Foto: „Die Holländerinnen“ © Eike Walkenhorst
Text:Martina Jacobi, am 17. Oktober 2026
Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Jan Friedrich Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“. Durch Überzeichnen einer intellektuellen Gesellschaft und sich einprägende Bilder stellt er Genie-Wahnsinn in den Mittelpunkt.
Ein Auditorium, ein Raum des Teilens von Wissen und Erkenntnis: Hier beginnt Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“ und auch Jan Friedrichs Inszenierung am Deutschen Theater Berlin, eine von acht Inszenierungen in dieser Spielzeit über den mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichneten Roman. In diesem Auditorium hält die Figur einer namenlosen Autorin eine Lesung über das dokumentarische Projekt, für das sie ein Theatermacher vor ein paar Jahren zusammen mit einem größeren Team inklusive Bühnenbildner, Kostümbildnerin, Schauspielerinnen und Regieassistent engagiert habe. Mit dieser Reise habe der Theatermacher der (realen) Geschichte und dem Tod der zwei Holländerinnen auf die Spur kommen wollen, die auf einer Reise in Panama 2014 im Dschungel verschwanden.
Diesen Vermisstenfall wählte Elmiger vielleicht wegen des allgemeinen True-Crime-Wahns, wegen des exotisierten Schauplatzes aber sicher auch wegen der gefundenen Fotografien einer Kamera, scheinbar zufällige Nachtaufnahmen ohne sichtbaren Sinn. Laut Spekulationen dienten sie vielleicht dazu, die Schwärze der Nacht für einen Moment zu erhellen, um einen sicheren Weg zu finden.
Elmigers Buch erzählt durch die aufgegriffene Geschichte der beiden holländischen Studentinnen und den Überbau der im Roman integrierten Handlung der Inszenierung des Theatermachers letztendlich von der Konstruktion des Erzählens an sich – von der Faszination und gleichzeitig dem Schrecken des Unbekannten, vielleicht Tödlichen. Es geht um die endlose Sinnsuche – in der Geschichte und in der Welt, um lang gebildete und realitätsstiftende Narrative aus einer deutsch-westlichen Perspektive. Elmigers Schreib-Stil – durchweg im Konjunktiv, „es habe“, „sie seien“ – eröffnet hierbei abgrundtiefe Weiten an Un(möglichkeiten).
Entfremdung
Deutlich wird durch Elmigers Roman die Entfremdung des Menschen von der Natur, aber auch deren Exotisierung sowie eine große Angst vor dem „Draußen“, dem Fremden, der Ausweglosigkeit der Welt. Ansätze, diese Welt zu erklären finden sich in Zitaten vor allem großer Männer wie Werner Herzog, Adorno oder Walter Benjamin. Mit der Reise nach Panama möchte der manische Theatermacher den Tod der Holländerinnen reinszenieren, wodurch die Gruppe schließlich die Ängste und die Gewalt der menschlichen Geschichte selbst zum Leben erweckt.
In diesem Auditorium auf der Bühne des Deutschen Theaters inszeniert Friedrich das im Nachhinein erzählte „Draußen“ der Dschungel-Reise, das im Kontrast zu dieser holzvertäfelten, gepflegten und geordneten Welt umso künstlicher erscheint (Bühne: Louisa Robin). Vor allem betont er aber die menschliche Eitelkeit in der unermüdlichen Anstrengung – auch des Theaters –, eine Auflösung zu finden. Eine Anstrengung, die sich auch im Publikum wiederfindet, das im Theatersaal nach Verbindung, Relevanz, Orientierung und Werten sucht.

v.l.n.r. Evamaria Salcher (eine der Schauspielerinnen der beiden Holländerinnen), Moritz Kienemann (der Theatermacher), Julia Gräfner (die Kostümbildnerin) und Manuel Harder (der Kameramann). Foto: Eike Walkenhorst
So sitzt Moritz Kienemann zu Beginn selbst in den Zuschauerreihen, nimmt sich dann die Bühne für seine Vision, für seine Wahrheit über die Geschichte der Holländerinnen. Im leger sitzenden Anzug (Kostüme: Vanessa Rust) wirkt er kleiner, sein Größenwahnsinn darum umso größer als Theatermacher, dessen Welt-Offenbarung mit echoverstärkter Stimme durch den Raum hallt.
Abnorme Wertegesellschaft
Friedrich setzt auf Komik – vielleicht auch ein Versuch, der undramatischen Erzählstruktur des Romans zu entkommen, die sich gegen eine Bühnenadaption wehrt. Mit fast apathischer Teilnahmlosigkeit und dennoch einnehmendem Ernst erzählen die sechs Ensemblemitglieder vorn am Pult ihre jeweilige Perspektive, stellen erinnerte Szenen steif nach, filmen sich gegenseitig (groß projiziert auf dahinterliegende Leinwände), sind eben selbst klar inszenierte Darstellungen der Realität. Eingespielte Dschungel-Geräusche zeichnen dahinter die Illusion einer Natur-Idylle und gleichzeitigem Dschungel-Chaos, klassische Musik illustriert den Theatermacher als übergeordneten Welt-Erklärer.
Eng am Roman inszeniert, muss man auch diesen dreistündigen Abend streckenweise aushalten. Dennoch gelingt es Friedrich, ihn mit starken Szenen einprägsam zu zeigen: Einerseits durch dieses Überzeichnen einer intellektuellen Gesellschaft und andererseits mit Bildern wie dem Flur, den einst Werner Herzog für einen Film „Mein liebster Feind“ nachbauen ließ: Der Flur eines Hotels, in dem Klaus Kinski bei einem Dreh seine Frau regelmäßig verprügelt haben soll, wonach der Assistent nachts diskret die Blutspuren entfernt habe. So legt Friedrich eine Fokus auf toxische Männlichkeit und Genie-Wahnsinn, auf eine perverse Aneignung der Welt(-erzählung). Dass es keine Auflösung dieser Erzählung gibt, ist dem Stoff inhärent. So verlässt das Ensemble am Ende den Raum durch die Saaltüren und überlässt dem von der Länge und Anstrengung des Abends geforderten Publikum selbst die Weltbühne.