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Die Junge Oper im Nord wächst an der Corona-Krise – und rückt immer stärker ins Zentrum der Stuttgarter Staatstheater

Leseprobe aus Heft 04/2021 zum Schwerpunkt „Lust auf Zukunft “.
Von Andreas Falentin am 01.04.2021

Im Jahr 2020 konnte keine einzige Premiere in der Jungen Oper im Nord (JOiN) in Stuttgart stattfinden wie geplant. Trotzdem sagt deren Leiterin Elena Tzavara: „Künstlerisch will ich diese Zeit nicht missen.“ Und schiebt nach: „Was man alles machen kann, welche zusätzlichen Möglichkeiten es gibt, wird erst in der Krisensituation sichtbar.“  So gab das fünfköpfige Team des JOiN nicht eine Produktion auf, erfand aber viel dazu, um sein junges Publikum und den wichtigsten Multiplikator, die Lehrerinnen und Lehrer, bei der Stange zu halten. Im Frühjahrs-Lockdown ging JOiN us @home mit Online-Mitsingangeboten, Filmen über Theaterberufe und Instrumentengruppen und sogar Häkelanleitungen an den Start. Im Herbst kam JOiN us @school dazu, ein Angebot für digitale Opernworkshops, in deren Zentrum jeweils eine Inszenierung der Staatsoper stand. Die „bits and pieces“, wie Elena Tzavara die Initiative nennt, gingen weg wie warme Semmeln, auch weil sie passgenau auf die Dauer von einer oder zwei Schulstunden angelegt waren.

Dazu versuchte man alles, was bereits geprobt, begonnen, geplant war, unter den neuen Bedingungen anders zu denken und „in etwas Gutes münden zu lassen“. Bei einem 2019 mit sehbehinderten Schülern gestarteten partizipativen Projekt nach „King Arthur“ von Henry Purcell etwa gelang es, die schon geprobten Passagen trotz Trennung von Chor und Orchester akustisch aufzunehmen. Und im Oktober konnte man sich der als Höhepunkt geplanten ausgedehnten Fechtchoreographie mit einem Workshop zumindest annähern. Aus beidem wird nun ein kleiner Film entstehen.

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Noch komplexer ist die Geschichte der Produktion „Verzauberte Welt“ nach Maurice Ravels „L’enfant et les sortilèges“, der ersten Familienopern-Koproduktion von „großer“ Oper und JOiN, natürlich auf der Staatsopernbühne. Regisseur Schorsch Kamerun stellte dem ungehorsamen „Kind“, der Sängerin Diana Haller, eine Gruppe echter Kinder und sich selbst an die Seite. Das leise Fragezeichen, das Ravel seiner Geschichte um die Notwendigkeit der systemkonformen Sittsamkeit von Kindern eingeschrieben hat, vertauscht Kamerun mit einem großen. Die für Dezember terminierte Premiere konnte aus bekannten Gründen nicht stattfinden, aufgrund der Unmöglichkeit, bei der Aufzeichnung Abstandsregeln einzuhalten, nicht einmal gestreamt werden. Also planten Oper und JOiN einen Familienmonat im Februar, mit vielen Aktivitäten für Kinder und Familien um diese Produktion herum. Und als klar war, dass man auch im Februar nicht würde spielen können, inszenierte Kamerun um, verlegte viele Aktionen auf Hinter- und Seitenbühnen, in Backstagebereiche und ins Foyer. Jetzt erobern die Kinder wirklich das Theater – und die Produktion konnte zumindest gestreamt werden.

Eine dritte, sehr schöne Geschichte, ereignete sich mit den Sitzkissenkonzerten, einer mit dem Stuttgarter Staatsorchester koproduzierten Reihe, die schon eine relativ lange Tradition hat. Hiervon konnten im Juni sogar einige stattfinden. Und was geht, muss man machen – und ausbauen. Also dachte sich das JOiN-Team eine Tournee durch Baden-Württembergs Waldkindergärten aus, mit einem Streichtrio, zwei Puppenspielerinnen und dem Stück „Die Grille und die Ameise“. Der Erfolg bei den Kindern war groß, der Genuss bei den Musikern fast noch größer. „Der Wald klingt einfach gut“, sagt Elena Tzavara.

