Mehr „Theater“ wird nicht gemacht, die Inszenierung sucht mit viel Feingefühl die Emphase des Betrachters über die zurückhaltend aufmunternde Charakterisierung der Figuren. Viele vernünftige Leute sind da erkennbar, wenn aus den aufgefächerten Schablonen die Momentaufnahmen von individueller Fassungslosigkeit blitzen. Nur dem Verteidiger (eindrucksvoll eisig: Christian Taubenheim) wird ein Sonderstatus eingeräumt, er darf seine Rolle ausreizen, als im Stuhl fläzender Zyniker beginnen und im flammenden Plädoyer den Racheengel der nächsten Instanz durch den Raum flattern lassen. Die Gegenposition der Staatsanwältin (elegant personifizierte Rechtspflegerin mit vermutbarer Ausbildung in der Wehrdienstverweigerer-Kommission: Adeline Schebesch) hält der Autor mit Floskeln und Metaphern an so kurzer Leine, dass die Regie nur menschelnde Dehnübungen ansetzen kann. Der Angeklagte (Martin Bruchmann spielt ihn jungenhaft idealistisch) wird, damit er nicht zu sympathisch rüberkommt, etwas willkürlich mit dunklen Flecken im Gemütszustand belastet. Nur beim Zeugen, dem irritiert in die Runde guckenden Offizier (Marco Steeger wirft sichernde Blicke nach allen Seiten), und der Nebenklägerin (Josephine Köhler großartig in der Miniatur-Studie der auf Trauer und Verbitterung gestützten Witwe eines der Opfer), kann der Zuschauer das ganze humane Ausmaß des unlösbaren Falls für Momente ermessen. Wo alle irgendwie im Recht scheinen, muss etwas falsch gelaufen sein. Der Text des Juristen Ferdinand von Schirach nimmt das wie einen handlichen Dramen-Brandbeschleuniger, die Inszenierung von Frank Behnke zeigt es als Grundsatz-Problem. Vielleicht genügt es für dieses eine Mal als Qualität, dass im Pausenfoyer tatsächlich überall übers Für und Wider diskutiert wurde. Eine Dramatiker-Karriere kann daraus wohl nicht entstehen.
Die Zuschauer spazieren also zur Abstimmung durch zwei Türen, sitzen wieder und folgen kichernd der Aufforderung, sich zur Urteilsverkündung (der Autor lieferte für beide Möglichkeiten die passende Varianten) zu erheben. Ob man mit dem Premieren-Ergebnis von 108 zu 87 für „Schuldig“ an 164-fachem Mord zufrieden ist oder – in der nächsten Vorstellung kann ja alles anders sein – es nicht zu ernst, also sportlich nimmt, eins ist klar: Der Stelzenlauf des Thesen-Ritters ist in Nürnberg nach zweieinhalb Stunden ohne Sturz im Ziel angekommen. Freispruch für den Regisseur, viel Beifall.
