Szenenbild aus dem Musical „The Toxic Avenger“ am Theater für Niedersachsen.

Musical als Türöffner

Seit 14 Jahren hat das Theater für Niedersachsen in Hildesheim eine eigene Musicalsparte – die einzige an deutschen Staats-, Stadt- und Landesbühnen.

Manchmal hat Theater noch so was Funkelndes, festliche Stimmung Verbreitendes wie einst im Barock: Als die Landesbühne Hannover im Gartentheater von Schloss Herrenhausen 2003 Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Musical spielte, mit fetzigen Melodien von Heinz Rudolf Kunze und dem Haus-Idol Jens Krause als schrillem Puck vor dem großen romantischen Mond, war das Feuerwerk, Rockkonzert, Comedy und doch emotionales Schauspiel zugleich, und das Publikum verlangte nach mehr. Und es bekam mehr. Eine Folgeproduktion „Kleider machen Liebe“ nach Shakespeares „Was ihr wollt“ – und die Gründung einer eigenen Musicalsparte am Theater für Niedersachsen (TfN), zu dem die Landesbühne Hannover und das Stadttheater Hildesheim 2007 fusionierten. Bis heute ist es die einzige Musicalsparte an einem öffentlich geförderten deutschen Theater.

Große Nachfrage

Der Schritt zum Musical war für den damaligen Intendanten Jörg Gade, der das Haus bis Sommer 2020 führte, 2007 nur folgerichtig: „Unsere Zuschauerbefragung vor der Fusion hatte ergeben, dass an den Abstecherorten, für die eine Landesbühne nun mal steht, die Sparte Tanztheater so gut wie gar nicht verlangt wurde. Dagegen bestand große Nachfrage nach Musicals. Das Stadttheater Hildesheim hatte in den 1990ern zeitweise schon drei Musicals im Repertoire. Und die Landesbühne Hannover hatte in Herrenhausen Erfolge, die fast ein Drittel des Etats trugen.“ Die Herausforderung sei nun aber gewesen, das Musical mit fünf Produktionen pro Spielzeit als ensemble- und repertoiretauglich zu beweisen. Die jüngere britische oder amerikanische Musicalliteratur funktioniere eben nicht mit Opernstimmen oder singenden Schauspielern, die brauche den Belting-Gesang und gute Tänzer.

„Ein wichtiges Argument damals war, mit den Musicals ein bislang eher theaterfernes Publikum, etwa unter den Kinogängern und den Jugendlichen, zu gewinnen“, erzählt Gade. Das sei eindeutig erreicht worden. Trotzdem hätte die höhere Anzahl der Produktionen auch Musicals mit durchaus nicht nur mainstreamigen Stoffen ermöglicht. „Das war dann anfangs für viele auch überraschend. Und so haben wir die Idee, die Musicals als Türöffner für neue Gastspielorte zu nutzen, dann zuweilen mit unseren nach damaligem Verständnis eher ungewöhnlichen Musicals wieder torpediert“, gibt Gade zu. Er habe das Genre daher gern „modernes unterhaltendes Musiktheater“ genannt, damit klar war, hier gehe es nicht nur um Popsongs, sondern auch um zeitgenössisch relevante Inhalte. Immerhin sieben Musical-Uraufführungen und zehn deutsche Erstaufführungen hat Gade in dreizehn Jahren herausgebracht.

Porträt von Jörg Gade

Jörg Gade, ehemaliger Intendant des Theater für Niedersachsen. Foto: Frank Schinski

Unbekannte Geschwister

Und da seien auch einige Flops dabei gewesen. „Gleich die erste Produktion, die deutsche Erstaufführung von ,Nervensache‘, hat eher verstörend auf das Publikum gewirkt“, erinnert sich Gade. Da ging es vor dem autobiographischen Hintergrund des Komponisten und Autors William Finn um die Ängste eines jungen Patienten vor einer Hirnoperation. „Das war das falsche Stück im falschen Moment, ein paar Jahre später wären die Zuschauer auf solche Kost gefasst gewesen.“ Da kamen dann schräge Stücke wie die Uraufführung von Marc Schubrings „Zum Sterben schön“ über einen Eventbestatter, das längst populäre Aids-Musical „Rent“ und Ryan Scott Olivers moderne Orpheus-Paraphrase „Jasper in Deadland“ als europäische Erstaufführung.

Natürlich haben auch die klassischen Musicals nicht gefehlt im Spielplan: Gershwins „Crazy for You“, Bernsteins „On the Town“ und Cole Porters „High Society“, alle sozusagen unbekannte Geschwister der Welterfolge ihrer Komponisten. Dazu gab’s aber auch „Cabaret“, „Ein Käfig voller Narren“, „Hair“ und Sondheims „Into the Woods“, von denen man 80 Prozent Platzauslastung erwartet, wenn man sie disponiert. Was unbekanntere Titel nicht erzielen können und müssen.

