Überzeugend aus dem Geist höhnischen Widerspruchs schon die Eröffnungsszene. Wenn sich selbst erklärt rechtschaffende Bio-Fairtrade-Menschenfreundinnen empören, dass ihr Land, „die Guten“, von Selbstmordattentätern heimgesucht wird – ist das sinnfällig amüsant als Chor eitel stöckelnder Model-Zicken zu erleben. Und wenn selbstverliebte Artisten bei traumatisierten Kriegsopfern ihre Überlegenheit feiern wollen, indem sie Kunst-Workshops anbieten, wird das mit erfrischend satirischer Verve dargeboten. Überhaupt gelingen alle komödiantischen Darstellungsarten wirkungssicher. Aber Ravenhill will ja mehr.
Das Szenario (Bühne/Kostüme: Alexander Martynow) für das schlaglichtscharfe, pointierende Mosaik einer Gesellschaft zwischen aktueller Bedrohung, Alarmismus und Sehnsucht nach Gated Communties ist von kühl abstrakter Schlichtheit, offen für alles. Zwei Stellwände verengen oder weiten den Spielraum. Olschok hat nur eine Vorgabe: zwei Antriebe. Mal schreckt kakophonischer Lärm die Figuren auf, mal balsamieren harmonieselige Klangeinwürfe. Wachrütteln existenzieller Angstzustände durch den dauernden Kriegszustand da draußen – und alles da drinnen wieder in den Griff kriegen wollen. Darum kreisen die knappen Szenen. Die Sicherheit erstrebenden Abwehrmechanismen der gefährdeten, verletzten, umgetriebenen Seelen macht Ravenhill immer erstmal verständlich, um sie dann als exzessiv werdenden Wahn schwärzest humorig anzuprangern. Diese Doppelbödigkeit überfordert ab und an die jungen Darsteller. Sie pumpen massiv Gefühle in ihre Aktionen, ohne sie darstellerisch präzise zu gestalten. Statt widersprüchlicher Individuen sind manchmal ungebrochene Klischees zu erleben. Gerade die Männer verfallen in kraftmeierndes Mackertum beim Soldatenspielen und sind coole Rachedumpfbacken beim Foltern. Während eine Terroristin (Martha Pohla) wider den westlichen Lebensstil sowohl aggressiv todesengelig funkeln und heulendes Opfer brutaler Verhörmethoden sein kann. Zum Finale singen alle „God is in the house“, Nick Caves Spottlied übers Verbarrikadieren im Glauben an die eigene Wahrheit. Da müssen alle potenziellen Gefährder, alle Andersdenkenden draußen bleiben. Vielleicht sollten die Zinnowitzer mit ihrer Produktion eine Tournee durch die Schweiz planen…
