Foto: Am Lagerfeuer im Camp Half-Blood, Szene aus „Percy Jackxon" am JUngen Theater Bonn © Matthias Jung
Text:Andreas Falentin, am 9. Oktober 2026
Das Junge Theater Bonn zeigt das Musical „Percy Jackson – The Lightning Thief“ als professionelle deutsche Erstaufführung. Zum Triumph wird die Aufführung durch die jungen Hauptdarsteller:innen.
Das Problem des Musicals „Percy Jackson – The Lightning Thief“ und, wie die Bonner Aufführung zeigt, seine größte Stärke, ist die Tatsache, dass die Hauptfiguren Teenager sind. Die können aber nicht mit Teenagern besetzt werden: dafür sind die Gesangspartien zu anspruchsvoll, zu erwachsen. Und wenn man erwachsene Sänger:innen nimmt, verliert man die emotionale Bindung zwischen Bühne und Publikum.
Dem Jungen Theater Bonn ist hier die Quadratur des Kreises gelungen: Es setzt Mitglieder des Jugendchores des Theaters Bonn aus den Jahrgängen 2007, 2008 und 2009 ein. Sänger:innen vielleicht nicht mit der größten gesanglichen Expertise, aber mit viel Jugendkraft, Musikalität und Selbstbewusstsein.
Temporeiche Reise
So wird „Percy Jackson“ zu einer temporeichen Reise durch Rick Riordans Bestseller-Roman. Es geht um „Halbgötter“. Der Olymp der griechischen Götter thront über dem Empire State Building, Hades’ Unterwelt hat ihren Eingang in Los Angeles. Percy ist ein Sohn des Meeresgottes Poseidon und wird von seiner Mutter ins „Camp Half-Blood“ in der Nähe von New York gebracht, wo er andere Halbgötter trifft und verdächtigt wird, Zeus’ Herrscherblitz gestohlen zu haben. Percy versucht, gemeinsam mit Annabeth, der Tochter der Athene, und dem Satyr Grover den Blitz wiederzufinden und einen Krieg unter den Göttern zu vermeiden.
Anders als in Rick Riordans Roman nehmen die Geschehnisse im „Camp Half-Blood“ mehr als die Hälfte der Spielzeit ein. Das Sichkennenlernen unter jungen Leuten, ihre Probleme, das Anwachsen und Schrumpfen des Selbstbewusstseins und die ersten amourösen Verwicklungen sind eigentlich die Themen dieses Stückes. Percy, Annabeth und Grover wachsen einem ans Herz und ziehen uns in die – durchaus abstruse – Geschichte.
Um auf eine Spielzeit von gut zweieinhalb Stunden zu kommen, haben Joe Tracz (Buch) und Rob Rokicki (Musik und Gesangstexte) in die Reise augenzwinkernde Abkürzungen eingebaut: Ein Eichhörnchen besorgt Zugtickets, und Poseidon selbst hilft mit einer Zaubermuschel, mit der die drei nach der Konfrontation mit Hades wieder ins Camp zurückkehren können. Die Musik ist sehr rhythmisch, bewegt sich zwischen Rock, Hip-Hop und konventionellem Musical-Ton und reißt vor allem durch ihr Tempo mit. Es gibt keine Ruhepausen, es geht immer weiter – wie beim kurz darauf erschienenen Erfolgs-Musical „Hamilton“.
Blick in die Musical-Werkstatt
Bernhard Niemeyer ist mit seiner nie glatten Inszenierung etwas Besonderes geglückt. Die Darstellerleistungen, die achtsame musikalische Leitung von Ekaterina Klewitz (das Orchester kommt vom Band), die Schauspieler:innen nie überfordernden, fast fürsorglichen Choreografien von Larissa Führer, das schön anzusehende abstrakte Bühnenbild von Mara Lena Schönborn, die fantasievoll und nie realistisch ausgestalteten Monster vom Minotaurus bis zur Furie sowie die sehr heutigen Kostüme von Katharina Savvides ergeben im Zusammenspiel eine zweite Ebene: eine Art Blick in die Musical-Werkstatt.
Wir sehen, wie Dialoge im Musical inhaltliche Tiefe schaffen sollen, Songs Emotionen vermitteln und Choreografien für Fluss sorgen. Die Inszenierung ordnet diese Bereiche immer wieder anders an, gewichtet sie neu, schafft Tanz, wo keine Musik ist, bettet die Dialoge durch das Sprechtempo in die Songs ein und blickt dabei immer wieder augenzwinkernd auf die eigene Arbeit.
Kampf im Camp Half-Blood. Foto: Matthias Jung
Das lässt auch die jungen Darsteller:innen groß herauskommen. Maximilian Teschner bringt als Percy so viel Charme und Musikalität mit, dass er in der Riesenrolle nicht untergeht. Eliana Craciun schafft als Annabeth die interessanteste Figur des Abends und beeindruckt besonders im Song „Ein kluges Mädchen“ mit großer, fein intonierter Höhe. Zoltán Selo ist als Grover ein Klassenclown mit sehr heller Stimme und großer Bühnenpräsenz. Soraya-Nikita Krajewski beeindruckt als sehr direkte und kraftvolle Ares-Tochter Clarisse, Albert Teves als Bösewicht Luke. Der Schauspieler ist ein bisschen älter als seine Kollegen. Seine Ruhe im Umgang mit den anderen und seine Wut auf die Götter wirken glaubwürdig – man mag also auch den Bösewicht. Axel Helle, Isabella Gonzalez und Thomas Kahle ergänzen das Ensemble als Götter, Monster und Eltern.
Der mit Schülerinnen und Schülern gefüllte Saal tobt am Ende. „Percy Jackson“ ist ein mitreißendes Musical und vor allem: Unterhaltung für Familien.