Der Theater-Chefkoch
Foto: Ralf Dörnen beim Cover-Shooting. © Tobias Kruse/Ostkreuz Text:Hartmut Regitz, am 15. Dezember 2020
Ralf Dörnen ist seit 24 Jahren Ballettdirektor am Theater Vorpommern. Zur nächsten Spielzeit wird der Choreograf zusätzlich Intendant des Mehrspartentheaters.
Ich kann nicht jeden glücklich machen“, liest man auf einem Aufkleber an der Tür zum Ballettbüro. Die Erklärung folgt auf dem Fuß: „Ich bin keine Pizza.“ Ralf Dörnen schmunzelt, als er einen Lieblingsspruch zitiert. Natürlich isst er gerne, und Freunde wissen seine Kochkünste zu schätzen. Eine Pizza kann er ihnen allerdings kaum vorgesetzt haben. Wenn er sagt, dass man Milde wahren sollte bei den Gewürzen, spricht aus ihm zwar der Gourmet, aber eigentlich meint er damit etwas ganz anderes: nämlich seine Arbeit als Ballettdirektor, bei der er immer darauf bedacht ist, den Geschmack seines Publikums peu à peu zu verfeinern – ganz dem Beispiel von George Balanchine folgend, unzweifelhaft einer der größten Choreografen seiner Zeit. Der fühlte sich durchaus wohl in seiner Rolle als „Chefkoch eines Restaurants“. Letzteres gilt unter dem Namen New York City Ballet nach wie vor als eine der prominentesten Ballettadressen.
Unkündbar
Dörnen ist Direktor des BalletVorpommern, und das seit nunmehr 23 Jahren. Unkündbar, wie er ist, könnte er eigentlich die Hände in den Schoß legen, sich auf dem Erfolg ausruhen und sich weiterhin auf das konzentrieren, was er bisher schon mit beispielhaftem Erfolg getan hat: aufs Choreografieren. Die langjährige Diskussion um eine Erweiterung des Theaterverbunds ist vom Tisch. „Ein zehnjähriger Kampf“, wie Dörnen sagt, „der wirklich Kraft gekostet hat“. Er war immer gegen eine Fusion und hat sich in diesem Zusammenhang stets klar positioniert: „Eine Fusion des bereits fusionierten Theaters Vorpommern mit dem Landestheater Neustrelitz hätte weder Geld gespart oder Ressourcen noch sonst was.“ Das dreizehnköpfige Ballettensemble ist auch so schon viel unterwegs zwischen Greifswald, Stralsund und Putbus. „Diese Entfernungen lassen sich gerade noch bewältigen – nicht aber die hundert Kilometer, die hinzugekommen wären, hätte man im Rahmen eines Staatstheaters Nordost auch noch Neubrandenburg und Neustrelitz bespielt.“

Proben im Ballettsaal mit Ralf Dörnen: Avah Painter. Foto: Adonai Luna
Seit Manuela Schwesig als Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern amtiert, habe sich – so sein Eindruck – einiges bewegt. Vielleicht auch wegen einer gewissen Theateraffinität, die ihr Insider nachsagen; schließlich hat Manuela Schwesig 1990 unter ihrem Mädchennamen schauspielernd in dem DEFA-Spielfilm „Verbotene Liebe“ mitgewirkt. Wie auch immer: „Die Existenz aller Theater ist jedenfalls bis 2028 gesichert. Und langsam kommen wir auch wieder an den Tarifvertrag heran.“ Zur Erklärung: Seit zwanzig Jahren konnte der Bestand des Theaters Vorpommern per Haustarifvertrag nur durch Lohnverzicht erhalten werden.
Keine Langeweile
Dass in seinen Augen dennoch weiterer Handlungsbedarf besteht, lässt nicht zuletzt Dörnens erfolgreiche Bewerbung um das Amt des Intendanten vermuten. Er selbst sagt: „Ich habe nie darauf hingearbeitet. Aber nachdem im Februar bekannt wurde, dass sich die Theatergesellschafter im gegenseitigen Einvernehmen vom bisherigen Intendanten trennen, bin ich von Freunden wiederholt aufgefordert worden, mich doch zu bewerben. Es ist zwar nicht so, dass ich das Gefühl habe, mich als Ballettdirektor erschöpft zu haben. Ganz im Gegenteil: Mich langweilt meine Arbeit keineswegs. Vielmehr habe ich bei meiner letzten Premiere den Eindruck gehabt, da endlich angelangt zu sein, wo ich als Choreograf immer hinwollte. Die Qualität der Tänzer hat sich im Lauf der Jahre enorm verbessert. Ebenso der künstlerische Anspruch.“ Seiner Meinung nach ist es ohnehin inzwischen obsolet, im Tanz von Provinz zu sprechen.
