„Ich bin ein Freund von Minimalismus“
Foto: Ensembleszene aus Gil Mehmerts Inszenierung von „Hair“ bei den Bad Hersfelder Festspielen 2018. © Thomas Landsiedel/Bad Hersfelder Festspiele Text:Roland H. Dippel, am 15. Juni 2021
„Hair“, „West Side Story“, „Das Wunder von Bern“ – für die großen Musicalinszenierungen an deutschen Häusern wird häufig der Theaterregisseur Gil Mehmert aus Essen gebucht. Sein Erfolgsgeheimnis? Mehr als perfektes Handwerk.
Gil Mehmert ist Mitte 50. Er gehört also nicht zu denen, die dem Musical an deutschsprachigen Staats-, Stadt- und Landesbühnen das Laufen, Sprechen und manchmal auch das Grimassieren beigebracht haben. Die strukturelle und künstlerische Autonomie des Musicals ist mittlerweile erreicht. Überzeugungsarbeit hierfür muss nicht mehr geleistet werden. Der Musicalregisseur ist frei in der Repertoirewahl, hat künstlerisch mehr Möglichkeiten, als die wenigen Repertoirerenner immer wieder vom Blatt zu inszenieren. Gil Mehmert hat Spitzentitel wie „Hello, Dolly!“ und „La cage aux folles“ bisher vermieden, dafür aber beispielsweise – 2017 am Münchner Gärtnerplatztheater – die drei queeren Hauptfiguren in „Priscilla“ als liebevoll modellierte Clowngestalten neu erfunden. Dabei nahm er die Spaßkomponenten der Handlung mit seinem Ensemble sehr ernst. Was zählt, auch im Musical, ist der eigene Blick.
Keine Standardsätze
Bei unserem langen Zoom–Meeting Mitte März bleiben Standardsätze über das Musical außen vor. Gil Mehmert lebt in Essen, fast in Steinwurfnähe zur Folkwang Universität der Künste. An den Wänden seines Arbeitszimmers hängen mehrere Gitarren – manchmal tritt er mit seiner Ehefrau Bettina Mönch in Musical- und Chansonprogrammen auf. Nachdem der 1965 in Werne (Nordrhein-Westfalen) geborene Mehmert vom Musikstudium in Köln in den Studiengang Musiktheaterregie bei August Everding nach München gewechselt war und sein Diplom erhalten hatte, sah er sich vor einer schwierigen Aufgabe. Um sich in der auf wenige Namen fokussierten Nische der Musicalregie zu etablieren, musste er naturgemäß mit seiner Inszenierungsarbeit Aufmerksamkeit erregen. Das gelang ihm um 1990 herum mit Stücken wie „The Black Rider“ und dem britischen Musical-Sozialdrama „Blutsbrüder“. Dabei half ihm, dass zu dieser Zeit, nach einer Sättigung der Spielpläne mit wenigen Titeln von „Cabaret“ bis „Evita“, beim Publikum Lust auf andere Stücke, auf Ungesehenes erwachte.
Die synchrone Aufstellung in verschiedenen Betriebsformen freier und öffentlich geförderter Theater(-sparten) wurde zur prägenden Konstante in seiner künstlerischen Biographie. Heute ist Gil Mehmert tätig als Regisseur für Staats- und Stadttheater, Sommerfestspiele, Long-Run-Produktionen, als Autor von Musicallibretti, als Professor an der Folkwang Universität und Dozent wie in diesem Sommer beim zum zweiten Mal stattfindenden Musical Campus 3303 in Silvaplana (Oberengadin). Dazu kommen Ausflüge in andere Gattungen wie eine Inszenierung von „Die Hochzeit des Figaro“ an der Oper Leipzig oder der Kinofilm „Aus der Tiefe des Raumes“ (2004) nach eigenem Drehbuch. Mehmert genießt es, in immer wieder neuen Werk-, Orts- und Personenkonstellationen arbeiten zu können. Den europäischen Darstellerpool aus Freischaffenden, hochqualifiziert in Gesang, Darstellung und Tanz, kennt er ausgezeichnet.
Kardinalregeln
Er steht genauso für dreijährige Breitenerfolge wie „Das Wunder von Bern“ in Hamburg wie für ungewöhnliche Sujets. Im Februar 2020 inszenierte er am Theater St. Gallen die Uraufführung des Musicals „Wüstenblume“ nach dem Roman von Waris Dirie, in dem ein Nomadenmädchen zum Supermodel mit Vorbildfunktion für ein aus eigener Kraft bestimmtes Leben wird. Auch da galt: Zu den Voraussetzungen für ein erfolgreiches Musical gehören ein bekanntes oder packendes Sujet, mindestens ein berühmter Name in den Autoren- oder Besetzungslisten sowie eine perfekte theatrale Realisierung. Mehmerts Bekenntnis „Ich bin ein Freund von Minimalismus“ verwundert angesichts der Tatsache, dass er die alten Musical-Kardinalregeln aus dem 20. Jahrhundert vehement für noch immer gültig erklärt. Andererseits ist beeindruckend, wie er in einem einzigen Satz das Wesentliche eines Musicals zusammenfasst.
