zwei Personen, eine spielt Luftgitarre, die andere im Sprung, vor gelbem Licht

Ein selbstbestimmtes Leben

Mark Reisig: Ziemlich letzte Freunde

Theater:Staatstheater Mainz, Premiere:27.08.2026 (UA)Regie:Mark Reisig

Im U17 am Staatstheater Mainz inszeniert Mark Reisig „Ziemlich letzte Freunde“. Der Abend ist eine sehr persönliche und bewegende Erzählung über seine Freundschaft mit dem tödlich an ALS erkrankten Richard. Mit wenigen Requisiten lebt der Abend vor allem durch den Text.

„Alle Dinge, die unlogisch sind, da bin ich nicht so ein Freund von“, sagt Richard im Video. Zu sehen ist er in einer Porträtaufnahme, die über einen großen Bildschirm an der Bühnenrückwand läuft. Das Leben, so erzählen die beiden Darsteller Mark Reisig und Benjamin Kaygun vor der Leinwand, das habe Richard eher so pragmatisch gesehen. Auch, als er die Diagnose ALS bekam: Amyotrophe Lateralsklerose – eine tödliche Krankheit, bei der die für die Steuerung der Muskeln zuständigen Nervenzellen sterben. In der Folge schwinden die Muskeln im Körper nach und nach immer weiter. Bis selbst Sprechen, Schlucken oder Atmen unmöglich wird.

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Auf der Leinwand ein Mensch mit Sauerstaffschlauch um die Nase, davor hocken zwei weitere Personen

Richard, Mark Reisig und Benjamin Kaygun. Foto: Andreas Etter

„Ziemlich letzte Freunde“ ist Reisigs sehr persönlicher Abend über seine Freundschaft zu Richard. Er inszeniert im U17 des Staatstheater Mainz, das Stück entstand im Rahmen des Programms Mainz Residenz zur „Förderung neuer Theaterkreationen“.

Es geht darin weniger um ALS als über Reisigs persönliche Perspektive, seine Erlebnisse mit Richard und um die Freundschaft mit ihm. Und es geht um ein Leben und was das vielleicht sein könnte. Zum Beispiel, was es heißt, einen Marathon rennen zu können, beim Pflegen über Muskelkater zu klagen, oder andererseits ein Sportverständiger zu sein, ohne selbst je wieder Sport machen zu können.

Offener innerer Dialog

Kaygun und Reisig spielen beide Reisig selbst in seiner Zeit als Assistent von Richard. Beide tragen dieselbe Weste, Cappies und Sneaker (Ausstattung: Miriam Busch). Sie sind in ständigem Austausch über die eigenen Zweifel und Ängste, entlocken sich gegenseitig Unehrlichkeiten, halten sich aber auch emotional. Im Publikum erlebt man so nahbar Reisigs Perspektive als eine Art Outside Eye und wie sie sich von eigenen Vorurteilen gegenüber der Krankheit, Pflege und Behinderung hin zu Empathie und einem neuen Lebensverständnis dreht.

eine Person auf einem Laufband, daneben eine Treppe mit aufgemalter Person auf den Stufen

Mark Reisig. Foto: Andreas Etter

Auf der Bühne steht ständig ein Rollstuhl, der in stiller Präsenz an Richard erinnert. Auch dessen Tod erzählen Reisig und Kaygun auf der Bühne. Dabei schwingt die ständige Unbegreiflichkeit mit, etwas nachzufühlen, dass man selbst gar nicht nachfühlen, gar nicht selbst erleben kann. Der Text belegt Reisigs emotionale Reise. Er teilt seine Unsicherheiten, seine Freude an gemeinsamen Erlebnissen, seine Wut über die Ignoranz anderer: Was ist sensibel, was zu viel, was zu übervorsichtig? Denn vor der Begegnung mit Richard – so symbolisiert es auch eine mobil verschiebbare Treppe auf der Bühne – war seine Vorstellung eines „normalen“ Lebens recht linear aufsteigend: hilfloses Baby, hormongesteuerter Teenie, Familie oder erster Halbmarathon mit 30 – und dann wird man mit moderner Altersretusche und -pflege an die 100 Jahre alt.

Bildliche Erzähung

Wie Reisig und Kaygun auf diese Weise etwas Lebenswertes durch die Verbindung mit einem anderen Menschen und gegenseitigem Lernen enthüllen, ist tief berührend. Die eingespielten Video-Aufnahmen erweitern den Blick auf Richards Ansicht: Wie er per Patientenverfügung und rechtlicher Organisation früh klärt, was mit ihm bei starker Verschlechterung des Zustands und schließlich dem Tod geschehen soll – sein selbstbestimmtes Leben. Er wollte die Hinterbliebenen an dem, was „lebenswert“ ist, beteiligen, so gut und lange er konnte. Und so gut und lange er seinen Angehörigen nicht zur großen Bürde wurde. Wäre er egoistisch gewesen, so hört man ihn im Video sagen, hätte er in der verbliebenen Zeit nur noch auf den Putz gehauen.

Die Inszenierung verbildlicht den geteilten Alltag der beiden mit wenigen Requisiten fast allein durch den Text. Reisig und Kaygun spielen ihn sich gegenseitig zu, halten den 1,5-stündigen Abend sehr lebendig. Letzten Endes ist es natürlich auch eine Hommage an Richard und die Freundschaft. Und ans Erinnern, gerade wenn Reisig und Kaygun zum von Richard gewünschten Musik-Stil für ein letztes Fest – irgendeine gute Rockmusik – zu Jimmy Hendrix‘ „Voodoo Child“ auf der Bühne tanzen. Am Ende gibt es geschlossene Stehende Ovation für diese sensible, doch auch das Leben feiernde Inszenierung.