An die tausend Tänzerinnen und Tänzer bemühen sich pro Jahr um eine Position beim BallettVorpommern. Wenn das kein aussagekräftiges Argument ist! Um den Intendantenposten bewarben sich 55 Kandidaten. Fünf davon kamen in die Endrunde. Darunter Dörnen, der frühmorgens vor den Gesellschaftern und Sachverständigen gut eine Stunde lang sein Konzept erläutern durfte. Natürlich stellte sich bei der Anhörung auch die Frage, ob er sich denn genauso um die anderen Sparten kümmern würde wie um die des Balletts. Eine nicht unbedingt legitime Frage, wie Dörnen findet: „Würde man dasselbe auch einen Schauspielregisseur, einen Dirigenten, einen Operndramaturgen fragen, wenn er eine Intendanz anstrebt?“

Proben im Ballettsaal mit Ralf Dörnen: Armen Khachatryan. Foto: Adonai Luna
Management-Erfahrung
Die Bezeichnung „mutige Entscheidung“ mag er im Zusammenhang mit seiner Ernennung schon gar nicht hören. Da kann er, sonst die Ruhe in Person, ganz schnell ungemütlich werden: Warum sollte ein ehemaliger Tänzer nicht ein Theater leiten können? Management-Erfahrung hat er zur Genüge. Auch ist er nicht der Erste seiner Sparte, der an die Spitze eines Theaters rückt. Der Fassbinder-Choreograf Dieter Gackstetter war nicht nur ein paar Jahre lang Ballettdirektor der Bayerischen Staatsoper, sondern 2001 bis 2007 Intendant des Landestheaters Coburg. Was an seinem Konzept die Gesellschafter überzeugt hat, lässt sich für Außenstehende nur vermuten. „Ich denke, ich habe eine andere Herangehensweise, einen anderen Ansatz“, sagt Ralf Dörnen und legt dabei die Betonung auf das Andersartige.
„Ich will nicht unbedingt sagen, dass ich alles besser mache, sondern anders. So möchte ich mich auf der Bühne nicht mit politischen Statements konfrontiert sehen, sondern die Auswirkungen von Politik erleben. Mich interessiert, was mit Menschen passiert, denn das geht uns alle an.“ Das heißt, nicht partout einen Bezug zur Heimat herzustellen, sondern die Sachen so zu inszenieren, dass die Zuschauer etwas zum Andocken haben – so wie beispielsweise bei Shakespeares „Romeo und Julia“, seiner Meinung nach „das in dieser Hinsicht genialste Stück“. Dörnen: „Die beiden Familien wissen gar nicht mehr, warum sie miteinander im Streit liegen. Aber die Unschuldigsten, nämlich deren Kinder, sie erleben die Auswirkungen ihrer Feindschaft immer wieder am eigenen Leib.“
Holpriger Start
Warum es ihm so wichtig ist, das Interesse des Publikums zu wecken, erklärt sich aus einer prägenden Erfahrung 23 Jahre zuvor (im Übrigen auch unsere erste Begegnung): Dörnen, im Hamburger Ballettrepertoire eines John Neumeier groß geworden, wagte sich erstmals an das „Lied von der Erde“ und konfrontierte seine Auseinandersetzung mit dem Œuvre Gustav Mahlers mit „Petruschka“ von Igor Strawinsky. Eine spannende, geradezu selbstmörderische Konfrontation, gehört das „Lied von der Erde“ in der choreografischen Interpretation von Kenneth MacMillan doch zu den herausragenden Ereignissen der Ballettgeschichte. Doch gerade mal fünfzehn Zuschauer hatten sich zur Aufführung im Theater Stralsund eingefunden, davon neun Leute vom Haus. „Ein grauenvoller Anfang, muss man schon sagen“, erinnert sich Dörnen. „Alles war so deprimierend düster in Stralsund, die Straßen menschenleer.“ Kein Start, der einen hoffen ließ.

Proben im Ballettsaal mit Ralf Dörnen: Miguel Rodriguez. Foto: Adonai Luna
Noch schlimmer ein Vorfall wenige Monate später. Wegen einer Erkrankung musste „My Fair Lady“ abgesagt werden. Stattdessen wurde das Ballett „Dracula“ vorgezogen, dessen Premiere eigentlich erst ein paar Tage später stattfinden sollte. Bis auf zwei haben alle potenziellen Zuschauer ihre Karten zurückgegeben: „Ein schockierendes Erlebnis, total frustrierend.“ Wäre ihm in dieser Notsituation nicht der damalige Intendant Rüdiger Bloch zur Seite gestanden, hätte Dörnen vermutlich das Weite gesucht. Der riet ihm, es doch mal mit Tschaikowskys „Nussknacker“ zu versuchen. Das tat er denn auch, und zwar mit bleibendem Erfolg. In der nächsten Spielzeit ist die hundertste Vorstellung angesetzt. „Mein ‚Nussknacker‘ ist inzwischen Kult“, sagt er mit berechtigtem Stolz, ein „Muss“ schon für die zweite Zuschauergeneration.
