Image

Analytisches Zerrbild

Sergej Maingardt / Rosi Ulrich: format BLACKBOX

Premiere:  (UA)   Theater: Freies Werkstatt Theater
Foto: Meyer Originals 
Fotostrecke auf der Homepage des FWT
Von Andreas Falentin am 19.02.2016

Vom Einlass an wird eine Aura der Fremdbestimmung etabliert. Einige Zuschauer werden, trotz „freier Platzwahl“ im Keller des Freien Werkstatt Theaters, herausgepickt und auf bestimmte Plätze dirigiert. Durch einen Mittelgang unterbrochene Sechserstuhlreihen sind von zwei Seiten auf eine Mitte hin ausgerichtet. Die Sitzanordnung lässt an ein Flugzeug denken. Die ersten Minuten der Performance bedienen dieses Bild. Die Mitte wird geschlossen und dient von zwei Seiten als Projektionsfläche. Der Zuschauer ist tatsächlich in die Titel gebende Blackbox eingesperrt. Über die Projektionsfläche flimmern Buchstaben, Wörter, Zahlen, bunte, graphische Formen, Schlieren wie der Output einer gewaltigen sich selbst dienenden Maschine. Dazu die Musik von Sergej Maingardt, eine Partitur für sechs elektronisch verfremdete, überformte Instrumente und bewegte Alufolie zwischen Pattern, Geräusch und Krach. Sie konturiert den Raum und gibt dem kurzen Abend rhythmische und dynamische Struktur. Und sie verstärkt das ohnehin vorhandene Unbehagen und die Überflutung mit widerständigen, störrischen auch verstörenden Reizen.

Da hinein setzt die Autorin und Dramaturgin Rosi Ulrich, sozusagen das Gehirn und Kreativzentrum von theater-51grad, rationell gebaute fragmentarische Erzählungen, die Orientierung geben und als Erklärungen und Vertiefungen dienen – fast wie im epischen Theater. Ein Mann will seine Mutter besuchen und glaubt, das nur zu können, indem er seine Identität verschleiert. Die neben ihm sitzende Frau hat, offenbar zu medizinischen Zwecken, einen implantierbaren, den Menschen auslesenden, aus der Ferne auslesbaren Chip erfunden und sorgt sich nun um dessen Verwendung. Wir sehen Ängste, Träume und Visionen. In einer Werbeveranstaltung bietet der Pilot seinen Passagieren einen „digitalen Analysten“ zum Kauf an, der durch sekundenschnelle Käufe und Verkäufe sensationell erfolgreiche Wertpapiergeschäfte tätigen könne, weil er auf Daten zurückgreifen könne, die allein ihm zur Verfügung stünden.

Anzeige

Reize, Strukturen und Inhalte fließen auf allen theatralischen Ebenen ineinander. Sie geben kein homogenes Bild, wirken auch mal kurz beliebig oder versponnen, verlangen aber in jedem Moment eine Haltung vom Zuschauer. Wir sind aufgefordert, uns zu fragen, wieviel Gegenwartsanalyse in dieser so künstlich wie kunstvoll in die Zukunft gedachten ersten Musiktheaterproduktion von theater-51grad steckt. Du musst dein Leben ändern! Musst du wirklich?

„format blackbox“ ist eine merkwürdig stringente Anti-Utopie, die, obwohl sie keinerlei dokumentarisches Material verwendet, mit dem Aufklärungs- und Veränderungsfuror und der Sachlichkeit eines Rechercheprojektes daherkommt, ein fast klassisch ins Monströse getriebenes Zerrbild der Informationsgesellschaft, dessen Qualität sich auch darin äußert, dass das Publikum am Ende erst mal – still ist.

Weitere Kritiken

Im Ungefähren
Im Ungefähren

Mauricio Kagels „Mare Nostrum“ wurde vor 43 Jahren in Berlin uraufgeführt, zeitlich…

Mauricio Kagel: Mare Nostrum
Oper Köln
Premiere: 23.09.2018
Farbenfrohe Fraktionen
Farbenfrohe Fraktionen

Wellen von Offenbachiaden werden über das Land fegen. Der 200. Geburtstag des…

Jacques Offenbach: Die Großherzogin von Gerolstein
Oper Halle
Premiere: 08.12.2018
Von Karpfen und Menschen
Von Karpfen und Menschen

Die letzte Uraufführung an der Wiener Staatsoper liegt mit Aribert Reimanns Oper „Medea“…

Johannes Maria Staud: Die Weiden
Wiener Staatsoper
Premiere: 08.12.2018 (UA)