Szene aus dem Musical „Das Molekül“ 2017 am Theater Bielefeld. Ein Wissenschaftler präsentiert ein großes Modell einer Doppelhelix, das von seinem Kollegen enthüllt wird.

Die Musikalität der Doppelhelix

William Ward Murta, der seit 1984 Musicals in Bielefeld schreibt, komponiert, arrangiert und dirigiert, gewährt Einblicke in seine Werkstatt.

Als das Musical in den 1980erJahren in Deutschland auf breiter Front zu boomen anfing, kam William „Bill“ Ward Murta aus dem heimatlichen Oklahoma im deutschen Stadttheater an, erst in Oberhausen, schon bald in Bielefeld, wo er 1984 mit Ende 20 (!) musikalischer Leiter und Arrangeur für Musicals wurde. Seitdem kamen und gingen die Intendant*innen, Murta blieb. Drei eigene Musicals hat er in dieser Zeit für das Theater Bielefeld geschrieben, komponiert und zur Uraufführung gebracht – mit dem Anspruch, ungewöhnliche und anspruchsvolle Inhalte musicaltauglich zu machen.

Neue Stoffe, eigenwillige Strukturen, etablierte Mittel

Seit Langem treibt Murta ein leidenschaftliches Interesse an wissenschaftlichen Themen um, schon einmal – 2004 – erwuchs daraus ein Wissenschaftsmusical: das Galileo-Galilei-Stück „Starry Messenger“. Zu dem 2017 uraufgeführten „Molekül“ inspirierte ihn ein Onlinekurs über Genforschung. Hinzu kam der Eindruck, wie showorientiert und bisweilen ausnehmend komisch, geradezu bühnenreif die namhaften Genforscher James Watson und Craig Venter öffentlich auftraten – bühnenreife Figuren also.

Zwar variieren Murtas Arbeitsabläufe bei jedem neuen Stück, am Anfang steht jedoch immer die dramaturgische Strukturierung: „Ich gucke penibel nach der Architektur: Die Szene darf vier oder fünf Seiten lang sein, dann muss spätestens eine Nummer kommen.“ Gemäß der Szenenanlage schreibt Murta dann die Dialogtexte (auf Englisch mit nachträglicher Übersetzung) und auf die komponierten musikalischen Nummern passende deutsche Lyrics. Bei „Das Molekül“ etwa verwebt er zwei historische Stationen der Forschung, die schließlich zur Jahrhundertentdeckung der DNA führten, wie eine Doppelhelix ineinander, die geometrische Form, mit der DNA-Ketten in der Regel visualisiert werden. Form und Aufbau der Doppelhelix liefern Murta hier nicht nur die Erzählstruktur, sondern auch ein musikalisches Gerüst: Statt von einer „catchy Melodie“ auszugehen, baut Murta einen harmonischen Code, indem er aus den DNA-Basenpaaren vier Akkorde ableitet und sie in einer den Patterns der Minimal Music ähnlichen Kreisbewegung anlegt.

Andererseits hält Murta stets, auch bei ungewöhnlichen Stoffen wie im „Molekül“, an etablierten dramaturgischen Elementen und Spielarten des Musicals fest: Situationskomik, ein ernstes Paar und ein Buffo-Trio, pointierte Dialoge, eine Fred-Astaire-Tanznummer. Musicals, die um eine Liebesgeschichte kreisen, gibt es seiner Meinung nach allerdings bereits genug. Deshalb will Murta den Drive und die Beliebtheit der Gattung nutzen, um dem Publikum eine „Celebration“ der Wissenschaft zu präsentieren und für deren Errungenschaften zu begeistern. Im Vordergrund steht dabei der „Versuch, Songs auf die historische Materie zu schreiben und heitere Geschehnisse zu schaffen“. Punktuell scheinen kritische Fragen zum Thema Genforschung auf, Stichwort: ethische Folgen der DNA-Sequenzierung.

Nehmen und Geben am Stadttheater

Das Dirigieren hat Murta weitgehend autodidaktisch erst in seinen Bielefelder Jahrzehnten erlernt. Mitgebracht ans Stadttheater hat er eine umfängliche Kenntnis an Musicals, die er sich schon früh durch eigenes Musizieren, Dirigieren und Hören erarbeitet hat. Aufgewachsen in einer Pianist*innenfamilie, erspielte er sich das Klavierrepertoire von Ravel, Rachmaninow, Gershwin, Strawinsky und begeisterte sich allmählich für Musicals. „Als ich Stephen Sondheim über ‚Side by Side‘ entdeckt habe, eine Musicalrevue für drei Sänger und zwei Klaviere, wusste ich: Das ist so in etwa das, was ich machen möchte.“ Murta schulte sich als Komponist vor allem über das Partiturstudium, erfasste etwa harmonische Verläufe bei Ravel oder schärfte seine Kenntnis über Instrumentierung durch die Filmmusiken von John Williams. Seine Tätigkeit als Musicalkapellmeister seit fast 40 Jahren war und ist für ihn eine Schule als Musicalkomponist für den und im deutschen Stadttheaterbetrieb.

