Sera Ahamefule (Nina) und Malin Blülle (Kostja)

Alt und neu, Liebe und Schweigen

Anton Tschechow: Die Möwe

Theater:Düsseldorfer Schauspielhaus, Premiere:16.10.2026Regie:Barbara Frey

Barbara Frey hat am Düsseldorfer Schauspielhaus Anton Tschechows „Die Möwe“ ins Heute versetzt. Mit einem sehr guten Ensemble schafft sie es, die Frage nach altem und neuem Theater zu stellen.

Barbara Freys Inszenierung der „Möwe“ wirkt bemerkenswert einfach und menschlich. Martin Zehetgruber hat ihr dafür einen Raum geschaffen, der kalt wirkt, aber auch ein Geheimnis hat, eine Sehnsucht in sich birgt: einen schlichten, großen Raum mit weißen Wänden, nach hinten abgeschlossen durch eine Bretterwand, durch die hindurch man den Garten spüren kann, der auch schon ins Haus gedrungen ist. Rechts und links wächst Gras in den Raum.

Hier etabliert Frey sehr schnell und unprätentiös die Tschechow’schen Liebesreigen. Der Lehrer (Langston Uibel) liebt die Verwalterstochter Mascha (Linda Rohrer). Mascha liebt Kostja, Kostja liebt Nina. Keiner wird zurückgeliebt.

Kostja (Malin Blülle) ist der Erste, den wir kennenlernen. Er sucht nach „neuen Formen“ in der Kunst, vor allem im Leben, er ist unglücklich, weil die Beziehung zu seiner Mutter ihn belastet und er hat ein Theaterstück geschrieben. Er platziert sein „Bühnenbild“, eine gemalte, russische Landstimmung  mitten im Raum, der sonst nur mit ein paar Stühlen, einem kleinen Tisch und einem Radio bestückt ist. Später kommen eine Hollywoodschaukel, ein Erfrischungstisch und etwas Gepäck dazu, alles Requisiten, die von Lebensgenuss sprechen.

Ausdruckswillen, nicht Talent

Das uns größtenteils noch unbekannte Publikum, die Bewohner von Sorins Landsitz, kommen dazu und Nina (Sera Ahamefule) spielt das Stück. Sie ist keine Schauspielerin, sucht die Worte, ist unsicher, verliert den Fokus, hat aber einen klar erkennbaren Ausdruckswillen. Arkadina (Anna Schudt) verspottet das Stück und jetzt geht das Drama richtig los: Die Beziehungen zwischen den Personen werden aufgefaltet, langsam, mit viel Schweigen. Wenn Arkadina und Kostja einmal alleine sind, wendet Arkadina sich ab und stellt das Radio an, eine Szene von einer Grausamkeit, wie sie auf einer Theaterbühne nicht oft zu erleben ist.

Nina verliebt sich in den Schriftsteller Trigorin (Guy Clemens), den Freund – und, sozusagen, das Eigentum – von Arkadina. Der erzählt von seiner gefühlten Mittelmäßigkeit und davon, wie Kunst ein Job ist. Wir lernen die Figuren auf der Bühne wirklich kennen, ihre kleinen Fluchten – Trigorin angelt, Mascha trinkt – und die Sehnsüchte der Außenseiter. Etwa Sorin, Arkadinas Bruder, der über sein Leben trauert, darüber, dass er kein Schriftsteller und kein Ehemann geworden sei. Ronald Kukulies spielt ihn mit verhaltener Komik, als Klassenclown und Leidensmann der Gruppe. Maschas Vater Schamrajew (Thomas Wittmann) arbeitet immer und flüchtet sich in Erinnerungen an das Theater. Und Dr. Dorn (Claudius Körber) ist „nur“ Zuschauer, lebt davon, dass er anderen Leben zusieht.

Das Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses mit Selma Ahamefule (Nina) und Anna Schudt (Arkadina) in der Mitte

Sera Ahamefule (Nina) und Anna Schudt (Arkadina) inmitten des Düsseldorfer Ensembles. Foto: Matthias Horn

Jetzt kennt man die Figuren, jetzt spitzt die Regisseurin sie zu, macht die Stille, die zwischen ihnen herrscht, mit Geräuschen hörbar. Immer wieder ertönt 50, 60 Jahre alte Easy-Listening-Music, das Radio springt an, der Doktor intoniert Musik, Geräusche und Worte mit seiner Kopfstimme. Niemand kommuniziert, es werden kleine Gemeinheiten aufeinander gehäuft und die eigene Eitelkeit vorgezeigt. Es gibt keine Entwicklungen. Die Reaktionen der Figuren sind unterschiedlich: Arkadina saugt diese Atmosphäre auf, Trigorin muss wieder angeln gehen. Die andern suchen nach Liebe, nach Zusammenhalt ohne Berührung, was ihre Probleme nicht löst.

Unsere Welt, unsere Leere, unsere Vereinzelung

Barbara Frey hat mit der „Möwe“ unsere aktuelle Welt beschrieben, nicht das Russland der vorletzten Jahrhundertwende, unsere Leere, die von Bürokratie gespeist wird, unsere Vereinzelung, ohne aktuelle Anspielungen. Man versteht ihren Ansatz, denkt darüber nach – wie viele Inszenierungen schaffen das?

Nur Kostja bricht die Illusion des Theaters auf, redet immer wieder von der Rampe runter, von der Bühne weg. Er ist nicht unbegabt, sehen wir, im Gegenteil, nimmt alles wahr, ordnet alles ein, weiß, was mit den Menschen passiert, und hält es nicht aus. Weil er seine einzige Liebe nicht bekommen kann und seine Mutter ihm den Weg ins Leben sperrt. So bleibt er – eben ohne jede Illusion – allein. Und erschießt sich.

Barbara Frey hat mit einem wirklich ausgezeichneten Ensemble nicht nur Tschechow inszeniert und verheutigt, sondern auch gezeigt, wie das „Alte Theater“ und die „Neuen Formen“ eins werden können.