Foto: Charlie Wyrsch und Lenka Löhmann.
© Krisztina Figge
Text:Manfred Jahnke, am 18. Oktober 2026
Gemeinsam mit dem Jungen Ensemble Stuttgart bringt Regisseur Milan Gather „10 von 10“ von Kai Bosch auf die Bühne. Ein Stück über Wettbewerbsgesellschaft, individuelle Startbedingungen und gegenseitigen Respekt.
Kai Bosch ist in der Stuttgarter Region als Poetry Slammer und Comedian eine Größe. Seit seiner Geburt Tetraspastiker (spastische Lähmung von Armen und Beinen) und Stotterer. Sein Credo: „Ich möchte als Mensch mit tausend Merkmalen wahrgenommen werden, von denen die Behinderung lediglich eines ist.“. Das Junge Ensemble Stuttgart hat von ihm und mit ihm ein Stück herausgebracht, das genau das zum Thema macht – und viel weiter greift.
In „10 von 10“ verhandelt Bosch das Thema des Wettbewerbs und der Selbstoptimierung. In einer Show werden Talente gesucht. Noah und Luca bewerben sich. Freundschaftlich verbunden wollen sie eigentlich nicht gegeneinander antreten, aber die Wettbewerbssituation zwingt sie dazu. Am Ende weiß auch der Moderator nicht weiter, er möchte beide als Sieger ausrufen. Er wird von der Produktionsleitung zurückgepfiffen – und entlassen: Eine kleine Utopie endet abrupt.
Alles für die Stärkeren
Andreas Alexander Straßer hat für die rasante Inszenierung von Milan Gather einen Showroom geschaffen. Mit Ledersofa in der Mitte der Bühne und einer großen Leinwand dahinter, auf der die Wettbewerber immer wieder einmal im Großbild zu sehen sind. Gleichzeitig schaut man zu, wie sie im Hintergrund gegen die Live-Kamera agieren und sprechen. Kai Bosch, rechts auf einem Ledersessel kuschelnd, moderiert diese Veranstaltung charmant. Als Moderator hat er eine starke Sympathie für seine Kandidat:innen. Bosch lässt das im Spiel immer wieder aufblitzen. Aber genau diese Sympathie wird ihm zum Verhängnis: In einer Wettbewerbsgesellschaft darf es keine Empathie geben: Nur der Stärkere zählt.

Kai Bosch als Moderator. Foto: Krisztina Figge
Die Besetzungspolitik vom Jungen Ensemble ist dabei überwältigend. Charlie Wyrsch fegt als einziges Ensemblemitglied des JES in dieser Produktion als lächelnder Irrwisch durch die Produktion. Dabei entwickelt Wyrsch eine große Achtsamkeit, nimmt die blinde Lenka Löhmann, Studentin an der AdK Ludwigsburg, an die Hand und führt sie über die Bühne. Das sind ganz starke Momente in dieser Aufführung. Wie auch die Songnummern, die Jonas Bolle komponiert und arrangiert hat.
Utopie und ihre Hindernisse
In „10 von 10“ agieren drei Menschen miteinander mit einer Achtsamkeit (dabei ist die Regie von Milan Gather nicht zu übersehen, der darauf hin gearbeitet hat), die von einer tiefen Verbundenheit und Respekt erzählt. Bosch entwickelt dabei eine Utopie, die von der Haltung getragen wird, wie Menschen mit ihren Eigenarten miteinander leben können. Wie zur Verwirklichung ein Raum geschaffen werden kann. Aber auch, wie dieser zerfällt, wenn gesellschaftliche Machtmechanismen eingreifen und die Verwirklichung einer solchen Utopie verhindern: harte Wirklichkeit.
Bosch und Gather erzählen das ohne Zeigefinger. Umso deutlicher wird die gesellschaftliche Wirklichkeit mit ihren Ausgrenzungen. Eine starke Produktion, die auch vom starken Engagement des Jungen Ensembles erzählt.