Crossover,

Anderssein in der Provinz

Tom van Hasselt: Brigitte Bordeaux

Theater:Landestheater Schwaben Memmingen, Vorlage:nach dem TheaterstückAutor(in) der Vorlage:Sergej GößnerRegie:Alexander MayMusikalische Leitung:Sebastian Kern

Eine riesige zweiteilige Showtreppe, die auseinander schiebbar ist, beherrscht die Bühne im Landestheater Schwaben Landestheater Schwaben Memmingen Die silbernen Vorhänge unten und oben glänzen im Licht golden und Bühnennebel wallt: Die Szenerie von Dirk Seesemann lässt keinen Zweifel daran, dass große Show angesagt ist. Nicht nur der Titel des Musicals – „Brigitte Bordeaux“ – deutet „Pariser“ Nightclub-Atmosphäre an, sondern auch Tobias Bode strahlt mit seiner Figur jene halbseidene Verruchtheit aus, die – zumindest ältere Generationen – mit den Vergnügungen in Paris verbinden. Die Kompositionen von Tom van Hasselt lehnen sich geschickt an die Struktur französischer Chansons an, sehr melodiös konzipiert, dabei auch Raum lassend für Übergänge zum Sprechgesang. Songs, die von Morris Perry geschickt in variantenreichen Choreografien umgesetzt werden.

Dieses Musical, entstanden nach dem Theaterstück von Sergej Gößner, ist nur über die Figur der Brigitte Bordeaux mit Paris verbunden, die ihre Geschichte als Transmensch dem Publikum erzählen möchte. Der Handlungsort jedoch ist ein anderer: der Winzerort Moselheim, angedeutet durch immer mehr auf die Bühne getragene alte Weinfässer. Hier ereignet sich Unerhörtes:  Herbert (souverän von Klaus Philipp vorgeführt) Vorsitzender des Winzervereins und Mitglied des 1933 gegründeten Chores, verkündet von einem Tag zum anderen, eine Frau zu sein und möchte Brigitte genannt werden. Während seine Frau Moni (von Mirjam Smejkal mit verbittertem Charme gespielt) gelassen bleibt, agiert Tobias Loth als Sohn Sebastian als explosives Pulverfass. Zur Familie gehört auch die „Reingeschmeckte“ – wie der Schwabe Neuhinzugezogene nennt – Maike, die zum Spielball der Familienpolitik wird: Brigitte (oder Herbert) hat sich in den Kopf gesetzt, Weinkönigin von Moselheim zu werden. Und Sebastian setzt nun seine Verlobte, die nur keine Ahnung von Wein hat, als Gegenkandidatin ein. Milena Weber führt sie als anrührende junge Frau vor, die sich fremd fühlt und doch dazugehören möchte.

Große Show

Alle Figuren führen sich singend ein. Gerd Friedrich hat ihnen bunte, nicht realistische Kostüme geschaffen. Wenn es um die Dorfatmosphäre geht, glänzt „Brigitte Bordeaux“ mit kabarettistischen Einlagen. Vor allen Dingen Tom Christopher Büning brilliert in verschiedenen Rollen wie Bürgermeister oder Nachbar mit präziser Komik. Tom von Hasselt und Sergej Gößner arbeiten mit irritierenden Spannungsmomenten, die auf ein Geheimnis hinter aller schillernder Unterhaltung verweisen. Sie haben eine große Sympathie für das „Anderssein“, für Menschen, die sich eine andere Identität wünschen als der, mit der sie geboren wurden. Sie problematisieren, wie die Gesellschaft mit diesen vermeintlich Anderen umgeht. Konsequent wird diese Perspektive auch von der Uraufführungsinszenierung, die Mitintendant Alexander May von den Burgfestspielen in Mayen mitgebracht und für das Haus in Memmingen modifiziert hat, eingehalten: Das Publikum wird direkt angesprochen, Szenen wie die, die die Vorurteile der Nachbarn gegen Transmenschen zeigen, werden im Zuschauerraum gespielt: Es gilt, die eigenen Vorurteile zu überprüfen. Leider wird das am Ende auch als direkter Appell formuliert.

Brigitte/Herbert ist zum guten Schluss wieder Herbert. Er hat das Ganze nur inszeniert, um herauszufinden, wie ein Transmensch sich fühlt. Denn Brigitte Bordeaux ist sein Sohn, den er einst verstieß, als dieser sich outete. Friede, Freude, Eierkuchen? Nun Brigitte wird für ein Jahr das geliebte Paris mit seiner Lebensfreude und Gegenbild zur tristen Provinz verlassen, um in Moselheim als Weinkönigin zu residieren. Gelöst ist aber nichts, man wird weiter hart an den Vorurteilen arbeiten müssen.

Was diese Inszenierung auszeichnet, ist diese schillernde Vermischung von Unterhaltung und Tiefe des Themas, von lauten und ruhigen Momenten – ein Höhepunkt, wenn Tobias Bode als Brigitte Bordeaux von den Erfahrungen des Andersseins singt. Musikalisch dominiert das Chanson mit Anspielungen an rockige Rhythmen. Hinter verschlossenem Vorhang, der sich erst gegen Ende hin öffnet, spielt unter der Leitung von Sebastian Klein eine vierköpfige Band in der Besetzung Piano, Gitarre, Bass und Drums, eingängig und mit Schmiss.

Langer Applaus im vollbesetzten Landestheater, der hoffentlich auch dem Thema gezollt war.