Auf Abstand
Wenn der jüngste Abend, das Kammerballett „The Juliet Letters“, wieder Lücken im Theaterparkett aufzeigt, dann allein wegen der Hygienevorschriften. Choreografiert hat ihn Dörnen im benachbarten Kaisersaal, Teil einer Stadthalle, die mit dem Theater Greifswald eine Gebäudeeinheit bildet. Gleich groß wie die Bühne, waren dort schon während des Lockdowns gute Voraussetzungen für die Entstehung eines Stücks gegeben, das auch inhaltlich den gebotenen Abstand wahrt. Ein Pas de deux findet sich darin jedenfalls nicht – und spielend, um nicht zu sagen: schreibend ergeben sich wie von selbst all die Situationen, von denen letztlich die Briefe handeln, die sich Elvis Costello und The Brodsky Quartet in die Kehle beziehungsweise in die Saiten diktiert haben.
Die ganze Bandbreite von Gefühlen wird hier abgedeckt. Dörnen bereitet sie mal anekdotisch auf, mal elegisch, mal revuehaft auftrumpfend, mal ebenso verträumt wie virtuos, immer aber so intim, wie es die Briefe an eine imaginäre Juliet Capulet gebieten. Dass er als Schüler und Solist einmal bei John Neumeier in die Lehre gegangen ist, wird dabei nicht unbedingt augenfällig. In Leverkusen geboren und dort zunächst noch laienhaft Tänzer beim sogenannten Bayer-Ballett, wechselte er nach seiner Ausbildung in Köln an die Hamburger Ballettschule und von da bis 1993 ans Hamburg Ballett. „Sicher hat mich seine Arbeitsweise geprägt“, sagt der inzwischen Sechzigjährige, „aber als Choreograf habe ich nie einem Vorbild nachgeeifert.“ Nicht einmal John Neumeier, dessen Leidenschaft fürs Theater er allerdings auch für sich reklamiert.

Proben im Ballettsaal mit Ralf Dörnen: Jemina Bowring. Foto: Adonai Luna
Primus inter Pares
Als künftiger Intendant sieht er sich ohnehin eher als ein Primus inter Pares, der bei Bedarf auch mal genreübergreifend arbeiten kann, wie er das 2006 mit der Operninszenierung „Tod in Venedig“ bereits getan hat. Teamarbeit ist ihm Bedürfnis: „Miteinander reden. Nicht übereinander, wie das so gerne am Theater geschieht.“ Deshalb hat er um sich eine Mannschaft versammelt, der er in dieser Hinsicht blind vertraut: Wolfgang Berthold, der zuletzt in Greifswald den Marlene-Dietrich-Abend „The Kraut“ inszeniert hat, wird Operndirektor. Uta Koschel, die früher schon mal am Theater Vorpommern gearbeitet hat, übernimmt die Schauspieldirektion. Oliver Lisewski avanciert zum Chefdramaturgen. Eva Humburg, von der Bühnenbild und Kostüme von „The Juliet Letters“ stammen, zeichnet ab kommender Spielzeit für die Ausstattungs- und Produktionsleitung verantwortlich, Peter Plaschek für die Kostümabteilung.
Adonai Luna, bisher schon als Ballettmeister beim BallettVorpommern tätig, fungiert künftig als sein Co-Direktor. Schließlich will sich Ralf Dörnen ganz auf seine Aufgabe als „Chefkoch“ des Theaters konzentrieren. Eine Pizza ist schon mal gut. Aber zu Hause serviert er seinen Gästen zum Beispiel eine mit Birnen, Knoblauch und Rosmarin gefüllte Ente, dazu Süßkartoffel-Pommes mit Mango-Chutney und Mayonnaise und einen bunten Tomatensalat. Nicht unbedingt eine gewöhnliche Kombination, aber verdammt lecker.
Ralf Dörnen ist seit 1997 Ballettdirektor und Chefchoreograf des BallettVorpommern. Geboren 1960 in Leverkusen. Ballettausbildung am Institut für Bühnentanz in Köln und an der Hamburgischen Staatsoper. Anschließend Engagement am Hamburg Ballett bei John Neumeier, ab 1986 als Solist. Von 1993 bis 1997 freischaffender Choreograf u. a. an der Staatsoper Hamburg, am Staatstheater Oldenburg, an den Städtischen Bühnen Bielefeld sowie in Portugal, Griechenland und im Senegal. Neben über 60 Balletten für das BallettVorpommern entstanden auch Kreationen für andere Compagnien. 2006 inszenierte Ralf Dörnen mit Brittens „Death in Venice“ seine erste Oper. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u. a. wurde 2009 seine Choreografie zu „Endstation Sehnsucht“ für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 12/2020.