Über „Wüstenblume“ etwa sagt er: „Ich ging nicht vom Film aus, sondern vom Narrativ der Geschichte einer ganz starken Frau, die sich nach ihrer Genitalbeschneidung von den Unterdrückungsmechanismen ihres Kontinents befreit und unter schwierigen Bedingungen ein ganz anderes Leben erkämpft.“ Und weiter: „Das Musical ist für mich immer das ideale Theatermittel, um so eine komplexe und delikate Geschichte angemessen erzählen zu können. Als Textdichter arbeite ich dabei wie ein Cutter im Schneideraum. Ich operiere mit der Musik wie mit einem Soundtrack. Auch auf der Bühne denke ich in der Arbeit mit dem Ensemble und bei der Vorbereitung der Szenenwechsel in Schnitten und lege darauf die Wirkung der Musik an.“
„Goethe!“
Mehmert verfährt mit seinem Knowhow über die Anatomie und das Nervensystem des Musicals meistens anders als zu erwarten. Genau das erweckt mein tiefes Interesse an seinen Programmüberlegungen, zum Beispiel die für Sommer 2021 in Bad Hersfeld geplante Produktion „Goethe!“, an der er als Autor und Regisseur mitwirkt. „Goethe! Auf Liebe und Tod“ mit der Musik von Martin Lingnau, den Liedtexten von Frank Ramond und Mehmerts Textbuch entstand auf Grundlage von Philipp Stölzls Kinofilm „Goethe!“ (2010) in Zusammenarbeit mit der Stage Entertainment.
Als Folkwang-Musicalproduktion gelangte die Erstfassung 2017 an der Essener Hochschule auf die Bühne. Die Stiftsruine Bad Hersfeld, der Aufführungsort von „Goethe!“, liegt etwa auf halber Strecke zwischen den Goethe-Orten Frankfurt am Main und Weimar. Auch die Handlung von „Goethe!“ eignet sich mustergültig für ein Musical. Mehmert: „Ein von seiner Familie gegängelter junger Mann schwimmt sich frei und gibt mit einer gefühlsgeladenen Sprache den Bedürfnissen seiner Altersgruppe Ausdruck. Das ist der Grund seines Erfolges.“
Kleinerer Spielraum
„Im Musical bleibt der Spielraum zur Interpretation schon durch die verlagsrechtlichen Bedingungen kleiner als im Schauspiel und im Musiktheater“, ist eine weitere Maxime Mehmerts. In Reden zum Jahresempfang des Deutschen Musicalarchivs und in der Bayerischen Theaterakademie hat er einiges über seine Arbeitsmethodik verraten. Wie in der Operette sei es im Musical besonders wichtig, das Text- und Musikmaterial mit Persönlichkeit und Potenzial der Darstellerinnen und Darsteller zu verbinden, ohne dass unverbindliche Glätte entsteht. „Aus wenig viel zu machen wird alle bezaubern.“ Diese letzte Maxime schließt alle szenischen Komponenten ein.

Porträt von Gil Mehmert. Foto: Gil Mehmert
Dem Regisseur geht es, egal auf welcher Bühne, um die „Transitions“. Das sind nicht nur die reibungslos funktionierenden und im Idealfall eleganten offenen Verwandlungen, die überall – an Repertoiretheatern, Häusern mit Serienbespielung oder freien Bühnen – ein wichtiger Bestandteil für das Narrativ einer Inszenierung sind. „An vielen Theatern, die früher nicht darauf achteten, haben sich Bewusstsein und Qualitätsanspruch für Bühnentechnik und Soundanlagen in den letzten Jahren verbessert. Die gestiegenen Anforderungen kann man an neueren Broadway-Originalproduktionen wie ‚Hamilton‘ erkennen, die sich unter den Bedingungen eines Repertoiretheaters schwerlich realisieren lassen.“
Integrale Gleichwertigkeit
Mit seinem Bekenntnis zur integralen Gleichwertigkeit von Tanz, Musik und Text stellt Mehmert die Bedeutung der Musik im Musical grundsätzlich nicht in Frage. „Ich habe Musiktheaterregie studiert, nicht Theater mit Musik“, sagt er. Wichtige Kreativimpulse entstehen allerdings oft außerhalb eines akademischen Umfelds. Die ausgewogene Mischung von Einflussquellen, Arbeitsorten und inspirierenden Begegnungen macht es für Mehmert aus. „Wie schaffen wir es, dass ein Musical möglichst viele Menschen interessiert?“ Wie nahe Mehmert an seinen Stoffen ist, merkt man auch daran, dass er nie Genremarkierungen wie „Boulevardtheater“ oder „Historienstoff“ verwendet. Zumal sich auch im Musical die Gegenwartsrelevanz der Stoffe wandelt. Frühere Provokationen werden zum Nostalgie-Kick wie die von Mehmert mit dem Gärtnerplatz-Ensemble auch als solcher inszenierte Nacktszene in „Hair“.
Andererseits eröffnen sich dem Musical in der jüngeren Vergangenheit aufregende neue Themen wie in „Wüstenblume“. Neben den Klassikern „Chicago“ an der Oper Bonn und „Evita“ in Saarbrücken stehen für Mehmert mit dem Roadmovie „Knockin’ on Heaven’s Door“ am Stadttheater Fürth und „Tootsie“ am Gärtnerplatztheater in der Spielzeit 2021/22 Musicalversionen von Filmstoffen auf der Agenda – so Corona es denn zulässt. Auch diese Art der Vorlage bedeutet für Gil Mehmert keinen Verzicht auf Gestaltungsfreiheit. „Man muss sich immer so viel Freiraum nehmen, dass das Ganze eine Seele erhält.“
Gil Mehmert, geboren 1965 in Werne (Westfalen), gehört zu Deutschlands renommiertesten Musicalregisseuren. » Studierte Musik in Köln und Musiktheaterregie an der Bayerischen Theaterakademie in München » Inszeniert seit über 20 Jahren (nicht ausschließlich) Musicals, unter anderem in Berlin, München, Hamburg, Zürich und Wien » Lehrt seit 2003 an der Essener Folkwang-Hochschule » Wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der renommierten Website Broadway World.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 6/2021.