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Aussichtslose Machtkämpfe

Friedrich Schiller: Maria Stuart

SchauspielPremiere: Theater: Salzburger Festspiele
Regie: Martin Kušej    Foto: SF / Matthias Horn 
Von Christina Kaindl-Hönig am 15.08.2021

Ein dumpfer Schlag erfüllt das Dunkel. Im hellen Licht schwingt, einem Uhrpendel gleich, ein abgetrennter Kopf an seinen langen Haaren über einem Heer nackter Männer. Stumm, in Reih und Glied, bilden sie die lebendige Kulisse für die letzten Tage der Maria Stuart im Jahr 1587, deren tödliches Ende am Hof Elisabeth I. von Anfang an besiegelt scheint. Noch steht sie nah am Abgrund der Bühnenrampe, die Hände am Rücken gefesselt, angekettet an ein meterlanges, blutrotes Seil, und bejammert gebeugt ihre Schicksal. Wie ein Schild bedeckt ihr flammend rotes Haar ihren Oberkörper. „In England bin ich nicht schuldig!“, bricht es trotzig aus Birgit Minichmayrs schottischer Königin, heimgesucht von Schuldgefühlen für die einstige Ermordung ihres Mannes. Wütend ausgeliefert den demütigenden Küssen ihres Wärters Paulet (Rainer Galke), erduldet sie wehrlos-fauchend die brutalen Berührungen seines Neffen Mortimer (Franz Pätzold), ehe sie wenig später gegenüber Norman Hackers kaltschnäuzigem Baron von Burleigh juristisch findig das an ihr verübte tödliche Unrecht formuliert, das sie schließlich in den Wahn treiben wird.


Denn die Welt, der gesamte Hof der englischen Königin Elisabeth I. ist ein Gefängnis. Ein schmuckloser, leerer Raum (Annette Murschetz), dessen Boden mit schwarzem Sand bedeckt ist. Die äußere und innere Natur scheint domestiziert zwischen kahlen Wänden, worin es im aussichtslosen Machtkampf zweier Herrscherinnen am Ende nur Verliererinnen gibt. Es ist eine düstere, durch Blackouts getaktete Version von Friedrich Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“ von 1800, das Regisseur Martin Kušej – zum ersten Mal in der 101-jährigen Geschichte der Salzburger Festspiele – auf der Halleiner Perner Insel mit einem Staraufgebot an SchauspielerInnen des koproduzierenden Burgtheaters auf die Bühne stemmt.

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Schillers überaus nuancierte und spannungsgeladene Studie über die Mechanismen patriarchaler Macht, unter der beide Königinnen leiden, skelettiert Kušej mit starken Strichen bis auf den Plot – und landet bei einem langatmigen Krimi ohne erhellende Tragik. Er verkleinert die Figuren zu eindimensionalen Typen, allen voran Itay Tirans Graf von Leicester mit Bierdose als schmierig-intriganter Liebhaber Elisabeths und Franz Pätzolds Mortimer als ungestümen Träumer, der Maria Stuart an den eigenen Haaren bis zum Röcheln würgt, ohne dass die Figuren ins Zusammenspiel kämen, ohne dass der Horror der Intrige glaubhaft spürbar würde.


Dabei sind es drastische Bilder, die Kušej entwirft, wenn etwa Bibiana Beglau als Elisabeth das Todesurteil für ihre Kon-trahentin gleichsam mit Blut unterzeichnet: Rot leuchten die Lettern ihres Namens auf den bloßen Rücken der fast stets präsenten nackten Heerschar. Eine kühl berechnende, bis ins Innerste um Haltung zugerichtete Herrscherin im weißen Hosenanzug (Kostüme: Heide Kastler). Doch als sie weinend zusammenbricht durch Leicesters Verrat, sich selbst tröstend beruhigt, indem sie sich die nackte Schulter streichelt und an den Hals des väterlichen Beraters Talbot (Oliver Nägele) wirft, da verrät die Regie auch noch die mit patriarchalen Machtstrukturen ringenden Frau und macht die Königin zum Kind. Und anstatt Maria Stuart in all ihren Ambivalenzen zu zeigen und ihre märtyrerhafte Selbstüberhöhung bei der Hinrichtung zu problematisieren, driftet sie bei Kušej in einen durch Nebelschwaden patheisch garnierten Wahn.
Am Ende steht Elisabeth im blutroten, langen Abendkleid wie ein historisches Standbild ihrer selbst einsam im Zentrum der Bühne und summt die ersten Töne von „God save the Queen“. Konzeptlos zerfällt eine Tragödie in lose Bilderschnipsel, ungeahnt bleibt die Brisanz von Schillers Königinnendrama, in dem erschreckend aktuell der Schein über die Realität triumphiert und egoistische Intrige die politische Wirklichkeit bestimmt.

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