Foto: Leon Schamlott, Hannes Berg und Loris Kubeng. © Nik Schölzel
Text:Wolfgang Reitzammer, am 18. Oktober 2026
Das Mainfranken Theater Würzburg zeigt die Uraufführung von „Von drei Millionen drei“ nach Romanen von Leonhard Frank. Die Inszenierung von Ingo Putz überzeugt mit eindringlichem Theatertext und besonderem Bühnenbild.
Die Arbeitslosenquote für Würzburg, Stadt und Land, liegt derzeit bei 3,7 % (oder in ganzen Zahlen bei ca. 11 000 Personen). Kein Vergleich mit den Werten während der Weltwirtschaftskrise ab 1930, wo fast 30 % der Erwachsenen ihren Arbeitsplatz verloren. Diese soziale Katastrophe war für den in Würzburg aufgewachsenen Schriftsteller Leonhard Frank (1882 – 1961) die Motivation für seinen Roman „Von drei Millionen drei“ (erschienen 1932).
Er wählte drei Personen aus seinem Erfolgs-Jugend-Werk „Die Räuberbande“ (1914), die nun gut 30 Jahre älter sind und nach einer Lebensperspektive suchen: einen Schreiber, dem zwei Vorderzähne fehlen, einen Fabrikarbeiter mit Glasauge und einen hinkenden Schneider. Sie glauben, die Welt stünde ihnen offen, sie bräuchten nur hineinzulaufen. Sie wollen ihr Glück in Amerika finden: „Hier gehen wir sicher zugrunde und drüben nur vielleicht.“
Aus diesem Road-Movie, das in manchen Aspekten an John Steinbecks Wanderarbeiter-Tragödie „Von Mäusen und Menschen“ erinnert, hat Ingo Putz, der neue Schauspieldirektor des Mainfranken Theaters, (zusammen mit dem Dramaturgen Thorben Meißner) einen kurzweiligen Theaterabend gemacht, der nicht nur die Erinnerung an den weithin vergessenen Leonhard Frank belebt, sondern auch die Aktualität seiner Romane nach knapp 100 Jahren unter Beweis stellt.
Trio auf Weltreise
Mittelpunkt des Bühnenbildes im Kleinen Haus (von Marie Vecchio) ist ein seichtes Wasserbecken, aus dem sich die drei zerlumpten und morbid-grell geschminkten Männer erheben, um die Heimatstadt am Main zu verlassen und über den Atlantik nach Südamerika zu reisen. Loris Kubeng (der Schreiber), Leon Schamlott (der Arbeiter) und Hannes Berg (der Schneider) sind ein perfekt choreografiertes und sprachmächtiges Trio, das in originellen Szenen die Arbeitsplatz-Odyssee (Würzburg – Hamburg – Buenos Aires – Paraguay – Berlin – Würzburg) nachspielt. Zeitweise haben sie auch noch den Hund Hammelchen (als geführte Puppe gebaut von Christian Schlechter) an ihrer Seite. Elemente des Figurentheaters und der Pantomime fließen ein.

Von links nach rechts: Hannes Berg, Leon Schamlott, Patricia Schäfer und Loris Kubeng. Foto: Nik Schölzel
In einer Meta-Ebene auf einer dunklen Stahlrohr-Tribüne treten noch drei Frauen (Patricia Schäfer, Nina Mohr und Ellen Neuser), die als erzählender Chor und als Nebenfiguren der Handlung fungieren. Dazu ergänzt das Stück mit fünf jungen Darstellern noch eine Retro-Perspektive in die Sturm-und-Drang-Jugendzeit der Räuberbande, die wie hungrige Wölfe gegen die Provinzialität der Stadt am Main anheulen.
Figuren im Lernprozess
Auf der einjährigen Reise entsteht ein eindringliches Mosaik der 1930er Krisenjahre. Von der glücklichen Geldspende für die Dampferfahrt nach Übersee über die stroboskopischen Wirren der argentinischen Revolution bis zu den existenziellen Bettel-Aktionen in der Metropole Berlin. Dort versuchen es die drei auch mit Hinterhof-Gesang und intonieren für ein paar Pfennige den Hit der Comedian Harmonists: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück … Wenn ich wüsst‘, wo das ist, ging ich in die Welt hinein“.
Am Ende kommen sie nackt und erschöpft wieder an ihren Ausgangspunkt Würzburg zurück. Zum Vierröhrenbrunnen und zur alten Brücke mit den zwölf Sandsteinheiligen, auf der sich heute Einheimische und Touristen mit einem Schoppen Silvaner in der Hand drängen. Die Zimmerwirtin sagt lakonisch: „Sie waren aber lang fort.“
Ingo Putz hat als Roman-Bearbeiter und Regisseur mit der Uraufführung einen vielversprechenden Start in die neue Saison abgeliefert. Er hat es geschafft, aus der manchmal etwas kolportagehaften Vorlage einen dringlichen Theatertext zu konstruieren, der an frühe Werke des jungen Bertolt Brecht („Im Dickicht der Städte“) erinnert. Denn wie bei den Stücken des großen Dialektikers machen auch Franks Figuren einen gewissen Lernprozess durch. Sie erkennen, dass ein Fehler des modernen Kapitalismus in der „Verteilung des Geldes“ liegt und dass es nichts nützt, einen Fehler zu erkennen, wenn man ihn nicht auch beseitigen kann. Überregional sehens- und nachdenkenswert!