Das ist (k)ein Tagebuch. Teil 1
Foto: Das ukrainische Kinderbuch „Als der Krieg nach Rondo kam“ © Futur3 Text:Viktoria Shvydko, am 27. Februar 2022
Die ukrainische Theatermacherin Viktoria Shvydko, Co-Leiterin am Nationaltheater des Dramas Lessja-Ukrajinka (Teatr Lesi) in Lwiw, im Westen des Landes, über die aktuelle Situation ihres Theaters. Im vergangenen Jahr entstand in einer Koproduktion ihres Hauses mit dem Kölner Kollektiv futur 3 und der Neuen Bühne Senftenberg das Kinderstück „Als der Krieg nach Rondo kam“. Sie betont, wie wichtig gerade im Krieg die internationale Unterstützung ist.
Generell geht es mir gut hier in Lwiw, abgesehen von den schrecklichen Nachrichten. Und ich bin begeistert von unserer Armee. Ja, ich hätte nie geglaubt, dass ich das eines Tages sagen würde: Ich bin begeistert von unserer Armee! Die nächsten Nächte werden sicherlich hart, aber wir glauben, dass alles gut wird.
Unsere Koproduktion „Als der Krieg nach Rondo kam” (mit der Neuen Bühne Senftenberg und dem Futur3 Theaterkollektiv Köln) im letzten Jahr war unglaublich spannend. Der Krieg findet bei uns seit acht Jahren statt und mit ihm zu leben, ist nahezu zur Routine geworden. Aber diese Produktion hat uns ermöglicht, mit diesem permanenten Trauma anders umzugehen.
Besonders die Auseinandersetzung mit den Kindern im Publikum hat uns wirklich erstaunt. Die Kinder hier sind so schlau, sie haben schon viel über den Krieg nachgedacht, obwohl der Krieg im Osten des Landes tobte und nicht hier im Westen. „Ihr müsst so und so kämpfen” oder „wir müssen besser verhandeln”. Das ist unsere erste Produktion für Kinder und ich hätte mir keine bessere Produktion für sie vorstellen können.
Vom Stück zur Realität
Nach acht Jahren des Lebens mit diesem Trauma sind wir brutal aufgeweckt worden. Dieser neue, verdammte Krieg kam wirklich unerwartet. Und jetzt sind wir alle zu freiwilligen Helfer:innen geworden. Wir tun jetzt alles, um diesen Krieg zu gewinnen. Unser Theater, das Teatr Lesi, steht als Bombenbunker für alle Menschen zur Verfügung, die keinen Schutz finden können.
Wir sind im Theater zusammengekommen, um irgendetwas gemeinsam zu können, weinend und lachend. Wir haben den Keller als Schutzraum mit allem hergerichtet für den Fall eines Angriffs. Tja, das ist nicht das, was wir als Künstler:innen normalerweise tun – zu überlegen, wie man in Kellern lebt und überlebt, aber man lässt uns keine Wahl. Für uns ist es wichtig, hoffnungsvoll zu sein. Und das Zusammensein im Theater fühlt sich gerade richtiger an als je zuvor.
Solidarität über Grenzen hinweg
Was kann ich euch noch anderes sagen? Ich bin wirklich dankbar. Ich erhalte viele Nachrichten von meinen Freund:innen und Kolleg:innen aus dem Ausland mit unterstützenden Worten. Jede Demonstration ist wichtig. Sie hilft. Es ist so wunderschön zu sehen, wie viele Menschen überall auf die Straße gehen. Hört nicht damit auf! Das verbindet uns über alle Grenzen hinweg noch stärker. Es ist verrückt: Wir erhalten so viel und so schnell konkrete Unterstützung von Menschen weltweit, während ihre Regierungen unfassbar langsam und defensiv agieren.
Ich hätte mir nie vorstellen können, dass das alles über uns hereinbricht. Aber, lasst uns glauben, dass wir eines Tages wieder frei sein werden, uns begegnen und gemeinsam Kunst machen werden.
Let’s stop this fucking war!
Übersetzung: André Erlen
Viktoria Shvydko ist Theatermacherin und Projektmanagerin am Nationaltheater des Dramas Lessja-Ukrajinka (Teatr Lesi) in Lwiw, Ukraine. Hier geht es zu allen Beiträgen aus der Reihe „Das ist (k)ein Tagebuch“.