zwei Darsteller:innen rauchend

Mythos Europa

Wajdi Mouawad: Europa

Theater:Salzburger Festspiele, Premiere:10.08.2026Regie:Krzysztof Warlikowski

Ein Gastspiel des Nowy Teatr in Warschau erzählt bei den Salzburger Festspielen von einer ewigen Gewaltspirale. Wajdi Mouawads neustes und aufwühlendes Stück „Europa“, inszeniert von Krzystof Warlikowski, zeigt ein schwer auszuhaltendes Bild einer europäischen Erzählung.

Kein Deus ex machina, keine Katharsis am Ende dieses Dramas über ein europäisches Geschichtsverständnis. Wenn sie dankbar sei, so sagt die Hauptfigur Europa in diesem Stück zu ihren Töchtern, dann über deren Wut. Vielleicht bringt ihnen die Aushandlung ihres Traumas so etwas wie Trost.

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Das neue Theaterstück „Europa“ des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad, eine Inszenierung des Nowy Teatr in Warschau, handelt von einem Massaker, von Täter- und Opferschaft. Im November 2022 wurde Mouawads umstrittenes Stück „Vögel“ vom Münchner Metropoltheater vom Spielplan genommen. Auch hier steht Individual- und Kollektiverfahrung im Mittelpunkt: Wie erzählen und rezipieren wir unsere eigene Geschichte? Małgorzata Szczęśniak (Bühne/Kostüme) versinnbildlicht diese Frage in einer (Lebens-)Schule: Ein simpel eingerichtetes Klassenzimmer mit einer breiten Tafel – gleichzeitig auch Bildschirm für Videoeinspielungen –, einfache Holzpulte und Stühle, alles etwas abgerockt und verlassen.

Simultanität von Täter- und Opferschaft

Hier trifft die kettenrauchende Europa auf ihre Vergangenheit und ihre Kinder – verpackt von Mouawad in die Konflikte der klassischen Tragödie bis Tragikomödie von Sophokles bis Tschechow. Auf allem lastet ein schicksalsbestimmender Fluch. Die Hauptfigur wird mit acht Jahren Zeugin und Mittäterin von einem fiktiven Massaker. Nun will die UN-Botschafterin Louboutin, die anhaltend kaugummikauende Magdalena Cielecka, sie Jahre später in Anwesenheit ihrer drei Töchter dazu bringen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Ist das ein Pflichtgefühl von Recht- und Schuldsprechung? Ein Heilungsversuch?

Eine darstellende Person an einem Pult sitzend mit starrem Blick, dahinter ein Gitterzaun

Das Mädchen Europa (Claude Bardouil). Foto: Magda Hueckel

Warlikowski wählt in seiner Inszenierung einen Zugang über die Schwere und Ambivalenz der menschlichen Existenz: Über die Bedingung von Liebe, Hass und Schmerz. Das zeigen am berührendsten Małgorzata Hajewska-Krzysztofik als Wediaa und ihr Sohn Zacharias (Bartosz Gelner). Vor Gericht begegnen sie sich – er der Vergewaltigung, des Mordes und Kannibalismus an einem Mädchen angeklagt – und erfahren in eigenem Geständnis die Bindung und das Leid des Gegenübers. Im Zentrum steht die tiefsitzende Mutterschuld: „Ich war es nicht, aber es ist meine Schuld.“

Generationales Trauma

So setzt Wajdi weibliche Generationslinien ins Zentrum einer von patriarchaler Gewalt dominierten Welt. Was die Töchter Wediaa, Jovette (Maja Ostaszewska) und Megara (Magdalena Popławska) erleben, ist die Offenbarung ihrer gebrochenen Mutter (schwarz verhüllt Andrzej Chyra). Europas Trauma wird körperlich und stumm von Claude Bardouils Dopplung des Charakters dargestellt: Mit starrer Mädchenmaske, schwarzen Augen, zuckend tanzend, in Schmerz strampelnd ist sie in ihrem Kinderkörper gefangen. Passend dazu fand der Inszenierung vorangestellt extra die Performance „L’ombre en soi qui écrit“ (Der innere Schatten, der schreibt) von Mouawad über das Schreiben als Auseinandersetzung mit der Geschichte statt. „Europa“ ist die Auseinandersetzung mit einem über Generationen weitergelebten Trauma. Ihre Schuld am Tod vieler Kinder durch den Verrat ihres Verstecks treibt Mouawads Figur Europa zum Töten ihrer eigenen Töchter und Söhne.

Drei Darstellerinnen sitzen nebeneinander

Małgorzata Hajewska-Krzysztofik, Magdalena Popławska, Maja Ostaszewska. Foto: Magda Hueckel

Lange Szenen wechseln im Bild zwischen Klassenzimmer und Gerichtssaal. Was sich im vergitterten Gang auf der rechten Bühnenseite oder hinter der Leinwand abspielt, wird mit wirkungsvollen Nahaufnahmen per Live-Video aufgezeichnet und auf die „Schultafel“ übertragen (Video: Kamil Polak). Paweł Mykietyn setzt darunter ohrenzerreissendes Dröhnen. Erlösung scheint hier im Teilen zu liegen, in der Verbindung eines gemeinsamen Schicksals. Die drei Töchter fahren durch eine Art „Boulevard of Broken Dreams“ im Auto gemeinsam der Zukunft entgegen. Am Ende fällt das Klatschen schwer, so erdrückend wirkt die Gewalt- und Schmerzdarstellung. „If you’re looking for fairytales go to fucking disneyland“ stand schon zu Beginn vor dem Eingang. Was bleibt, ist keine Negierung der Vergangenheit, aber die Frage: Wie erzählen wir (uns) unser Europa weiter?