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Abwesenheitsnotiz

Rimini Protokoll: Konferenz der Abwesenden

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Staatsschauspiel Dresden
Regie: Rimini Protokoll   Foto: Sebastian Hoppe   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Tobias Prüwer am 02.06.2021

Abwesenheit haben Theaterfreunde lange genug ertragen müssen, umso größer ist die Freue auf endlich wieder mögliche Live-Erlebnisse. Das Staatsschauspiel Dresden legt einen ungewöhnlichen Wiedereinstieg vor: mit einer Produktion, die völlig ohne Schauspielende und Spiellust auszukommen versucht. Mit seiner „Konferenz der Abwesenden“ lässt das Kollektiv Rimini Protokoll das Publikum den Abend selbst gestalten – in Stellvertretung.
„Willkommen zur Konferenz der Abwesenden“, begrüßt eine charmant-bestimmte Frauenstimme aus dem Off. „Schön, dass Sie da sind.“ Sie wird durch den Abend führen und erklärt das Prinzip: Freiwillige sollen die Rollen der nicht anwesenden Referenten übernehmen und deren Texte aufsagen. Das soll einerseits ökonomischer und ökologischer sein, zugleich zum Nachdenken darüber anregen, wer sich wie, wann und auf welche Weise im Leben vertreten lassen kann. Logischerweise ist damit auch die virulente Frage der Repräsentation und wahrhaftigen Verkörperung auf der Bühne berührt. Rimini Protokoll ist einmal mehr ganz in seinem Element.

Und so begeben sich in den folgenden zwei Stunden nach und nach einzelne Zuschauende auf die Bühne, geben, am Pult ablesend, in der Mitte stehend oder auf einem Sofa sitzend, den Kopfhörervorgaben nachsprechend Bericht von den Leben der Anderen. Inhaltlich reicht das von der russischen Stadt Mirny, in der sich ein riesiger Krater auftut, bis hin zum Training einer Kosmonautin und dem Aussetzen von Menschenrechten in den Flüchtlingslagern auf Griechenland. Das berührt mal, etwa wenn das Schicksal eines Juden im Nationalsozialismus erzählt wird, der nur überleben kann, weil er sich als strammer Deutscher tarnt. Das kann aber auch so beliebig sein wie die Patientenstunde eines Phantomschmerz-Spezialisten. Zwischendurch wird man angehalten, sich lächelnd umzuschauen, was der Mund-Nasen-Schutz verunmöglicht. Oder mit seinem Sitznachbarn zu plaudern. Was dann fast nur Hausgemeinschaften tun, denn alle anderen sind durch über mehrere leere Plätze reichende Sicherheitsabstände getrennt.

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Ob das wirklich alles spontane Freiwillige sind, die da sprechen, ist anfangs ein Rätsel. Wenn nach nur wenigen Sekunden sofort eine junge Frau bereit ist, vorm Publikum aufzutreten, ist anzunehmen, dass zumindest einige von ihnen nicht ganz unvorbereitet im Saal sind. Aber irgendwann ist es egal, weil sich dieses Spiel um Authentizität ähnlich schnell totläuft wie die Sache mit den „Experten des Alltags“, auf die Rimini Protokoll sonst oft setzt. Denn es ist kein authentischeres Spiel, wenn ein Laie Situationen aus seinem Leben darstellt als wenn ein Darsteller das tut. Diese Art dokumentarisches Theater hat Elemente der Selbstemanzipation für die Beteiligten, aber keinen Mehrwert der „Echtheit“ fürs Publikum. Und an diesem Abend der Abwesenheit ist es unerheblich, ob es diese Menschen hinter dem Text wirklich gibt. Laien treten auf und sprechen vorgegebenen Text – mal besser, mal schlechter. Ob man dabei anwesend sein und weiter zuschauen will, schießt dem Kritiker mehrfach fragend durch den Kopf. Zumal die vorgebliche Ökonomie dieses Stellvertreterprinzips, das hier ausprobiert werden soll, schon dadurch bezweifelt werden kann, weil ein Tross von Kritikern extra von weit entfernt angereist ist.

Inhaltlich mag es passen, genau mit einem Abend über die Abwesenheit wieder in den Vorort-Betrieb einzusteigen: Vom Timing her – und das ist alles beim Theater – war das keine gute Idee. Eine überfrachtete Textcollage, die allein mit der forcierenden Dramaturgie des Mitmachtheaters operiert, erzeugt so einen zähen Strom mal mehr, mal weniger kluger Gedanken und hallt als politisches Lehrstück leer nach. Während der Schließungen konnte man lernen, dass Theater ohne Publikum nicht funktioniert. In Dresden ist nun zu erleben, dass es ohne Schauspielende wohl auch nicht geht. Statt einem Abend beizuwohnen, der endlich wieder entflammende Spiel- und Sehlust zeigt, gereicht es hier nur zur bloßen Abwesenheitsnotiz.

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