Zum Tod von Horst Johanning

Der Privattheatermacher und langjährige Leiter des Bonner Contra-Kreis-Theaters Horst Johanning ist im Alter von 84 Jahren verstorben. Ein persönlicher Nachruf von seinem ehemaligen Kollegen und Freund Detlef Brandenburg.

Mit dem Namen und der Person des Theaterdirektors, Regisseurs, Schauspielers und Übersetzers Horst Johanning verbindet sich für mich alles, was ich an dem Genre Privattheater schätzen und lieben gelernt habe: Nähe zum Publikum; hohe Qualitätsansprüche auch im Unterhaltsamen; Bereitschaft zu privatem wirtschaftlichem Risiko und zugleich tiefer Respekt vor der Kunstform. Seine künstlerische Heimat war das Bonner Contra-Kreis-Theater, das er seit 1980 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Katinka Hoffmann leitete, die 2021 starb: ein Orpheus in der Unterwelt, Herr über einen verwunschenen Ort mit der kleinen Arena und den steil ansteigenden Rängen, wo Zuschauende und Schauspielende eng beieinander sind, mit einer besonderen Abgeschiedenheit in dieser Kunst-Höhle unter der Universität, in die man über 19 Stufen hinabsteigt wie in eine andere Sphäre.

Sein Erfolgsrezept: Schauspielerinnen und Schauspieler

Und doch bildete diese Höhle einen Fokus des Privattheaters, wie Horst Johanning es auch anderswo betrieben hat: schon früh und dann immer wieder in Berlin, in Düsseldorf, in Köln, oft zusammen mit seinem Freund und Kollegen René Heinersdorff, dem Gründer des Düsseldorfer Theaters an der Kö. Für Johanning lag die Essenz dieses Theaters weder in dramaturgischen Konzepten noch in politischen Programmen. Aber sie lag auch nicht im kommerziellen Erfolg, den er hatte und den er brauchte, damit sein Theatergenre funktionieren konnte. Als er in einem Studio-Gespräch bei der WDR-Lokalzeit anlässlich des 75-jährigen Bestehens seines Theaters im Jahr 2025 nach seinem Erfolgsrezept gefragt wurde, da war es so typisch für ihn, dass er als Erstes die Schauspielerinnen und Schauspieler nannte. Nicht nur, weil er ein Teamplayer war, sondern weil er in ihrer Aura, ihrer Interpretationskunst für die Figuren und ihrer Empathie für die Zuschauer die innerste Kraftzelle seines Theaters sah und spürte.

Ja, er kannte „seine“ Schauspieler, kannte ihre Stärken und Schwächen, ihre Macken und Allüren, Nöte und Freuden. So wusste er sie zu umsorgen, jede nach ihrer, jeden nach seiner Art. Und sie kamen alle zu ihm: Charles Regnier und Harald Leipnitz, Gert Fröbe und Wolfgang Spier, Jochen Busse und Anja Kruse, Hugo Egon Balder und Horst Janson, Hans-Jürgen Bäumler, Renan Demirkan, Simone Rethel, Volker Brandt, Grit Boettcher und viele, viele mehr. Und er führte Regie; über 120 Inszenierungen nennt allein die Homepage des Contra-Kreis-Theaters.

Ein Interessenvertreter im Deutschen Bühnenverein

Geboren 1942 in Herzberg am Harz, studierte er in Göttingen und Berlin Theaterwissenschaft und Philosophie, danach an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Es gibt kaum ein großes deutschsprachiges Privattheater, an dem er nicht gearbeitet hätte. Ur- und Erstaufführungen waren ihm „Reisen in ein unbekanntes Land“, wie er einmal formulierte. Und auch als Interessenvertreter im Deutschen Bühnenverein engagierte er sich, als langjähriger Vorsitzender der Privattheatergruppe und bis 2017 als Vizepräsident. Hier habe ich ihn 1996 kennen und schätzen gelernt. Horst Johanning war für mich nicht nur ein eindrucksvoller Theatermacher, sondern zunehmend auch ein verständnisvoller Ansprechpartner für alle meine Fragen und Anliegen als Chefredakteur der vom Bühnenverein herausgegebenen Deutschen Bühne – und am Ende ein Freund.

Die Nachricht von seinem Tod im Alter von 84 Jahren hat mich traurig gemacht. Für die Theateridylle in der Bonner Unterwelt aber ist sie ein schwerer Schlag. Im vergangenen Jahr musste die Universität Bonn den Mietvertrag mit dem Contra-Kreis-Theater kündigen, weil der dringend nötige Umbau unter Beibehaltung des Theaterkellers nicht möglich war. Fair und aufrichtig, wie er aus tiefster Seele immer war, hat Horst Johanning auch das eingesehen und akzeptiert: „Die Kündigung ist sehr lieb geschrieben, mit aller Anerkennung, die das Haus und die Spielpläne auch für die Uni mit sich gebracht haben“, sagte er diesem Theatermagazin. Nun wird ihm der für 2030 geplante Umzug in eine neue Spielstätte erspart bleiben.