Spiegel im Blick, meist sitzt jemand davor. Perücken werden auf- und abgesetzt wie Hüte, während die Meerjungfrau sich der Illusion hingibt, da oben, an Land, könne sie endlich zu sich selbst finden. Ohne Schwanz sei sie besser dran. Manche Frauen, heißt es auf der Bühne, trügen eben einen Schwanz.
Dabei ist „Die kleine Meerjungfrau“ vor allem auch eine lustige Inszenierung. Das hat mit den oft ironisch-trashigen Drag-Show-Momenten zu tun. Sie schämt sich aber auch nicht für eher flache Wortspiele (siehe oben, Schwanz). Eine Inszenierung, deren Ensemble man die Lust am Spiel – auf der Bühne, mit Geschlecht, mit Identität – anmerkt. „Ich schaffe es noch nicht einmal, eine Netflix-Serie auszusuchen. Wie soll ich mich da auf ein Geschlecht festlegen?“ ist ein schöner Satz, der da fällt.
Unter den Glitzerschichten
Wie jede gute Drag-Show verbirgt aber auch „Die kleine Meerjungfrau“ unter all dem Glitzer einen ernsten Kern. Das zeigen die persönlichen Geschichten der Darsteller:innen, in denen es immer wieder darum geht, wie schwer es ist, sich selbst zu finden, wenn man anders ist. Wenn die gesellschaftliche Akzeptanz für das, was man ist und sein möchte, so niedrig ist, dass es kaum Orientierungspunkte dafür gibt, kaum Erzählungen, an denen man sich orientieren könnte.
Vor allem das leistet aber „Die kleine Meerjungfrau“. Es geht nicht ums platte Problematisieren, ums Klagen, dass alles so schwer ist. Es geht darum, Geschichten zu erzählen, an deren Ende gelungener Selbstausdruck steht. Mütter, die sich nach langer Zeit mit der Homosexualität ihrer Kinder arrangieren und ihnen am Ende noch Schminktipps geben. Verschüchterte Ausflüge auf die Reeperbahn, die zu Initiationserlebnissen werden. Gelungene Fluchten. Gefundene Leben. Die Inszenierung ist eine Feier von unendlichen, fluiden Identitäten, in der die Geschichte der Meerjungfrau eine exemplarische Geschichte einer Reise zu sich selbst ist. Auch wenn – wie bei Andersen – Krafts Inszenierung am Thalia Theater tragisch ausgeht und die Meer-Dragqueen zu Schaum auf dem Wasser wird. Aber was soll’s. Am Ende sind wir alle nur Schaum, der vom Wind in alle möglichen Richtungen getragen wird und irgendwann zerplatzen muss. Bis dahin aber, und so gibt es doch ein Happy End, glitzert er wunderschön im Sonnenlicht.