Dazu hieß es, zu Hause in Stuttgart die Digitalisierung voranzutreiben, vor allem, um den Schulen gleichwertiger Partner bleiben zu können. Hier leisteten die dem JOiN zugeteilten jungen Techniker („Ohne sie hätten wir keine Chancen gehabt“) Besonderes, fanden vor allem Lösungen, ohne über zusätzliche finanzielle Mittel verfügen zu können. „Jetzt sind wir digitalisiert ohne Ende“, freut sich Elena Tzavara, merkt aber auch, dass viele Schulen genau das noch nicht sind. Und denkt die Probleme der Digitalisierung, von Cybermobbing bis Verlust von Zwischenmenschlichkeit, immer mit, hat genau darüber 2019 bereits das partizipative Projekt „Control CTRL“ im JOiN gemacht. Aufgrund der souverän beherrschten, leistungsfähigen Digitaltechnik veranstalten die Staatstheater Stuttgart übrigens neuerdings ihre Pressekonferenzen im JOiN, das ohnehin eine bedeutendere Rolle spielt, seit Viktor Schoner 2018 Opernintendant wurde. Es gibt ein eigenes, gut zwei Kilometer nördlich der Staatstheater gelegenes kleines Theaterhaus, eine eigene Struktur und natürlich den neuen Namen. Elena Tzavara ist in Personalunion Leiterin des Opernstudios, also des Nachwuchsensembles, kreiert und koordiniert mit ihrem Team außerdem sämtliche Vermittlungsangebote für Kinder und Erwachsene, neuerdings sogar in den Konzerten des Staatsorchesters.

„Speerspitze“ nennt Schoner sein junges Theater. Elena Tzavara spricht lieber von „U-Boot“. Weil viele der Aktivitäten ihrer Truppe nach wie vor von außen nicht sichtbar sind. Wer weiß schon, dass das JOiN allein im Herbst über 50 Workshops mit Schulklassen durchgeführt hat? Mit einem Schwerpunkt auf Schulen in schwächeren Milieus, die es in Stuttgart durchaus gibt, etwa im ans JOiN grenzenden nördlichen Stadtteil Hallschlag? Wer weiß, dass Tzavara und ihr JOiN für die Beiträge des Musiktheaters zum überregional gefeierten Lockdown-Theaterparcours der Stuttgarter Staatstheater verantwortlich zeichneten? Oder wesentlich am spartenübergreifenden Vermittlungsprojekt IMPULS-MusikTheaterTanz mitwirken, das seit 11 Jahren oft theaterferne Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern über Workshops ins Theater holt, ihnen Produktionsprozesse nahebringt und ihre eigenen Arbeitsergebnisse ins Programm einbindet?

IMPULS-MusikTheaterTanz ist Tradition geworden in Stuttgart, ähnlich wie die Sitzkissenkonzerte. Und Traditionen hält Elena Tzavara für wichtig – wenn sie sich bewährt haben und immer wieder neu gedacht werden. Auch dass ihr JOiN Uraufführungen macht, ist so eine Tradition, die sich bis zu Klaus Zehelein zurückverfolgen lässt, unter dessen Intendanz die Junge Oper Stuttgart 1996 gegründet wurde. „Wir glauben, wir müssen ein größeres und zeitgenössisches Repertoire generieren, auch für andere Häuser, die sich eben keine Uraufführungen leisten können.“

Wenn Corona es zulässt, wird, noch in diesem Frühjahr, „Holle!“ die nächste sein, eine Oper von Sebastian Schwab für eine Sängerin und zwei Theater spielende Musiker mit den schönen Rollennamen „Pech-Andi“ und „Glücks-Andi“. Und dann soll ein großes, mit Landesmitteln gefördertes, verschobenes Projekt im Frühsommer endlich an den Start gehen: die Kammeroper „Les Enfants Terribles“ von Philip Glass als partizipatives Projekt mit turnenden Schülern in Schulturnhallen.

Flexibel auf gesellschaftliche Fragestellungen reagieren, angstlos improvisieren, möglichst vielen Menschen Teilhabe bieten ohne Ansehen des sozialen Status: Die Junge Oper im Nord scheint auf einem sehr guten Weg. Auch wenn nach wie vor Kampfgeist gefordert ist, man Sichtbarkeit und finanzielle Ausstattung immer wieder aufs Neue einfordern und sich dabei doch eine gesunde, Selbstkritik nicht ausschließende Distanz bewahren muss. „Wir wollen auch die Weltherrschaft an uns reißen!“, sagt Elena Tzavara zwischendurch und lacht. Mach mal.

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