Foto: Michaela Riener (M.) und Ensemble in "Machinations" von Georges Aperghis © Caroline Seidel / Ruhrtriennale 2017
Text:Andreas Falentin, am 22. September 2017
Es gehört zu den Stärken der Ruhrtriennale unter Johan Simons, einzelne Projekte über seine dreijährige Intendanze hinweg in einer Art von Serien- oder Reihenstruktur miteinander zu verklammern. So gab es etwa im letzten Jahr ein großartiges Konzert mit Werken von George Aperghis – und die„Machinations“ dieses in Deutschland zu selten aufgeführten Komponisten stehen nun im Mittelpunkt von „Homo Instrumentalis“. Gleichzeitig steht diese Arbeit des niederländischen Musiktheaterkollektivs Silbersee am Ende einer kleinen Reihe, die das Grenzland von Konzert, Performance und Theater erforscht. 2015 wurden da für Nonos „Prometheus“ Orchestergruppen um das Publikum herum vertikal im Raum angeordnet. Einziger theatralischer Reiz hier war die Lichtregie. 2016 gab es „Earth Diver“, ein Filmkonzert als Rauminstallation. Die Zuschauer saßen um einen Bühnenturm herum, ein Chor bewegte sich um sie herum, zwischen ihnen. „Homo Instrumentalis“ nun spielt in einer ‚normalen‘ Theatersituation. Eine schlanke Bühne steht in der Duisburger Gebläsehalle. Das Auditorium ist ‚normal‘ angeordnet. Man hat nummerierte Plätze. ‚Normales‘ Theater findet dennoch nicht statt.
Die Idee von „Homo Instrumentalis“ ist hochambitioniert. Mit vier Musikstücken, darunter zwei Uraufführungen des 1969 in Griechenland geborenen, in Großbritannien aufgewachsenen und in den Niederlanden künstlerisch sozialisierten Komponisten Yannis Kyriakides, möchte Silbersee eine Art über die Gegenwart hinausgehende Geschichte des menschlichen Fortschritts erzählen. „Ode to man, part I“ kommt rituell daher, mit Texten aus Sophokles‘ Antigone. Vier Sängerinnen kreieren, in langen, strengen Gewändern, einer Art mystizistischer Funktionskleidung, an der Rampe aufgereiht, den Grundzustand einer Zivilisation, unterstützt von analog erzeugtem Rauschen in unterschiedlicher Intensität. Nonos „fabricca illuminata“, ein gnadenloser, gnadenlos polemischer Blick in die Arbeitswelt, erscheint dann behutsam inszeniert. Eléonore Lemaire, deren kostbar dunkel schimmernder Sopran diese Musik spielend bewältigt und doch nicht für sie geschaffen zu sein scheint, kauert zunächst auf einem Gerüst hinter der Bühne, während sich unten Schemen vorbeischleppen. Die Schemen werden Menschen, Lemaire schließt sich ihnen an. Die im Jahr 2000 uraufgeführten „Machinations“ von Georges Aperghis sind nicht nur, weil sie die Hälfte der Dauer in Anspruch nehmen, das Zentrum dieses Abends, brillante musikalische Rhetorik, zwischen präzivilisatorischem Gestammel und spitzfindig intellektueller Thematisierung des Gegensatzes Mensch – Maschine. Es ist unterhaltsam, bestrickend anzusehen und momentweise auch bewegend, was die vier Sängerinnen und vier Tänzer hier anstellen, ihre Klang- und Körperakrobatik, ihr geschmeidiges, elegantes Zusammenwirken. Auch die französische Textgestaltung des Philosophen Francois Regnault packt, ohne dass man sie verstehen müsste. Die vielen Anläufe, die merkwürdigen Kettenreaktionen und Zersplitterungen, die An- und Abstoßung, die Sehnsucht nach Gruppen- und Paarkonstellationen, die größere nach Individualität ist heutig und erinnert doch manchmal von fern an Samuel Beckett – an den Kanten abgeschliffen und comichaft beschleunigt, versteht sich. Auch Aperghis‘ Klänge arbeiten mit Wiederholungseffekten, mit variierend wiederkehrenden Mitteln. Und sie haben Witz. Am Ende noch einmal Yannis Kyriakides, ein kurzes Elektronikstück ohne Stimmen. Der Mensch ist in der kosmische Dimensionen erobernden Maschine verschwunden.