Orchester im Exil
Foto: Das Kyiv Symphony Orchestra eröffnet die Spielzeit der Monheimer Kulturwerke bei der „Kulturpromenade“ am Rhein. © Tim Kögler Text:Martina Jacobi, am 15. November 2024
Nach der russischen Invasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 hat das Kyiv Symphony Orchestra das Land verlassen. Seit August residiert es in Monheim am Rhein. Über ein Orchester im Exil.
Mit der 2. Sinfonie des ukrainischen Komponisten Levko Revutsky und Schumanns „Rheinischer“ feiert das Kyiv Symphony Orchestra im August den ersten Auftritt im neuen Zuhause: Monheim am Rhein. Es ist ein lauer Sommerabend, die Musiker:innen spielen open air auf der Bürgerwiese ein Picknick-Konzert als Eröffnung des „Monheimer Sommers“. Es wirkt fast trügerisch friedlich. Vor dem rheinromantischen Sonnenuntergang spricht Bürgermeister Daniel Zimmermann auf der Bühne von einem „Monheim für alle“ und wünscht sich „Freiheit und Frieden für die Ukraine“. Orchesterdirektor Oleksandr Zaitsev verkündet daraufhin, die Stadt sei dem Orchester jetzt schon ans Herz gewachsen. Es wolle alles Mögliche und Unmögliche tun, um Monheim am Rhein zu einer Kulturhauptstadt zu machen.
Erst Ende Juli 2024 reiste das Orchester samt Personal und Angehörigen mit 130 Personen in das Städtchen zwischen Düsseldorf und Köln mit 46000 Einwohner:innen. Am 1. August war der erste offizielle Arbeitstag des Orchesters, das nun in die Monheimer Kulturwerke GmbH eingegliedert ist. Derzeit spielen die Ukrainer:innen Gastspiele in Deutschland, spielten beispielsweise beim Schleswig-Holstein Musik Festival, ein Gedächtnis-Buchenwald-Konzert beim Musikfest Weimar und waren mit Dirigentin Oksana Lyniv bei den Wiener Festwochen. „Dass da Menschen in Not sind und es auch droht, dass ein Klangkörper sich auflösen muss“, sei die Initialzündung gewesen, das Kyiv Symphony Orchestra nach Monheim am Rhein zu holen, betont Martin Witkowski, Intendant der Monheimer Kulturwerke, beim Interview im Monheimer Rathaus, „im März 2023 hat die Ukraine die Gehaltszahlungen eingestellt.“

v. l. n. r.: Olha Tsyhanok (Kommunikationsmanagement), Karina Kusai, Arsenii Shkred, Oleksandr Zaitsev, Oleksandra Darian. Foto: Mike Günther
Kulturbotschafter
Das Orchester präsentiert sich als Kulturbotschafter der Heimat, spielt ukrainische Werke und tritt mit ukrainischen Künstler:innen wie Dmytro Udovychenko, dem Gewinner der diesjährigen Queen Elisabeth Competition, auf. Zugleich stehen nun auch immer deutsche Komponist:innen auf dem Programm – für das erste Konzert hier hat das Orchester extra die „Rheinische“ gelernt. „Wir wollen auch die europäische Kultur repräsentieren, diese Verbindung ist uns wichtig“, erklärt Oleksandra Darian in der Mack-Pyramide, dem aktuellen Bürositz der Monheimer Kulturwerke. Sie ist für die internationalen Beziehungen des Orchesters zuständig. Die Erteilung der Ausreiseerlaubnis des Orchesters wurde vom ukrainischen Kulturministerium nach der russischen Invasion am 24. Februar 2022 mit Priorität in Aussicht gestellt, sobald aus dem Ausland eine Einladung erfolgen sollte. „Auch, um eine kulturelle Front zu eröffnen“, so Darian.
Nur einen Monat nach der Invasion kam das Angebot zur Tournee „Voice of Ukraine“ von der renommierten Künstleragentur KD Schmid. Erst Warschau, dann Łódz´ und schließlich Deutschland. Die Ausreise begann im Kriegschaos, die Musiker:innen waren weit verstreut, schon im Ausland oder in anderen Städten bei Familienangehörigen. Aus Saporischschja reiste Oboistin Karina Kusai mit dem Orchester aus und nahm ihre Schwester gleich mit. „Als ich hörte, dass wir mit dem Orchester ukrainische Musik weiter präsentieren können, war das eine gute Nachricht“, sagt sie.