Porträt von William Ward Murta

William Ward Murta. Foto: Philipp Ottendörfer

Die Institution Stadttheater prägt Murtas künstlerische Arbeit und liefert ihm vor allem mit den Kollektiven, mit Chor und Orchester eine (Infra-)Struktur, die seinen Schreibprozess rahmt und fokussiert. Ein stofflich wagemutiges Projekt wie „Das Molekül“ sei nur dank des langjährig gewachsenen Vertrauens des Bielefelder Theaters möglich gewesen. Über die Sparten „Gesang“, „Spiel“ und „Tanz“ verfügend, werden hier pro Saison zwei bis drei Musicals gespielt, davon eines mit dem hauseigenen Orchester und eines mit eingekaufter Band.

Unbekanntere Stücke

Evergreens wie „Cabaret“, „West Side Story“ oder „Evita“ stehen dabei gerade nicht im Fokus, sondern hierzulande eher unbekannte Stücke wie „Spring Awakening“ oder „A Funny Thing Happened on the Way to the Forum“, die in deutschen Fassungen gezeigt werden. Ein eigenes Sänger*innenensemble für Musical gibt es schon länger nicht mehr, auch wenn das – wie Murta sagt – ein „Luxus“ wäre.

Umgekehrt ermöglicht ihm das individuelle Casten aber auch, Sänger*innen ihre Parts auf den Leib (oder in die Kehle) zu schreiben. Die zusätzliche Option, auf das Opernensemble zurückzugreifen, befördert musikalische Interpretationen, die etwa vom Belting abweichen, der Standardgesangstechnik im Musical. „Wir haben einiges bewusst anders besetzt als an anderen Bühnen, auf der Platte oder im Film. Zum Beispiel haben wir Audrey in ‚Der kleine Horrorladen‘ mit einer Soubrette statt mit einer Belting-Stimme besetzt, da die Lieder sich auch anders interpretieren lassen.“ Dem Kapellmeister Murta geht es grundsätzlich darum, einen eigenen Ton zu finden, etwas Organisches mit allen Beteiligten entstehen zu lassen: „Ich will keine Schallplatte kopieren.“

Privileg Symphonieorchester

Als Musicaldirigent wie -komponist empfindet er es als Privileg, stets mit dem Bielefelder Symphonieorchester arbeiten zu können. Das sei eine Chance für das Stadttheater und ein Vorteil gegenüber dem Broadway, wo große Orchester schon länger nicht mehr finanzierbar seien: „Gegen eine lebendige Streichergruppe kommt ein Keyboard nicht an.“ Trotzdem haben es neue Musicals am deutschen Stadttheater nach wie vor schwer, sollen vor allem die Kasse füllen, bedauert Murta: „Intendanten wollen Sicherheit – sei es ein bekannter Titel oder ein für die Breite interessanter Stoff.“ Zumindest das Bielefelder Publikum zeigt sich aber gegenüber unbekannten Musicals aufgeschlossen.

Dennoch hat „Das Molekül“ trotz großer Presseresonanz bislang noch nirgends eine Zweitaufführung erfahren. Es bleibt zu hoffen, dass gerade in und nach diesen widrigen Zeiten die ökonomische Erwartung an das Musical nicht noch weiterwächst und der Kostendruck künstlerische Experimente verhindert. Mehr Risikofreude und Engagement für Uraufführungen könnten dann möglicherweise auch zu einer breiter aufgestellten Neubefragung etablierter Gattungskonventionen und gängiger Erwartungen führen.

William Ward Murta, geboren 1957 in Fort Smith/Arkansas, ist seit 1984 Musicalkapellmeister am Theater Bielefeld. In dieser Zeit leitete er über 30 Produktionen und schrieb drei Musicals, die in Bielefeld uraufgeführt wurden. Darüber hinaus ist er ein international gefragter Arrangeur.

Was ist eigentlich „Belting“? „To belt out“ = schmettern, das beschreibt den Klangeindruck von Belting schon relativ gut. Erzeugt wird diese im Musical, Pop und Soul weitverbreitete Gesangstechnik vorwiegend im Brustregister, mit hochgezogenem Kehlkopf, hohem Atemdruck, breitgezogenem Mund (als würde man grinsen) und hochgestellter Zunge. Die Vokale werden weit vorne in der Mundhöhle gesprochen. Der laute, durchdringende, vibratolose Klang erinnert an ein Rufen (wie ein gesungenes „Hey!“).

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 6/2021.