Alles Liebe

Emmanuelle Grizo, Anna Vita: Mythen der Liebe

Theater:Anhaltisches Theater Dessau, Premiere:30.10.2026 (UA)Musikalische Leitung:Markus L. Frank, Anna VitaKomponist(in):César Franck, Maurice Ravel

Das Anhaltische Theater Dessau zeigt den Doppelabend „Mythen der Liebe“: Emmanuelle Grizot schwelgt zu César Francks „Psyché“ in Schönheit und Harmonie, Anna Vita erzählt zu Ravels „Daphnis et Chloé“ vom Erwachen der ersten Liebe, getragen von der Anhaltischen Philharmonie unter Markus L. Frank.

Dem Anhaltischen Theater Dessau ist im Sommer ziemlich unerwartet sein langjähriger Ballettchef Stefano Giannetti abhandengekommen. Über die Gründe seines Weggangs schweigt man offiziell genauso eisern wie auch über den Stand bei der Regelung seiner Nachfolge. Da eine Organisation so gut ist, wie sie mit solchen Störungen fertig wird, das Haus professionell geführt wird, die Truppe steht (bzw. mit Lust und allemal überzeugend tanzt) und auch in Dessau die Ballettfans zu den treuesten gehören, lässt sich auch eine führungslose Spielzeit überbrücken, ohne dass es gleich auf die künstlerische Qualität durchschlägt.

Der jüngste Doppelabend jedenfalls kann sich nicht nur dank des musikalischen Fundaments, das Markus L. Frank und seine Anhaltische Philharmonie im Graben und der im zweiten Teil mit Vokalisen raunende, dabei unsichtbare Chor des Hauses beisteuern, hören, sondern vor allem, im engen Schulterschluss mit der Musik auf der Bühne, auch sehen lassen.

Traum aus Pastell und Ventilatoren

„Mythen der Liebe“ bietet als ersten Teil vier, jetzt von Emmanuelle Grizot choreografierte Szenen zu César Francks sinfonischer Komposition „Psyché“ aus dem Jahr 1887. Dabei geht es um eine betörend schöne Frau, die ihre Mitmenschen so verzaubert, dass die die für Liebe zuständige Göttin Venus vernachlässigen. Die schickt daraufhin ihren Sohn Amor, um Psyche mit einem Mann zu „versorgen“, um so ihre Rechte wiederherzustellen. Allerdings hat es Psyche auch Amor angetan und er lässt sie vom Windgott Nacht für Nacht in seine Gärten tragen. Die Bedingung, dass sie ihn nicht ansehen dürfe, hält sie natürlich auf die Dauer nicht durch…

Die Choreografie beschränkt sich auf diesen Anfang der Geschichte, macht schon ihren Schlaf zu einem Traum vom Schwelgen in Schönheit und Harmonie. Immer wieder werden die sechs Tänzerpaare zu einem Ganzen, einem Körper, der sich gleichsam Harmonie atmend bewegt. Zarte Pastelltöne der Kostümoberteile von Judith Fischer, dazu die lichtdurchflutete Bühne von Moritz Nitsche, für die eine Wolke genügt, um den Traum von Schönheit zu imaginieren. Für Zephirs Winde reichen ein paar augenzwinkernd eingesetzte Ventilatoren. Die Gärten markieren ausgerollte Rasenmatten wie fürs Yoga. Ob der hereingerollte Spiegel dann den Ersatz für den Blick zum Verbotenen bieten soll? Man weiß es nicht. Die Auflösung dieses Traums sind dann jedenfalls die sechs Pas de deux, zu denen sich die Paare mit den jeweils passenden Oberteilen am Ende zusammenfinden.

Wenn es funkt

Nach diesem tänzerischen Spiel mit Licht und Leichtigkeit und dem assoziativen Umschweben der Geschichte geht es dann, nach der Pause, deutlich nachvollziehbarer zur Sache. Anna Vita hat mit „Daphnis et Chloé“ das einzige „richtige“ Handlungsballett von Maurice Ravel choreografiert. Abgesehen davon, dass hier schon die ziemlich plastische und eloquente Musik packt, hatte 1912 bei der Uraufführung auch die Choreografie durch die Ballets Russes für Furore gesorgt. Vor allem, weil kein Geringerer als die exzentrische Tanzlegende Vaslav Nijinsky die männliche Titelfigur tanzte (und zeitgleich selbst ein anderes Stück inszenierte). Jetzt beherrscht zunächst Marc Balló als lauernder Pan auf einem Felsen und mit seiner Flöte die Szene. Die Geschichte von Daphnis (Victor Costas Santos) und Chloé (Christina Rauccio) ist eine des Erwachens von Begehren und Sexualität zwischen den beiden, die sich schon als Kinder kannten und nun nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Pan hilft Daphnis auf die Sprünge und führt ihm die erfahrene Lykainion (Giulia Riccio) als Liebeslehrerin zu. Richtig dramatisch wird es, wenn einfallende, finstere Piraten Chloé entführen. Vor allem gegen deren Anführer Bryaxis (Marcos Vinicius dos Anjos) muss sich Chloé zur Wehr setzen. Natürlich schaffen es Daphnis, Pan, drei herbeigerufene Nymphen, göttliches Licht und ein wenig Budenzauber (ein riesiger Schatten Pans), die Piraten in die Flucht zu schlagen. Es ist berührend, mit welcher jugendlichen Zärtlichkeit sich Daphnis und Chloé jetzt einander annähern, auch wenn Pan und Lykainion nochmal etwas nachhelfen müssen. Am Ende verschwinden die beiden einfach hinter dem Felsen. Als sie wieder hervorkommen, ist der Jubel allgemein. Es hat offensichtlich gefunkt. Der Triumph der ersten Liebe ergreift auch alle anderen und mündet in ein ekstatisches Finale.

Es ist eine schöne Geschichte mit Happyend, tanzend nachvollziehbar choreografiert, dazu mit einer immer noch packenden Musik von einem fantastischen Ensemble erzählt, das bald einen kreativen Kopf an seiner Spitze verdient hat.