Sein „Simplicius Simplicissimus“ ist aktuell geblieben – so viele szenische Musiktheater-Werke über den Krieg und als Warnung vor dem Krieg gibt es ja auch gar nicht. Im ersten Bild lebt der elternlose, unschuldig-unwissende Simplicius bei einem Bauern, der das Kind vor den Gefahren des Krieges warnen will, aber dann schlägt die Gewalt über ihnen zusammen. Im zweiten Bild trifft Simplicius auf einen Einsiedler, der ihn erzieht und belehrt, ihm das Leben und Gott nahebringt. Nach zwei Jahren legt der Einsiedler sich ins Grab, seine Zeit sei gekommen. Im dritten und letzten Bild wird Simplicius zum Gouverneur gebracht, der unter dem Motto „ja lüderlich sind alle Weiber, hei“ mit anderen Kriegsleuten ein Fest feiert. Er amüsiert sich über Simplicius, der durch den Einsiedler gelernt hat, immer die Wahrheit zu sagen, und nimmt ihn als Hofnarren auf. Am Ende aber kommen Bauern und bringen alle Kriegsherren um. Simplicius bleibt alleine zurück.
Das Werk ist nicht durchkomponiert, Sprechszenen und Sprechgesang wechseln ab mit gesungenen Passagen und Orchesterzwischenspielen, am eindringlichsten beim Tod des Einsiedlers, wo das jüdische Lied „Elijahu Hanavi“ zitiert wird. Die musikalische Qualität der Mainzer Aufführung ist hervorragend. Hermann Bäumer führt das kleine Orchester, die Solisten und den Chor souverän durch die Partitur. Die junge Marie-Christine Haase als Simplicius (die Partie ist für Sopran geschrieben) überzeugt in Spiel und Gesang, wird vom verängstigt-unwissenden Kind zum rebellischen Erwachsenen. Die Regisseurin Elisabeth Stöppler nutzt die offene Form der Oper, um eigene Akzente zu setzen, sie führt, im Sinne Hartmanns, die Aktualität bis in die Gegenwart hinein.
Zu Beginn und am Ende und einmal zwischendurch tritt in der Urfassung ein Sprecher auf, dessen Hauptbotschaft lautet: Anno 1618 lebten 12 Millionen Menschen in Deutschland, anno 1648 nur noch vier Millionen. In Mainz begleitet dieser Sprecher den ganzen Abend, zusätzlich ausgerüstet mit einer Trommel, deren Schläge die militärisch-kriegerische Atmosphäre betonen. Selbst der friedliche Einsiedler hat eine Pistole. Die Bühne (Annika Haller) ist chaotisch, besteht aus großen Kartons, die überall herumstehen, zum Teil beschriftet mit Zahlen wie 1618 –1648 oder 1914 – 1918 und anderen Kriegsdaten. Im letzten Bild werden sie zu einem großen Raum arrangiert, zu einer Waffenkammer, auf allen Kartons prangt nun ein Maschinengewehr. Zur Inszenierung gehört in diesem Fall das vom Dramaturgen Anselm Dalferth redigierte Programmheft. Es enthält u.a. einen Report zu deutschen Waffenexporten heute, einen Deutungsversuch über das Sozialverhalten von Menschen, die an Massenerschießungen teilgenommen haben, und auch einen Text von Cora Stephan zur Interpretation des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert.
Der überraschendste Inszenierungscoup gelingt Elisabeth Stöppler im letzten Bild. Wie von Hartmann vorgesehen tritt beim Gouverneur eine halbnackte Dame mit riesigen Brüsten auf, eine Statistin, die ziemlich hilflos zwischen den Männern herumtorkelt. Doch plötzlich beginnt sie zu singen, genau den Text, den Hartmann in dieser Szene Simplicius in den Mund legt, eine mehr komische als hämische Betrachtung über diese Dame, die ihn an einen Affen erinnert. Noch während des Gesangs entledigt sich die Dame plötzlich des üppigen Gummileibs, darunter kommt, klein und zierlich, Simplicius zum Vorschein. Die Szene wirkt, als wollte Simplicius einmal selbst die äußerste Demütigung erfahren. Nun ist das Kind Simplicius endgültig wissend und erwachsen geworden, ein junger Mann, oder doch eher eine Frau, suggeriert die Inszenierung. Im Abspann sind Simplicius und der Sprecher allein auf der Bühne. Noch einmal Anno Domini 1618 –1648, und in rascher Folge 1914 –1918, 1939 – 1945 usw. usf. Schließlich ruft Simplicius in die Zukunft hinein: Anno Domini, Anno Domini, und immer verzweifelter: Anno Domini, Anno Domini …
