Das Gebäude von außen des Radu-Stanca-Nationaltheater in Sibiu in Rumänien.

Bühnen für Minderheiten

Es gibt zwei deutsche, neun ungarische und ein jüdisches staatliches Theater im multiethnischen Rumänien. Ob es demnächst endlich ein längst überfälliges staatliches Roma-Theater gibt, steht in den Sternen.

Hunor Horváth, Leiter der Deutschen Abteilung des Nationaltheaters Radu Stanca (TNRS) in Sibiu (Hermannstadt), ist keine Ausnahme. Vielmehr gibt er ein anschauliches Beispiel für den real existierenden, über Jahrhunderte gewachsenen Sprach- und Kulturmix Rumäniens. Horváths Muttersprache ist Rumänisch, seine Lieblingssprache Ungarisch, und sein perfektes Deutsch hat er in Österreich gelernt, wo der Sohn eines ungarisch-rumänischen Vaters und einer rumänischen Mutter mit jüdisch-österreichischen Vorfahren acht Jahre die Schule besucht hat. Das Neben- und Miteinander der zahlreichen Minderheiten in Rumänien, die immerhin 11 Prozent der Gesamtbevölkerung darstellen, hat in den letzten Jahrhunderten den Nährboden für viele Konflikte sowie Unterdrückung und Verfolgung geboten. Inzwischen erscheint die Situation jedoch entspannter: Die aktuell 18 staatlich anerkannten Minderheiten werden jeweils von einem Abgeordneten im Parlament vertreten; sie besitzen das Recht auf Schulunterricht in ihrer Herkunftssprache und werden bei der Pflege ihrer kulturellen Traditionen unterstützt.

Heterogenes Miteinander

Die erstaunliche Normalität dieses heterogenen Miteinanders spiegelt sich auch in der rumänischen Bühnenlandschaft wider, die über zwei deutsche, neun ungarische und ein jüdisches staatliches Minderheitentheater mit oft jahrhundertealter Tradition verfügt. In Sibiu existiert deutsches Theater seit dem 15. Jahrhundert, im 18. Jahrhundert wurde das Schauspielhaus erbaut. Ähnlich verhält es sich mit dem Deutschen Staatstheater (DSTT) in Timişoara (Temeswar), das sich Gebäude und Bühne mit dem Ungarischen Staatstheater teilt und 1875 eröffnet wurde. Das Ungarische Nationaltheater in Cluj (Klausenburg) ist eine der künstlerisch auch international renommiertesten Bühnen Rumäniens und feierte 2017 sein 225. Jubiläum; 1876 gründete Abraham Goldfaden die weltweit erste jiddischsprachige Bühne in Iaşi.

Aufführungsfot von Einige Nachrichten an das All. Eine Person mit Ziegenkopf steht die Arme in die Hüfte gestützt, auf der Bühne, auf die Schneeflocken rieseln.

„premiera Mesaje spre univers“/ „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz am Radu Stanca Nationaltheater in Sibiu. Foto: Radu Stanca Nationaltheater Sibiu

Auch wenn die offizielle Zahl antisemitischer Straftaten in Rumänien deutlich unter der in Deutschland oder Frankreich liegt, ist dieses Problem auch hier virulent. Das belegt die aktuelle Diskussion über die Angriffe gegen die Leiterin des Jüdischen Staatstheaters in Bukarest, Maia Morgenstern, die Ende März dieses Jahres Morddrohungen von einem aus dem rechtsextremen Milieu entstammenden, angeblich psychisch gestörten Mann erhielt.

Im Blick auf die deutsche Minderheit hatten allerdings mehrere Auswanderungswellen nach 1945 – von 800000 Rumäniendeutschen vor dem II. Weltkrieg leben hier heute noch 37000 – eine dramatische Reduzierung des potenziellen Publikums für die deutschen Theater zur Folge. Aus diesem Grund musste man nicht nur Ensemble und Spielplan reduzieren, sondern hat auch das Konzept verändert: Die deutschen Theater richten sich nun vor allem an die Mehrheitsgesellschaft, die Stücke werden dementsprechend untertitelt, und sie können nach der Verkleinerung ein innovativeres Programm zeigen.

