Aufführungsfoto von „Er ist wieder da“ von Jack Woodhead am Theater für Niedersachsen. Ein Mann, der wie Adolf Hitler aussieht kniet in der Mitte, um ihn herum schauen ihn andere Personen a und halten Zeitungen in den Händen.

Tanz den Adolf Hitler

Jack Woodhead: er ist wieder da

Theater:Theater für Niedersachsen, Premiere:19.09.2026 (UA)Vorlage:Er ist wieder daAutor(in) der Vorlage:Timur VermesRegie:Annika DickelMusikalische Leitung:Andreas Unsicker

Die Uraufführung des Musicals „er ist wieder da“ von Jack Woodhead wird am Theater für Niedersachsen in Hildesheim in der Inszenierung von Annika Dickel zu einem Balance-Akt – nicht ohne Gefahren.

Die sogenannte „Alternative für Deutschland“ gab es noch nicht, als „Er ist wieder da“ erschien, der Roman von Timur Vermes. Die rechtsextreme Partei wurde 2013 gegründet, im Jahr nach der Buch-Veröffentlichung. Die medienkritische Fantasie um Adolf Hitlers Wiederkehr war 2015 ein Kino-Erfolg, gerade gab es eine Bühnenfassung in Wien – und jetzt folgt ein Musical.

Selten war die Triggerwarnung so unverzichtbar wie hier. Unübersehbar warnen Schilder auf den Garderoben-Tresen, dass an diesem Theaterabend auf der Bühne „rassistische Sprache“ zu hören sein werde und „nationalsozialistisches Gedankengut“. Bevor sich der Vorhang hebt im Hildesheimer Stadttheater hält Intendant Oliver Graf eine aller Ehren werte „Nie wieder ist jetzt“-Rede. Und damit auch wirklich niemand auf die Idee kommt, dass hier eine neofaschistische Erfolgsgeschichte erzählt worden wäre, tragen alle Darstellerinnen und Darsteller zum Schlussapplaus Bademäntel in abgestimmten Regenbogen-Farben …

Risikoreicher Stoff

Aber sie sind ja auch wirklich nötig. Erst recht in einer eher auf kommoden Konsum ausgerichteten Musical-Version des extrem risikoreichen Stoffes um eine der gefährlichsten politischen Figuren der Zeit- und Weltgeschichte.

Schon der lebende „GröFaZ“, der (laut Selbsteinschätzung) „größte Führer aller Zeiten“, war ja zum nicht unlösbaren Problem geworden etwa für dessen Zeitgenossen Bertolt Brecht. Auf der Flucht vor den Mörderbanden des Nazi-Systems karikierte er den deutschen Diktator als Hintertreppen-Gangster Arturo Ui und verarbeitete dessen „aufhaltsamen Aufstieg“ so, als wärs ein Stück über Al Capone … auch dieser Versuch des Umgangs mit dem Grauen deutscher Geschichte kommt derzeit wieder regelmäßig auf die Bühne. „The Producers“ von Mel Brooks bleibt dabei die klügste und schärfste Begegnung mit dem deutschen Faschismus.

Aufführungsfoto von „Er ist wieder da“ von Jack Woodhead am Theater für Niedersachsen. Ensemble-Tanzszene.

„er ist wieder da“ mit Timon Meert, Lea Gordin, Daniel Wernecke, Marion Wulf, Lorin Goltermann, Melisa Melek Özel und Jonas Heinle. Foto: Tim Müller

Das ist der Echoraum, in dem jetzt in Hildesheim „er ist wieder da“ zu erleben ist. Timur Vermes selbst und John Havu sind für die Bühnenfassung verantwortlich. Mark Wartenberg hat die Liedtexte beigesteuert und die Musik stammt von Jack Woodhead. Wahrscheinlich meinen sie alle es richtig gut – die satirisch-aggressive Brooks-Energie und dessen auch musikalische Meisterschaft bleibt aber unerreicht.

„Führer & Followers“

Die zentrale Idee Vermes‘ war 2012 so schlicht wie schräg – Jahrzehnte nach dem Tod im „Führerbunker“ unter der Reichskanzlei Ende April 1945 taucht im Berlin der Gegenwart eine Figur auf, die jede biologische Logik aufzuheben scheint. Heute, im Sommer 2026, wäre dieser Herr Hitler aus Braunau am Inn immerhin 137 Jahre alt. In verdreckter, stinkender Uniform versucht er sich zu orientieren in einem extrem migrantischen Viertel „seiner“ alten Reichshauptstadt. Ein türkischer Kiosk-Besitzer gibt dem braunen Schrat aus der „Vergangenheit“ Obdach und nimmt per Handy erste kleine Video-Clips auf. Alle halten den Sonderling für einen durchgeknallten Doppelgänger, einen Imitator aus der Jetzt-Zeit; und weil das so ist, wird Herr H. erstaunlicherweise nicht etwa festgenommen oder eingewiesen, sondern zum medialen Ereignis. Einflussreiche Produzenten lassen ihn einfach reden. Bald bekommt er eine eigene Sendung: „Führer & Followers“.

Das ist der Kern der Vermes-Fabel – dass so etwas (also: so ein politisch brandgefährlicher Unfug!) möglich geworden ist in der Beliebigkeit des privaten Medienmarktes. Derweil – und das ist die noch groteskere Seite der Geschichte – betont die Figur, die da zum Hype wird, dass sie wirklich „Adolf Hitler“ ist. Und der hält unbeirrt fest an den rassistischen Visionen, die das Original etwa im Buch „Mein Kampf“ ausgebreitet hatte.

Kein Raum für die Opfer

Im Stück bröckelt die Fassade des „Wiedergängers“ erst, als die Click-Gemeinde im Netz ernsthaft (und immer verrückter, immer entfesselter) zu vermuten beginnt, der Mann sei tatsächlich ein „Zeitreisender“, 137 Jahre alt; also „echt“ … oder ist der Mann doch ein Imitat? Als letzter Beweis soll „Adolf“ in einer Tanzshow auftreten – und „echte“ Diktatoren könnten doch gar nicht tanzen!

Ausstatterin Beata Kornatowska hat eine vielfach verschachtelte Großstadt-Skyline mit Fernsehturm am Alexanderplatz konstruiert, die Annika Dickel in furioser Bewegung inszeniert. Und Jack Woodheads Musik hält die Fabel immer in Schwung, auch ohne, dass irgendeine Art von Ohrwurm in Hörweite geriete; aber sie bedient sich zahlreicher Traditionen. Das Quintett im Orchestergraben unter Leitung des Tastenkünstlers Andreas Unsicker klingt zum Beispiel immer wieder nach einer schmucken Jazzband, und die Klarinette im Ensemble steuert sogar eine Ahnung von der (Klezmer-)Musik der Opfer bei.

Von denen aber (und das bleibt immer das fundamentale und zutiefst beunruhigende Defizit von „er ist wieder da“) ist nie die Rede in zweieinhalb Theaterstunden. Nie ist die Figur, die da „der Führer“ zu sein behauptet, ernsthaft konfrontiert mit den Opfern. Und weil hier sozusagen vom „Durchmarsch“ des neuen, medial gestützten Alltagsfaschismus die Rede ist, bleibt das Unwohlsein allgegenwärtig. Dagegen hilft auch keine Triggerwarnung.