„Ich habe das Obst nicht gewaschen“. „Ich habe ohne Messer und Gabel gegessen“. „Ich bin bei Rotlicht über die Kreuzung gegangen“: Das sind leichte „Verstöße“, die auch zeigen, dass das Stück 60 Jahre alt ist. Spannenderweise findet man sich trotzdem in ihm wieder, wird das Publikum zum Menschen an sich, weil Michael Weber und seine sechs Schauspieler ihrem Autor sensibel zugehört haben und Menschen auf die Bühne stellen, aber keine Rollen oder Figuren. Und auch keine Handlung oder zumindest eine Rahmung, eine dramturgische Verortung erzählen, sondern nur Handkes Text, seine Tirade von „Ich bin”- und „ich habe”-Sätzen in den Mittelpunkt stellen.
Man riecht den Schweiß
Die Bühne (auch: Michael Weber) ist eine Schneise aus totem Waldboden mit Ästen, Geröll und Blättern. An den langen Seiten sitzen die Zuschauer aufgereiht. In der rechten Flucht steht eine einsame Tür, in der linken ein schwarzer Vorhang. Die Schauspieler erscheinen – vor dem Vorhang oder durch die Tür –, durchqueren den Waldweg, bleiben stehen und sehen ihrem Publikum ins Gesicht. Alles ist sehr nah, man sieht ihnen in die Augen und riecht den Schweiß.
„Ich bin auf die Welt gekommen. Ich bin geworden. Ich bin gezeugt worden. Ich bin entstanden. Ich bin gewachsen. Ich bin geboren worden.“ So fängt der Text an, und fünf Schauspieler sprechen ihn nacheinander, zuerst das etwa zehnjährige Kind Elin Staab. Nur Eleonora Gobena Wolf nicht. Sie wirkt androgyn, ist eine Außenseiterin in der Schauspielgruppe, kümmert sich um das Kind, redet erst sehr spät, räumt gerne auf, ist die Einzige, die durch die Tür gehen darf, und ist offensichtlich Gott und Gouvernante. Ein schönes Rätsel.
Die anderen dringen tiefer in den Text ein, spinnen die Tirade fort ins Leben. An einer Stelle sagt der Schauspieler Jakob Gail: „Ich bin gesellschaftsfähig geworden“, und das klingt wie eine große Katastrophe, wie etwas Nicht-Umkehrbares, Endgültiges. Aber er hat es einfach nur gesagt.
Hilflos und aggressiv
Birgit Heuser wird im Laufe des Stückes blind, Jakob Gail zieht sich aus, Muawia Harb geht mehrfach zu Boden, Anna Staab sticht auf Jakob Gail ein. Der Mensch wird hilflos und aggressiv, seine Regeln und die Regeln der anderen formen ein Gefängnis, einen unsichtbaren Käfig, den man sehr genau spürt – und über das eigene Leben nachdenkt.
Szene mit (v.l.): Muawia Harb, Eleonora Goberta Wolf, Birgit Staab und Jakob Gail. Foto: Seweryn Zelazny
Natürlich bieten Text und Aufführung auch Geheimnisse, etwa das Ende. Das Kind reitet als Schattenriss an der Wand, behütet von Eleonora Gobena Wolf, das restliche Ensemble sieht zu, Vorhang. Weshalb?
In jedem Fall haben Michael Weber und das sehr genau und sensibel sprechende Ensemble des Theaters Willy Praml gezeigt, dass die „Selbstbezichtigung“ heute auf der Bühne spielbar ist – auch als Nicht-Star-Vehikel.