Blick nach Ungarn

Als Teil des Nationaltheaters wird die Deutsche Abteilung von der Stadt und dem Kulturministerium finanziert, eine direkte Förderung aus Deutschland gibt es derzeit nicht, nur projektbezogene Zusammenarbeit, zum Beispiel mit dem Goethe-Institut Bukarest. Hierin besteht der Unterschied zu vielen ungarischen Bühnen in Rumänien, die eine finanzielle Unterstützung des ungarischen Staates erhalten. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklung entpuppt sich dies zuweilen als Falle, da das Orbán-Regime versucht, mithilfe der Subventionen politischen Einfluss auf die Spielplangestaltung zu nehmen. Große Häuser wie das bekannte Ungarische Staatstheater in Cluj sind auf solche Zuwendungen nicht angewiesen, aber vielen kleinen Theatern sichert die ungarische Unterstützung ihre Existenz.

Roxana Lapadat, die künstlerische Leiterin des Teatrelli, eines kleinen Theaters in Bukarest, spricht ebenso perfekt Deutsch wie Hunor Horvàth, hat aber eine ganz andere Familiengeschichte. Lapadat kommt aus Braşov (Kronstadt), und ihre Sprachkenntnisse hat sie letztlich ihrer Großmutter zu verdanken: „Meine Oma hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass ich den Deutschen Kindergarten besuchen sollte, der einen sehr guten Ruf hat. Da man aber in kommunistischen Zeiten in das deutsche Bildungssystem nur aufgenommen wurde, wenn man Vorfahren nachweisen konnte, wurde kurzerhand eine deutsche Tante erfunden.“ Heute wäre das nicht mehr nötig, die deutschen Schulen und Kindergärten in Rumänien werden hauptsächlich von Kindern ohne deutschen Hintergrund besucht, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu steigern: Angesichts der zahlreichen deutschen Unternehmen, die sich in Rumänien angesiedelt haben, ist die deutsche Sprache zu einem wichtigen ökonomischen Faktor geworden, von dem aber auch die Kultur profitiert, wie das Beispiel Roxana Lapadat zeigt.

Wahrgenommen werden

Nach dem Abitur auf der Deutschen Schule, einem Studium der Germanistik sowie einer Schauspielausbildung erhielt Lapadat eine Anstellung beim Österreichischen Kulturforum in Bukarest, was ihr regelmäßige längere Aufenthalte in Wien ermöglichte; vor Kurzem übernahm sie die Leitung des Teatrelli, das in bescheidendem Umfang von der Stadt finanziert wird. Das Bukarester Theater ist maßgeblich von einem staatlich geförderten Theater zur Pflege der rumänischen Theatertradition und einem privaten Unterhaltungstheater geprägt und kann nicht als Leuchtturm der nationalen Bühnenkunst bezeichnet werden; daher sind alternative Theater wie das Teatrelli umso wichtiger. Die größte Herausforderung für Roxana Lapadat besteht aktuell darin, ausgehend von ihren internationalen Erfahrungen die konventionelle Bühne in ein künstlerisch anspruchsvolles Theaterlabor zu transformieren. Hilfreich sind hierbei neben ihren Sprachkenntnissen auch ihre Netzwerke nach Österreich und Deutschland, um beispielsweise künstlerisch innovative Projekte umzusetzen, wie demnächst „The Walks“ von Rimini Protokoll.

Außenansicht des Deutschen Theater Temesvar.

Außenansicht des Deutschen Theater Temesvar. Foto: Deutsches Theater Temesvar

Indes: Nicht alle Minderheiten haben die Möglichkeit, im Theaterfeld adäquat wahrgenommen zu werden. Das gilt insbesondere für die Gruppe der Roma, der – Schätzungen zufolge – zwischen ein und zwei Millionen Rumänen angehören. Es handelt sich um die ärmste, stark benachteiligte Minorität, die oft in katastrophalen Bedingungen lebt und extremen Diskriminierungen ausgesetzt ist. Die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlicher Exklusion und der Unmöglichkeit kultureller Teilhabe zeigt sich deutlich auch im Theater, so etwa im Blick auf die falsche Behauptung, die Roma hätten keinen Anteil an der rumänischen Bühnenkunst.

