Foto: Franziska Zwink (Schwester Grete), Kate Allen (Mutter) und Avtandil Kaspeli (Vater) mit dem Gregor-Quintett
© Jan-Pieter Fuh
Text:Ulrike Kolter, am 11. Oktober 2026
Das Staatstheater Augsburg zeigt Franz Kafkas „Die Verwandlung“ als Deutsche Erstaufführung in Kooperation mit dem Theater Winterthur. Komponist Gordon Kampe und Librettist Philipp Löhle sorgen für perfekt getimte Unterhaltung zwischen Humor und Horror.
Wer hat sich nicht schwergetan mit der Schullektüre von Franz Kafkas „Die Verwandlung“? Diese absurde Geschichte über Gregor Samsa, der da eines Morgens nicht mehr als Handlungsreisender, sondern als riesiger Käfer in seinem Bett erwacht, die kleinen Beinchen hilflos in der Luft zappelnd. Nie wird in der Erzählung reflektiert, wie es dazu kam – Gregor selbst nimmt diese Transformation ebenso hin wie Vater, Mutter, Schwester und Dienstmädchen im Rest der Wohnung. Dass Gregor als finanzieller Alleinversorger der Familie von nun an unbrauchbar ist und sein abstoßendes Insektendasein zu Isolation und Tod führt, drängt uns die bis heute existentielle Deutungsebene auf: Was bleibt übrig vom Menschen, wenn sein Nutzen für die Gesellschaft wegbricht? Wenn er krank wird, sich entfremdet, Karriere und Kapitalismus verweigert? Nur der Tod?
Kongeniales Duo: Philipp Löhle und Gordon Kampe
Das Staatstheater Augsburg hat in Kooperation mit dem Theater Winterthur (dem größten Gastspielhaus der Schweiz) den Kafka-Stoff nun als neue „Oper in drei Teilen“ herausgebracht. Und zwar von einem kongenialen Duo: Der Kompositionsauftrag ging an Gordon Kampe, der das aktuelle Musiktheater mit herrlicher stilistischer Hemmungslosigkeit prägt wie kaum ein zeitgenössischer Komponist. (Nach Winterthur/Augsburg zeigen in dieser Saison auch die Staatsopern in Stuttgart und Hamburg Kampe-Uraufführungen.)
Das Libretto hingegen ist die Bearbeitung einer schon existenten Schauspielfassung mit dramaturgischem Kniff von Philipp Löhle: Um eine lähmende Mono-Erzählung aus der Perspektive Gregors zu vermeiden, erleben wir hier stattdessen die Familie in Aktion – mit panischem Blick auf diesen nicht und doch irgendwie immer präsenten Käfer Gregor im Nachbarzimmer. Und weil man Absurditäten am besten mit Humor begegnet und schon Kafka selbst seinen Text recht komisch fand, wird diese „Verwandlung“ bei Kampe, Löhle und in der detailreichen Inszenierung von Intendant André Bücker zur irrwitzig überzeichneten Komödie im Angesicht der Tragödie.
Zwischen Mensch und Monster
Schon das Orchester-Vorspiel ist eine perfekt getimte, auch digitale Einstimmung auf die kommenden zwei Stunden zwischen Humor und Horror. Punktgenau zum disruptiven Fortissimo-Einwurf der Posaunen zucken im hübschen, übergroß projizierten Gesicht eines jungen Mannes winzige animalische Veränderungen auf: Fühler an der Stirn, Hornhaut über den Augen, Insektenbeine aus den Ohren (Video und Bildcollagen mit KI-Einbindung: Alexander Hügel). Wenn sich dann der Vorhang öffnet, befinden wir uns bei Familie Samsa daheim, genauer: auf einem bühnenbreiten Sofa, auf dem sich das Wohnzimmer in Miniaturformat doppelt und mit Sofa, Esstisch und Standuhr die Enge der familiären Tristesse greifbar macht (Bühne: Felix Weinold).

Mensch oder Insekt? Das Prolog-Video © Alexander Hügel
Hier nun dringt der Käfer in abstrahierter Form eines fünfköpfigen Menschenknäuels ein: Ein Quartett aus Sopran (Rusnė Tušlaitė), Mezzosopran (Cláudia Pereira), Tenor (Nicolas Julius Stegmann) und Bariton (Titouan Sevic) sowie eine Tänzerin (Helena Sturm) als Kopf dieses Wesens singt und tanzt Gregor, alle verschwimmen in ihren pastellfarbenen Trikots im getupften Bühnenlicht ineinander, teilen sich hinter den Sofalehnen auf oder deuten armereckend und zu aufstrebenden Streicherläufen die Wandkrabbeleien an, mit denen sich Gregor auch bei Kafka die Zeit vertreibt (Kostüme: Aleksandra Kica).
Klang und Sprache
Während dieser Ungezieferchor anfangs noch klar formuliert, etwa dem Prokuristen (Claudio Zazzaro) das Fehlen in der Arbeit zu erklären sucht, werden seine Laute bald abstrakter und enden in wehklagendem Gurgeln und Zischen. Dieser bemitleidenswerten Kreatur gegenüber stehen die – bei Löhle und Kampe noch mehr als bei Kafka – komplett exzentrischen Familienmitglieder. Ihre fast penetranten, repetitiven Satzteile und Wortspiele münden vom Sprechgesang in kurze Ariosi oder Ensembles, wobei Kampe beherzt in die musikalische Trickkiste greift.

Franziska Zwink als Schwester Grete. Foto: Jan-Pieter Fuhr
Da folgt dem fluffigen Tango mit Gymnastikeinlage von Arzt (Shin Yeo) und Mutter (stimmlich und agil herausragend: Kate Allen) der düstere Bruch in die tiefen Bläser bei Gregors Gurgeln. Jazzsequenzen wechseln sich mit Walzern oder synchronen Körperschwüngen der Familie auf dem Sofa ab (Choreografie: Helena Sturm). Dabei instrumentiert Kampe nie beliebig, sondern zeichnet den stumpfen Vater (Avtandil Kaspeli), die cholerisch-faule Mutter oder die anfangs noch empathische, später ebenso grausame Schwester Grete mit einzelnen Nummern sehr persönlich und abwechslungsreich (die Sopranistin Franziska Zwink übrigens sollte man im Blick behalten). Hier bleibt fast nur das Dienstmädchen normal (Olena Sloia) und lässt gleichgültig eine Hass-Tirade der Familie über sich ergehen. Gregor dagegen stirbt zu einem knappen Requiem, während seine Einzelkörper nach und nach in sich zusammenfallen – bis die Insektenüberreste vom Dienstmädchen von der Bühne und in eine übergroße Mülltonne gefegt werden.

Kate Allen (Mutter), Olena Sloia (Dienstmädchen), Franziska Zwink (Schwester) und Avtandil Kaspeli (Vater). Foto: Jan-Pieter Fuhr
Held des Abends ist auch Ivan Demidov, der die Augsburger Philharmoniker mit seinem Hochleistungs-Dirigat in der schwierigen martini-Park-Akustik präzise lenkt. In welch rasendem Tempo er die Solisteneinsätze, Taktwechsel und Instrumentaleinsätze gibt, verdient höchsten Respekt. Nach großem Jubel und angeregten Diskussionen verlässt man den Saal mit einer gewissen auditiven Erschöpfung, was an der musikalischen Formenvielfalt oder der Lautstärke in Reihe vier liegen mochte. Wiederholtes Anhören dürfte helfen – und verpassen sollte man die Augsburger „Verwandlung“ in dieser Saison keineswegs!