Schirmherrschaft
Nach der Tournee fanden die Musiker:innen eine Bleibe im thüringischen Gera mit Wohnungen und Proberäumen. „Wir sind Gera sehr dankbar, dem Bürgermeister, der Verwaltung, Jobcenter, Sozialamt, sie haben uns als Orchester gerettet“, meint Trompeter Arsenii Shkred. Grund für den Weggang aus Gera sind nach Berichten, wie beispielsweise des MDR, auch Anfeindungen gegen die Ukrainer:innen. Die Augsburger Allgemeine meldet „finanzielle und atmosphärische“ Gründe. Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt hatte das Orchester schon nach Gera vermittelt und übernimmt für die Dauer der Residenz in Monheim am Rhein die Schirmherrschaft. Beim Besuch in der Stadt am 17. September berichtete sie laut einer Meldung der Stadtwebseite, die Situation sei „nicht mehr gut tragbar“ gewesen. Die Musiker:innen selber äußern sich zurückhaltend. „Gera braucht keine zwei Orchester“, findet Shkred.

Das Kyiv Symphony Orchestra beim Picknick-Konzert. Foto: Marco Piecuch
In Monheim am Rhein ist das Orchester in gerade fertiggestellten Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft untergebracht. „70 Prozent der Wohnungen wären sowieso ganz regulär auf dem Immobilienmarkt angeboten worden“, erklärt Bürgermeister Daniel Zimmermann. Zum Proben nutzen die Musiker:innen die Infrastruktur der Stadt, spielen in der Kirche, in der Volkshochschule oder in der städtischen Aula. Ein eigenes Orchester hatte Monheim am Rhein noch nie, noch gibt es kein Theater oder eine Konzerthalle in der Stadt. Doch Ende 2025 soll die Kulturraffinerie K714, eine umgebaute alte Ölraffinerie, fertiggestellt werden und auch dem Kyiv Symphony Orchestra als Konzertsaal dienen.
Kulturraffinerie
Monheim am Rhein, das mit dem „Schelmenturm“ an eine frühere Befestigungsanlage aus dem 15. Jahrhundert durch bergische Grafen erinnert, präsentiert sich heute als „Smart City“ mit 10 bis 15 km/h autonom fahrenden Kleinbussen. In einem Kreisverkehr spuckt manchmal ein Geysir, gespeist durch Sonnenenergie. In Zimmermanns Amtszeit, die er 2009 mit 27 Jahren als jüngster Bürgermeister Nordrhein-Westfalens und Mitglied der PETO-Jugendpartei antrat, wurde die Stadt zur Steueroase für Firmen, von 2013 an war die Kommune jahrelang schuldenfrei. Dann investierte die Stadt 38 Millionen Euro bei der Greensill Bank, die 2021 in Konkurs ging. Der Bund der Steuerzahler NRW kritisiert, dass die Stadt sich aktuell mit Großprojekten wie dem Bau der ersten Achtfach-Sporthalle Europas und der Kulturraffinerie in einen Schuldenberg von bis zu einer Milliarde Euro begibt.
Berufsperspektive
Witkowski erzählt, dass sich die Stadt das Kyiv Symphony Orchestra durch einen überplanmäßigen Zuschuss der Stadt Monheim am Rhein an die Kulturwerke für dieses und nächstes Jahr leisten kann. Damit sollen die Musiker:innen für die nächsten drei Jahre bleiben können. „Ziel ist, für das dreijährige Gesamtbudget von der Stadt 50 Prozent Zuschuss zu erhalten und mit weiteren Partnern die übrigen 50 Prozent zu stellen“, so Witkowski.
Bei der „Kulturpromenade“ am Rhein durfte das Kyiv Symphony Orchestra die Spielzeit der Kulturwerke eröffnen. Beim Gang mit den Instrumenten durch das Publikum habe dieses den Musiker:innen Spalier gestanden und laut applaudiert, erzählen Witkowski und die Musiker:innen. Sie haben hier nicht nur ein Zuhause, sondern vorerst auch eine berufliche Zukunft gefunden und fühlen sich in Monheim am Rhein gut aufgenommen. Bei allem, was das Orchester durchgemacht hat und durchmacht, ist das eine gute Nachricht. „Das ist eine besondere Atmosphäre“, berichtet Orchesterdirektor Zaitsev, „sehr freundlich, nett und herzlich.“ Und Darian ergänzt: „Diese Atmosphäre und der Austausch sind das, was zählt. Dass man eine Perspektive hat.“
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 6/2024.