Verfälschende Narrative

Wie Paul Sperneac-Wolfer neulich in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien richtigstellte, wurden die Roma während ihrer jahrhundertelangen Versklavung durch die Großgrundbesitzer – inspiriert vom französischen Hoftheater – auch als „Narren“ eingesetzt, die heute als das Symbol des vormodernen rumänischen Theaters gelten. Doch der spezifische rumänische „Roma-Narr“ wurde in die Geschichte des nationalen Theaters ohne Angabe seiner ethnischen Herkunft integriert und der produktive Einfluss der Roma auf die Entwicklung der rumänischen Kulturgeschichte unterschlagen.

Seit einiger Zeit wird die Kritik an solchen verfälschenden Narrativen lauter. Darüber hinaus setzt sich die Asociatia Actorilor Romi, die Vereinigung der Roma-Schauspieler*innen, gemeinsam mit der Theatercompagnie Giuvlipen aber auch für die Gründung eines eigenen Roma-Staatstheaters ein. Giuvlipen wurde 2014 von Mihaela Drăgan und Zita Moldovan gegründet, und der Name der Compagnie ist gewissermaßen Programm: Es handelt sich um die selbst kreierte Übersetzung des Wortes Feminismus in die Roma-Sprache.

Kampf gegen Stereotype und Mythen

Die bisher realisierten Inszenierungen thematisieren vor allem Lebensgeschichten von Roma-Angehörigen. Mit diesem Ansatz versuchen die Theatermacherinnen die Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte zurückzuerobern und ein Gegengewicht zu den Stereotypen und Mythen über Roma zu schaffen, die seit Jahrhunderten durch die europäische Literatur-, Theater- und Kunstgeschichte geistern. Dabei kooperieren sie auch mit anderen Minderheiten. Das auf den Erinnerungen des Holocaustüberlebenden Valerică Stănescu basierende Stück „Die schwarze Angst“, das die Deportationen von Roma nach Transnistrien thematisiert, wurde zum Beispiel gemeinsam mit dem Jüdischen Staatstheater realisiert und anschließend im Deutschen Staatstheater in Temeswar gespielt.

Publikum im Theater des Radu-Stanca-Nationaltheater in Sibiu.

Publikum im Theater des Radu-Stanca-Nationaltheater in Sibiu. Foto: Paul Băilă

Als feministisches Kollektiv richten die Roma-Theatermacherinnen ihre Kritik aber nicht nur nach außen, sondern ebenfalls gegen die patriarchalischen Strukturen und die Unterdrückung von Frauen innerhalb der Roma-Community. Das Goethe-Institut hat im Februar 2021 die künstlerische Performance „Die Hexe ohne Fehler“ von Mihaela Drăgan und Virginia Lupu realisiert, eine Umsetzung des von Drăgan entwickelten, ebenso originellen wie umstrittenen Konzepts des Roma-Futurismus, einem Mix von Elementen der Roma-Geschichte und -kultur sowie magischen Praktiken und Heilritualen mit Science-Fiction, Fantasie und kreativen Technologien. Giuvlipen stellt also ein Emanzipations- und Aufklärungsprojekt im doppelten Sinne dar, das einerseits die Roma über ihre eigene Geschichte informiert und ihnen Perspektiven der kulturellen und gesellschaftlichen Teilhabe aufzeigt, andererseits die Mehrheitsgesellschaft für die Probleme und Sichtweisen der Roma sowie die Mechanismen ihrer Diskriminierung sensibilisiert. Ein Roma-Nationaltheater, das diesem Konzept folgt, würde der rumänischen Bühnenlandschaft zweifellos wichtige künstlerische Impulse liefern und gleichzeitig ein sichtbares Zeichen gegen die Diskriminierung der Roma setzen.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.6/2021.