BONUS: Hausbesuch am Theater Konstanz
Foto: Podcast „Schwerpunkt Theater“ Hausbesuch am Theater Konstanz. © Ilja Mess Text:Die Deutsche Bühne, am 20. Mai 2026
Für einen Hausbesuch ist Michael Laages zum Theater Konstanz gefahren, der ältesten kontinuierlich bespielten Bühne Deutschlands. Schon 1607 sind dort erste theaterartige Aufführungen in einem Jesuitenkonvent belegt. Im kommenden Jahr feiert das Haus am Bodensee sein 420-jähriges Bestehen. Was diesen Ort heute ausmacht, erzählen das Ensemble, ehemalige Leitungen und die Gespräche über das, was Theater hier leisten kann – in Sichtweite vom Münster und vom Schweizerischen Kreuzlingen.
Kulturjournalist Michael Laages trifft Mitglieder aus Schauspiel, Inspizienz, Technik, frühere Intendant:innen sowie das aktuelle Team. Schauspielerin Kristina Lotta Kahlert erzählt von ihrem Einstieg mitten in der Pandemie, von langen Spaziergängen am See als ungewöhnliche Form des Kennenlernens und davon, wie das Konstanzer Stück über eine jüdische Familie der Stadt eine Brücke zwischen Erinnerung und Gegenwart geschlagen hat. Sie spielt die Lena in der Open-Air-Produktion von „Leonce und Lena“ auf dem Münsterplatz, einer Inszenierung von Ekat Cordes nach dem Lustspiel von Georg Büchner.
Inspizient Bernd Oßwald, ein Urgestein des Hauses, beschreibt seinen Beruf als „Taktgeber, Zeichengeber“ und erzählt von einem Zickzack-Weg, der ihn vom Raumausstatter über Straßentheater zur festen Stelle führte. Und der ehemalige Technische Direktor Andreas Beilschmidt erklärt vom Schweizer Ufer aus die baulichen Eigenheiten dieses ungewöhnlichen Hauses. Ein Lastenaufzug mit 80 Zentimetern Breite hat über Jahrzehnte das Maß aller Dinge vorgegeben. Beilschmidt erinnert auch an die Entstehung der Spiegelhalle, die nach der Konstanzer Kohlenhandelsfamilie Spiegel benannt ist.
Ein zweiter Strang führt durch die Hausgeschichte. Ulrich Khuon, in Konstanz aufgewachsen und dort von 1988 bis 1993 Intendant, erzählt von Heinz Hilpert nach dem Krieg, von Kraft-Alexander und Horváth-Wiederentdeckungen, vom prägenden Erneuerer ab 1980 und davon, wie die Universität die Stadt geöffnet hat. Seine Nachfolgerin Dagmar Schlingmann, gerade aus Braunschweig verabschiedet, erinnert sich, wie Khuon an seinem Abschiedsabend als Hausmeister über die Bühne schlich.
Den Blick nach vorn richtet Intendantin Karin Becker, deren Vertrag bis 2033 verlängert wurde. Vielfalt soll bei ihr Normalität gewinnen; so spielen im aktuellen „Kirschgarten“ von Anton Tschechow zwei Darstellende mit Beeinträchtigung. Schauspieler Thomas Fritz Jung, seit 2008 dabei und damit Veteran zweier Intendanzen, sowie Jana Alexia Rödiger, seit 2006 die Konstante im fluktuierenden Ensemble, beschreiben einen Wandel im Umgangston, weg von Autoritäten, hin zu Zuständigkeiten. Regisseur Patrick O. Beck, neu im Team, erzählt vom Wechsel auf die andere Seite der Probebühne.
Am Ende steht das Porträt eines kleinen Hauses, das seine Geschichte kennt, sich aber nicht auf ihr ausruht. Ein Theater am See, in dem Provinz nur im Kopf stattfindet, wie Schlingmann es einmal formuliert hat.
Über den Host:
Michael Laages, Jahrgang 1956 aus Hannover, ist Kulturjournalist u.a. für NDR und Deutschlandfunk und langjähriger Autor der DEUTSCHEN BÜHNE.
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