Keine Cashcow

Das unterstreicht auch der seit vergangenem Sommer amtierende, durch Corona und einen langwierigen Wasserschaden im Hildesheimer Stammhaus ausgebremste neue Intendant Oliver Graf. „Musical ist bei uns nicht die Cashcow für die Wagnisse der anderen Sparten, sondern eine zeitgemäße Art, Theater zu machen. Wenn es diese Sparte hier nicht schon gegeben hätte, hätte ich sie eingeführt!“ Als Landesbühne sieht er das TfN als „Kulturgrundversorger“ in Hildesheim und den Gastspielorten und will daher eine größtmögliche Vielfalt von Theater auf die Bühne bringen. Daher lädt er zumindest gastweise auch wieder Tanztheaterproduktionen der freien Szene ein.

„Und in jeder Sparte wird es gemäß unserer ,niedersächsischen Dramaturgie‘ einen großen Klassiker, eine Rarität, ein Familienstück, etwas Zeitgenössisches und etwas Unterhaltendes geben.“ Egal ob alt oder modern, die Inszenierungen sollten eine Geschichte nachvollziehbar erzählen, betont Graf, der zugleich Spartenleiter des Musiktheaters und damit des Musicals ist, das er als zeitgemäße Fortsetzung von Oper und Operette sieht. Fünf Musicals soll es wie bisher pro Saison geben, Bandmusicals, aber auch mindestens alle zwei Jahre ein großes Orchestermusical. Die Zusammenarbeit mit den anderen Sparten sei bei einem reisenden Theater wie dem TfN mit 50 Prozent Abstechern nicht leicht zu disponieren, werde aber angestrebt.

Porträt von Oliver Graf.

Der amtierende Intendant Oliver Graf. Foto: T.Behind-Photographics

Off-Off-Off-Broadway

Um Stoffe ist ihm nicht bange. Mit der Musicaldramaturgin Julia Hoppe, dem musikalischen Leiter Andreas Unsicker und Oberspielleiter Oliver Pauli schaue man nicht nur auf den Off-Broadway, sondern auch auf den Off-Off-Off-Broadway. „Wir suchen spannende, auch mal provozierende Stoffe“, sagt Graf. Ob sie dabei die neue „My Fair Lady“ entdecken, wisse man sowieso erst in hundert Jahren, „uns ist es wichtiger, dass Stücke jetzt aktuell etwas zu sagen haben“. Bei fünf Stücken könne man auch für Publikumsschichten diversifizieren. „,Green Day’s American Idiot‘ ist ein Punkmusical, mit dem wir speziell junge Männer ins Haus ziehen wollen. ,The Toxic Avenger‘ ist ein Umweltmusical, das in vielem an unsere Pandemiesituation seit Corona und die Fake-News-Politik von Donald Trump erinnert. Und nächste Spielzeit werden wir ein Holocaust-Musical spielen, es geht uns nicht immer bloß um die große Show, wir wollen im Publikum auch was erreichen“, so Graf.

Oliver Pauli, der sich schon als Neunjähriger fürs „Phantom der Oper“ begeisterte, selbst eine Musicaldarsteller-Ausbildung bei Stella machte und zehn Jahre unter anderem am Theater des Westens und auf Tournee spielte, betont, dass es ihm nicht nur auf Schöngesang ankomme. „Die Tendenz geht heute zu so einem nasalen Disney-Ton, aber ich will lieber mal eine krächzige Stelle, wenn es die Figur authentisch macht. Musicaldarsteller sind heute so universell ausgebildet, mit denen kann man auch schauspielerisch tiefer arbeiten, als es das Vorurteil meint.“

Porträt von Oliver Pauli.

Oberspielleiter Oliver Pauli. Foto: T.Behind-Photographics

Pathos gehört zum Theater

Das bekräftigt auch Lara Hofmann, neues, 25 Jahre junges Mitglied der Company, die an der Essener Folkwang-Hochschule ausgebildet wurde. „Ich will einen Charakter schaffen, die Musik unterstützt nur die Atmosphäre, der Gesang ist die Fortsetzung der Sprache.“ Ja, manchmal würde sie sich etwas stärkere Texte wünschen, gerade bei den deutsch übersetzten Liedern. Aber zum Pathos gerade in Liebesbekundungen stehe sie: „Ich tue alles dafür, dass man mir glaubt. Pathos gehört zum Theater und macht es besonders, weil man sich hier das traut, was in der Gesellschaft immer cool zurückgehalten wird. Ich finde es gut, wenn man das Dramatische auch mal ausschöpft.“

Portät von Lara Hofmann.

Mitglied der Company, Lara Hofmann. Foto: T.Behind-Photographics

Zum Spielen ist sie in ihrer ersten Spielzeit wegen des erneuten Lockdowns noch gar nicht gekommen. „The Toxic Avenger“ hatte nur ohne Publikum Premiere. So hofft sie jetzt wie das ganze TfN auf die Freiluftsaison ab 29. Mai am Hohnsensee mit dem Monty-Python-Musical „Spamalot“, bei dem auch Chor und Orchester des TfN mitwirken werden. Damit ist die Sparte wieder beim Sommertheater angekommen, mit dem sie einst startete, diesmal im lebensprallen Mittelalter.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 6/2021.