Time to care, time to act.
Foto: Die Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft auf Kampnagel in Hamburg © Karolin Berg Text:Karolin Berg, am 2. März 2026
Auf Kampnagel in Hamburg tagte die Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft mit rund 400 Teilnehmer:innen unter der Überschrift „Time to Care – Strategien von Inklusion und Empowerment gegen Politiken der Härte“. Die dg feierte ihren 70. Geburtstag und blickte zurück, wie sich politische und gesellschaftliche Aufgaben von Theatern und mit ihnen der Dramaturgie-Beruf verändert haben.
Zugegeben, der Verdi-Streik am Freitag und Samstag lässt sich schwer unter dem Motto „Time to Care“ fassen. Und doch merken plötzlich alle (auch die im Normalfall Nicht-Eingeschränkten), die irgendwohin müssen, wie sich eine (Mobilitäts-)Einschränkung anfühlt: ein Mehraufwand an Energie, Zeit, Geld und Ressourcen, um irgendwo hinzukommen, partizipieren, schlichtweg seinen Job machen zu können. Eine zusätzliche Belastungen eben, die für Menschen mit Einschränkungen Alltag sind.
Passender hätten bundesweit und in diesem Fall die Hamburger Öffentlichen Nahverkehrsbetriebe ihren Warnstreik über zwei von vier Programm-Tagen der dg-Jahreskonferenz nicht legen können. Denn dort ging es unter anderem darum, wer im Diskursraum sicht- und hörbar ist und wie Zugänge geschaffen sein müssten, damit eine Vereinbarkeit von Theater mit Care-Aufgaben, crip time (individualisierten Zeiterfahrungen) und anderen Bedarfen ermöglicht werden kann.
Inklusiver Zugang
Wenn man es also zum diesjährigen Tagungsort auf Kampnagel geschafft hat, findet man einen sehr feinfühlig organisierten Tagungsort vor. Access friends, erkennbar an ihren Blauwesten, sind jederzeit ansprechbar für Bedarfe der Barrierefreiheit. Sowohl für Referent:innen als auch Teilnehmer:innen gibt es abgeschirmte Rückzugsmöglichkeiten. Viele Panels funktionieren nach dem Prinzip der relaxed performances. Dadurch entsteht eine Atmosphäre des zugewandt-empathischen und rücksichtsvollen Miteinanders.
Zu fast jeder Veranstaltung wird Verdolmetschung in englische und deutsche Lautsprache, deutsche Gebärdensprache und leichte Sprache angeboten. Organisatorisch ist auffällig, dass im Gegensatz zu vorherigen Tagungen weniger auf Masse an Panels und Workshops (die meist auf eine bis eineinhalb Stunden terminiert waren) gesetzt wurde, als auf längere Gesprächsrunden. Was zunächst auf dem Papier wie zweieinhalb, drei Stunden durchpowern aussieht, war wohl eher der Idee geschuldet, sich intensiver und in einem zeitlich entspannteren Rahmen in Diskurse zu begeben.
Warum Inklusion kein „nice to have“ ist, führte Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, vor Augen: Circa 13 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Behinderung oder sind chronisch krank. 13 Millionen Menschen, die als Zuschauer:innen und oder Kunst- und Theaterschaffende das Recht auf Teilhabe einfordern.
Sichtbarkeit und Netzwerken
Wie wichtig diese Sichtbarkeit ist und wie weit wir noch von einer Sichtbarkeit für mehr Diversität und Inklusion entfernt sind, zeigt sich in der diskrepanten Zusammensetzung der Panels im Vergleich zum Auditorium: Dem Organisationsteam der Konferenz gelang es, eine enorme Bandbreite an Speaker:innen zu gewinnen, die sehr unterschiedliche Facetten des Themas „Time to Care“ abbildeten. So ging es sowohl um inklusives Arbeiten in Bezug auf die Kunstproduktion als auch in Bezug auf das Publikum, in einem internationalen Kontext als auch um die Unterrepräsentation von Theaterschaffenden auf und hinter der Bühne mit sichtbaren und unsichtbaren Einschränkungen.

Teilnehmende der Jahreskonferenz der dramaturgischen Gesellschaft vor Kampnagel. Foto: Karolin Berg
Formal begann jedes Panel mit einer Vorstellungsrunde: Die Referent:innen beschrieben sich selbst als weiß oder person of color, mit einer unsichtbaren oder sichtbaren Behinderung oder chronischen Erkrankung. Im Gegensatz dazu beschrieben sich Teilnehmer:innen, die mit einer Frage oder Impuls partizipierten, überwiegend als weiß, weiblich, nicht behindert oder ließen diesen Teil der Selbstbeschreibung aus. In seiner Homogenität erscheint diese Momentaufnahme entlarvend.
Andererseits steht für die Verfasserin dieses Textes aus einer persönlichen Betroffenheit heraus diese Jahreskonferenz auch für eine verbindende und empowernde Botschaft: So unterschiedlich die Bedarfe der Einzelnen sind, so Viele betreffen diese. Und so stark ist der Veränderungswunsch, auch der Veränderungsdruck. Diese Versammlung bot somit auch eine Plattform für Menschen mit Behinderung, chronisch Kranke oder Menschen mit Care-Verantwortung, sich zu vernetzen und zu erleben, dass man nicht alleine im Kampf um Zugänge ist.
Care nicht als Zusatz, sondern als Standard denken
Vielleicht liegt die Radikalität der Forderungen dieser Konferenz in einer Verschiebung oder Auflösung der Normen: Care nicht als Zusatz, sondern als Standard zu denken. Zeit nicht als selbst auferlegte Dringlichkeit, sondern als Ressource und Variable. Und Inklusion nicht als moralische Geste, sondern als ästhetische und strukturelle Notwendigkeit. Die Kunst, Viele zu bleiben, mit dieser Vielfalt umzugehen – sie beginnt nicht nur thematisch auf der Bühne, sie beginnt mit Menschen auf, vor und dahinter.

Die Jahrestagung feierte ihren 70. Geburtstag. Foto: Karolin Berg
Dieses Umdenken braucht es, weil sonst für viele, die Kunst und Theater machen und sehen wollen, der gesamte Druck des Mehraufwandes in ihrer Verantwortung bleibt. Solange es nicht signifikant mehr Diversität auf den Bühnen, in den Dramaturgien und Theaterleitungen gibt, wird auf diesen so wichtigen Konferenzen und Netzwerktreffen eine eklatante Lücke klaffen zwischen einem drüber reden und einem tatsächlich diverseren Teilnehmer:innenkreis.
Es bleibt ein Appell an die Dramaturg:innen, Theaterschaffenden, insbesondere in Leitungspositionen, diese Konferenzimpulse beschleunigt in ihre Häuser, Institutionen, Produktionen und (Arbeits-)Umfelde zu tragen. Verbunden ist damit ein Aufruf, dass der Mehraufwand sich umkehren sollte. Denn auch für den Arbeitgebenden sollte der Mehraufwand des inklusiveren Miteinanders einen Wert von Perspektiverweiterung haben. Kampnagel war der prädestinierte Ort für diese Impulse, für diese Jahreskonferenz. Zeit sich zu kümmern, time to care. Aber vor allem ernsthaft daraus resultierend: Time to act.