Fünf Personen an Tischen für eine Online-Schalte

Das Fast Forward Online Forum 2026

Fast Forward ist Vergangenheit – nachdem das Dresdner Festival gestrichen wurde, lebte der Gedanke noch einmal auf: in einer Online-Tagung und im Live-Stream, veranstaltet vom Staatsschauspiel Dresden in Zusammenarbeit mit der European Theatre Convention (ETC).

Immer wieder machte sich Trauer breit. Und die latente „Depression“, die der englische Theatermacher Chris Thorpe der aktuellen jungen Theaterszene attestierte, hat sicher auch zu tun mit dem Verlust eines der wichtigsten Festivals für den europäischen Theater-Nachwuchs – Fast Forward. Das Festival, gegründet ursprünglich am Staatstheater in Braunschweig, zog mit Intendant Joachim Klement vor demnächst zehn Jahren nach Dresden um. Im Herbst des vergangenen Jahres erlebte es die letzte Ausgabe auf den Bühnen von Staatsschauspiel, Festspielhaus Hellerau und Kunsthochschule. Streichungen in den Kultur-Etats haben die Gastspiele der Arbeiten junger Theatermacherinnen und Theatermacher aus allen Regionen Europas für dieses Jahr unmöglich gemacht.

Als Notlösung hat das Dresdner Team jetzt die Erfahrungen aus der Zeit der COVID-Pandemie genutzt. Im Live-Stream einer Tagung trafen sich Studierende und Dozierende, Absolventinnen und Absolventen der Regie-Studiengänge überall in Europa. Sie tauschten sich aus über das, was war, was ist und was sein könnte und zu wünschen wäre.

Was Theater will, soll und kann

Die Liste der Teilnehmenden war ein Festival für sich. Von Schreibtischen und Wohnzimmern in Lettland und Griechenland, Österreich, der Schweiz, aus Spanien, Frankreich, Italien, Bosnien, Kroatien, Bulgarien, Belgien und Norwegen waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verbunden mit Kolleginnen und Kollegen aus den Regie-Studiengängen an den Hochschulen im deutschsprachigen Raum. Viele von ihnen haben in den vergangenen Jahren eigene Produktionen vorgestellt in Dresden. Einige sogar davor schon in der Braunschweiger Gründerzeit des Festivals.

Viele studieren und arbeiten auch fern von Zuhause. Damit sind sie Teil der internationalen Vernetzung im „europäischen Theater-Dorf“, wie die an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ tätige Regisseurin und Dozentin Friederike Heller die internationale Gemeinschaft der Gleichgesinnten charakterisierte. Dieses Dorf, das wurde immer wieder klar, hat mit der Festival-Begegnung bei Fast Forward einen wichtigen Marktplatz verloren. Vielleicht den wichtigsten. Auch weil das Gespräch darüber, was Theater will und soll und kann, derzeit so wichtig ist wie selten zuvor.

zwei Personen vor einem Bildschirm mit verschiedenen Online-Teilnehmerinnen

Die Stream-Arbeitsgruppen beim Festival Fast Forward Online Forum 2026. Foto: Sebastian Hoppe

In drei virtuellen Arbeitsgruppen trafen sich die Dresdner Gäste. Jeweils eine aus der zentralen Podiumsrunde der Gastgeber war als Berichterstatterin Teil einer dieser Gruppen. Dort wurde nach kurzer Vorstellung aller Teilnehmenden zunächst ohne Publikum über die zentralen Tagungsthemen debattiert. Über den aktuellen Zustand der Regie-Ausbildung in Europa und wie sie zu verbessern wäre. Über die Frage nach der Wirkung, die speziell Theater und Performance beanspruchen und ausüben können im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Schließlich über die Erwartungen, die junge Künstlerinnen und Künstler formulieren mit Blick auf das eigene Handwerk in Beziehung zu den Entwicklungen der Welt, in der sie leben.

Der „Catarina“-Effekt

Das fünfköpfige Podium griff die Ergebnisse der Arbeitsgruppen dann auf und diskutierte sie weiter. Friederike Heller, die zukünftige Magdeburger Schauspielchefin Lily Sykes und Lina Wölfel, zukünftige Chefredakteurin bei „Theater der Zeit“, kamen jeweils aus den Arbeitsgruppen zurück aufs Podium zu Gábor Thuri, der derzeit am HAU in Berlin arbeitet. Und zu Charlotte Orti von Havranek, die das Fast Forward-Festival in den Dresdener Jahren kuratiert hat. Intendant und Festivalgründer Joachim Klement hatte die Tagung eröffnet. Und Florian Malzacher, als Kurator erfahren in den Leitungsteams bei den Festivals Impulse und Steirischer Herbst sowie inzwischen Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, formulierte zur Einleitung der Tagung einige der zentralen Fragen und zutiefst beunruhigenden Probleme, die die darstellenden Künste derzeit umtreiben.

Die markanteste (und in jeder Hinsicht beispielhafte) Herausforderung lauert womöglich derzeit in einem Theaterstück, das nach der deutschsprachigen Erstaufführung im Februar am Bochumer Schauspielhaus mittlerweile am Bremer Theater, am Zimmertheater in Tübingen und demnächst auch am Volkstheater in München gespielt wird: „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ des portugiesischen Autors und Regisseurs Tiago Rodrigues. Im Finale treibt es das Publikum in einen ungewohnten Zustand. Jeder und jede muss für sich entscheiden, was er oder sie noch zu ertragen bereit ist. In einem ausufernden Monolog nämlich sind alle Argumentationslinien, alle „Narrative“ versammelt, die von Rechtsaußen aus derzeit auf die offene, liberale und tendenziell multikulturelle Gesellschaft einprasseln. Und wo immer das Stück gezeigt wird, beginnt das Publikum sich zu wehren: gegen die Zumutungen des Populismus der politischen Rechten.

Was wollen wir noch hören? Und was nicht mehr …

Teile des Publikums werden also „aktiv“, agieren plötzlich „aktivistisch“ – selbst wenn es ja immer nur ein Schauspieler ist, der Text spricht und keine private Meinung äußert. „Was wollen wir noch hören? Und was nicht mehr …“ – so fasste Charlotte Orti von Havranek den fundamentalen „Catarina“-Effekt zusammen.

Was kann, was soll und was will Theater leisten? Was wollen junge Regisseurinnen und Regisseure erreichen mit dem, was sie studiert haben? Welche Möglichkeiten bieten sich ihnen dafür – noch? Die Dresdner Gespräche haben noch einmal das Bewusstsein dafür geschärft, dass die Ausbildung für den kreativen Umgang mit der Kunstform, die „Theater“ heißt, mehr denn je im Mittelpunkt politischer wie kultureller Debatten stehen müsste – und fundamental gefährdet ist, je seltener das möglich ist.