Die BANDE übernimmt das Ruder
Foto: Das Projekt „Bande 25: Komm, wir verändern” am Schauspiel Magdeburg © Nilz Böhme Text:Clemens Leander, am 28. September 2026
Am Theater Magdeburg verwandeln Kinder und Jugendliche in den Winterferien das Schauspielhaus in ein Labor. Unter dem Motto „Komm, wir verändern!“ lädt die BANDE 25 dazu ein, gemeinsam die Welt neu zu denken. Hier beschreibt Clemens Leander, Teil der Schauspieldirektion, das Projekt des Förderprogrammes Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung.
Seit nunmehr 5 Jahren kommen rund 70 junge Menschen in den Winterferien zusammen und werden zur BANDE. Über die Jahre werden einige Menschen zu Bekannten und immer wieder stoßen auch neue dazu. Sie verteilen sich über das ganze Haus, besetzen Räume und forschen mir Künstler:innen in unterschiedlichen Laboren. Der von Vorstellungen geprägte Theaterbetrieb tritt für die Tage einen Schritt zurück.
Das ist durchaus wörtlich gemeint: Wir laden Kinder und Jugendliche nicht einfach zu uns ein, wir stellen ihnen das Schauspielhaus zur Verfügung. Genau das ist der anarchische Charakter des Projekts und macht diese Woche so besonders. Plötzlich gelten andere Ordnungen. Überall und gleichzeitig werden Räume anders benutzt, entstehen Arbeitsweisen neu, finden sich Gruppen. Erwachsene wissen nicht zu jedem Zeitpunkt, was am Ende dabei herauskommen wird – und sollen es auch nicht wissen.
Prozess statt Proben
In der BANDE geht es nicht um das Proben. Natürlich wird am Ende gezeigt, geteilt, geöffnet. Aber das ist nicht das eigentliche Ziel. Im Fokus steht der Prozess, das künstlerische Forschen. Dafür stehen den jungen Menschen Künstler:innen zur Seite, die vor allem eines mitbringen: ihre jeweils eigene künstlerische Praxis. Die Auswahl geht bewusst über das Theater hinaus. Sie stellen ihre Arbeitsweisen, ihre Erfahrungen, ihre Fragen und ihre ästhetischen Mittel zur Verfügung – und begeben sich damit selbst in einen offenen Prozess.
Das ist ein wichtiger Teil der BANDE: Die Erwachsenen verschwinden nicht. Sie schaffen Versuchsanordnungen, geben Impulse, teilen ihr Wissen und begleiten. Aus der Begegnung ihrer künstlerischen Praxis mit den Erfahrungen, Interessen und Ideen der jungen Menschen entsteht etwas, das vorher keine der beiden Seiten kennen kann.

Jeder kann bei der „Bande 25” dabei sein. Foto: Nilz Böhme
Die Erfahrung, dass Kunst eine Möglichkeit sein kann, die eigene Lebenswelt zu beschreiben – und sogar zu verändern. Dass ich etwas, das mich beschäftigt, nicht erklären muss. Ich kann daraus einen Text machen. Einen Raum. Eine Bewegung. Einen Klang. Ich kann eine Behauptung aufstellen und sie wieder verwerfen. Ich kann ausprobieren, wie die Welt aussehen könnte, wenn sie für einen Moment anderen Regeln folgt. Zentral darin ist, dass das Ergebnis nicht vorher feststeht.
Genau darin liegt für uns ein Wert kultureller Bildung. Nicht darin, möglichst früh das nächste Publikum für das Theater heranzuziehen. Und auch nicht darin, aus Kindern und Jugendlichen die nächsten Schauspieler oder Künstler zu machen. Sondern darin, ihnen künstlerische Mittel zur Verfügung zu stellen und ihnen zuzutrauen, selbst etwas damit anzufangen.
Wir müssen Kontrolle abgeben
Das verändert auch uns und unsere Rolle als Theater. Während der BANDE müssen wir einen Teil unserer institutionellen Kontrolle abgeben. Wir stellen Kapazitäten und so auch uns zur Verfügung. Und dann passieren Dinge, die sich in keinem Förderantrag wirklich beschreiben lassen:
Jemand entdeckt plötzlich eine Fähigkeit, von der vorher niemand wusste. Jemand, der am ersten Tag kaum etwas sagt, findet eine vollkommen andere Form, sich auszudrücken. Junge Menschen verschiedenster Lebensrelaitäten kommen zusammen und arbeiten gemeinsam. Gruppen streiten über eine Idee, verändern sie, fangen noch einmal von vorne an. Entscheidend ist die Erfahrung: Meine Wahrnehmung der Welt kann Material für Kunst sein. Meine Gedanken können eine Form bekommen. Ich kann etwas herstellen, das vorher nicht da war. Und gemeinsam mit anderen kann ich einen Raum verändern.
Dass wir diese Erfahrung in dieser Größe ermöglichen können, hat in den vergangenen Jahren unter anderem das Bundesprogramm Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung möglich gemacht. Für die BANDE ist diese Förderung keine abstrakte kulturpolitische Größe. Sie ermöglicht ganz konkret diese eine Woche. Eine Woche in der Möglichkeiten und Hoffnungen real werden und vor allem eine Woche in der die Teilnahme nicht davon abhängen muss, was eine Familie bezahlen kann.
Die Relevanz von Bundesförderung
Wenn über die Zukunft dieser Förderung gesprochen wird, sprechen wir deshalb nicht zuerst über den Fortbestand eines Formats. Wir sprechen über die Bedingungen, unter denen wir Kindern und Jugendlichen solche Räume zur Verfügung stellen können.
Und diese Frage bekommt für uns in Sachsen-Anhalt eine zusätzliche Dringlichkeit. In einer Zeit, in der sich die politische Landschaft verändert, halten wir es für wichtig, dass kulturelle Bildung nicht allein davon abhängig ist, welche finanziellen Möglichkeiten eine Kommune gerade hat oder welche politischen Prioritäten auf Landesebene gesetzt werden. Die Bundesförderung ermöglicht uns, zusätzliche künstlerische Akzente zu setzen und Räume zu schaffen, die aus dem regulären Betrieb heraus so nicht entstehen könnten. Entscheidend ist dabei auch die Vollfinanzierung: Es braucht keine kommunalen oder institutionellen Eigenmittel, um die Förderung überhaupt in Anspruch nehmen zu können. Gerade jetzt erscheint uns das wichtiger denn je.

Auch Aufführen gehört dazu. Foto: Nilz Böhme
Die Förderung verstetigt nicht den regulären Betrieb – sie ermöglicht etwas Zusätzliches. Für die BANDE bedeutet das: einmal im Jahr einen Ausnahmezustand herstellen zu können. Und wenn wir in den vergangenen Jahre etwas gelernt haben, dann vielleicht dies: Junge Menschen brauchen nicht ständig Erwachsene, die ihnen erklären, wie die Welt funktioniert. Sie brauchen auch Orte, an denen wir ihnen etwas zutrauen. Orte, an denen sie widersprechen können. An denen etwas scheitern darf. An denen aus einer verrückten Idee plötzlich eine ernsthafte künstlerische Untersuchung wird.
Für eine Woche übernehmen Kinder und Jugendliche das Schauspielhaus. Jedes Jahr. Und jedes Jahr erleben wir, was passiert, wenn wir es aushalten, vorher nicht zu wissen, was sie daraus machen.
Clemens Leander studierte Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft und arbeitet seit 2009 als Kostümbildner. Seit der Spielzeit 2022/23 bildet er gemeinsam mit Clara Weyde und Bastian Lomsché die Schauspieldirektion des Theaters Magdeburg.