Matthias Lilienthal im Münchner Olympiastadion. Er sitzt auf einem Schalensitz auf der Tribüne und hat die Arme vor der Brust verschränkt.

Freier Radikaler

Nach mühsamem Start hat Intendant Matthias Lilienthal aus den  Münchner Kammerspielen eines der aufregendsten  Theater Deutschlands gemacht. Doch die Wurzeln des Avantgardisten  mit dem Brummbär-Image liegen schon in Basel und Berlin.

Tatsächlich liegen inzwischen mehr als drei Jahrzehnte zwischen den ersten und den jüngsten Schritten. Wenn allerdings Matthias Lilienthal, gerade mit dem Abschiednehmen von den Münchner Kammerspielen beschäftigt, an längst vergangene Zeiten erinnert wird, scheinen ein paar Jahre hinzuzukommen. Als wolle er noch ein bisschen mehr Vergangenheit als Puffermasse stopfen zwischen damals und jetzt. Wenn er etwa das Abenteuer – und den Glücksfall – Volksbühne „sehr weit weg“ und „im vorigen Jahrhundert“ verortet, dann stimmt das zwar, es klingt aber auch ein bisschen so, als sei in diesem längst vergangenen Dezennium etwa von Max Reinhardt, Gustaf Gründgens oder Leopold Jeßner die Rede. Und nicht von Frank Castorf, der sich auf den Chefdramaturgen Lilienthal einließ.

Acht Quadratmeter Büro

Nebeneinander, miteinander und manchmal gegeneinander haben die beiden den stilstiftenden Neustart am Rosa-Luxemburg-Platz ab 1992 geprägt. Und wichtige Details der typischen Lilienthal-Wirkung haben sich ja bis heute erhalten: das rübezahlmäßige Outfit etwa, diese deutliche optische Markierung des „Ich bin anders und passe nicht in eure Kunst-Gesellschaft“. Matthias Lilienthal, dieser sehr besondere Theatermensch, ist eben auch eine Marke, und als sein eigener Ausstatter hat er die immer gepflegt, seit dem vorigen Jahrhundert.

Zu den schöneren Pointen des Münchner Abschieds gehört, dass auf Lilienthal mit Barbara Mundel eine Intendantin folgt, die aus derselben Schule stammt: „Wir haben acht Jahre acht Quadratmeter  Büro geteilt“, erinnert sich Lilienthal, zunächst in Basel, als Teil des Dramaturgieteams um Wilfried Schulz beim Intendanten Frank Baumbauer, dann – nachdem Chef und Schulz ans Schauspielhaus nach Hamburg wechselten – im Umzug an das (damals) schwierigste Berliner Theater der Nachwendezeit. Was hatte der als Theaterretter zur Berlin-Hilfe in die Nun-wieder-Hauptstadt gerufene Kulturstratege Ivan Nagel Frank Castorfs Volksbühne als Omen mit auf den Weg gegeben? Genau – nach zwei Jahren „weltberühmt oder tot“ zu sein. Castorfs Team um den Chefdramaturgen Lilienthal hat sich bekanntlich für den ersten Weg entschieden.

Das genaue Gegenteil

Eine Chance wie diese hat kaum jemand sonst je bekommen. Matthias Lilienthal heute: „Beim Programm der Volksbühne hat sich Castorf viel um seine eigenen Inszenierungen gekümmert und mir dadurch einen großen Gestaltungsspielraum im restlichen Programm erlaubt. Als 30-jähriger Dödel hatte ich so freie Hand im Umgang mit diesem Riesenspielzeug im Osten und unter Ostlern.“ Der Hausherr mischte sich kaum ein, hatte ja auch genug zu tun mit den vielen eigenen Inszenierungen, die den neuen Ton, den alle Konventionen sprengenden Sound in diesem einzigartigen Theater markierten.

„Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe“ von und mit Christoph Schlingensief an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

„Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe“ von und mit Christoph Schlingensief an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Foto: David Baltzer/Agentur Zenit

Überliefert ist, wie wenig Intendant Castorf zunächst mit der Arbeit von Christoph Schlingensief anzufangen wusste; Lilienthal und Castorfs früh verstorbener Referent Dirk Nawrocki hatten ihn für die Arbeit im Theater gewonnen. „Christoph war mein einziger Freund“, sagt Lilienthal heute, und wie so oft schwingen gehörige Portionen Ironie mit im Ton des Chefdramaturgen von damals. Auch das gehört ja zu den staunenswerten Qualitäten des Theatermenschen Lilienthal: forcierte Durchtriebenheit ist ihm nur bei guter persönlicher Kenntnis anzumerken. Er versteht ganz fabelhaft, „uneigentlich“ zu sprechen, sodass er mit hoher Intensität das genaue Gegenteil von dem sagen kann, was er womöglich gerade denkt und will. Wirklich zu fassen bekommen ihn nur sehr wenige, und auch die nur selten.

Theater-Kombinat

Die ersten Jahre an der alten Castorf-Volksbühne haben den Ruhm des Hauses wie des Ensembles begründet, und Lilienthal hatte entscheidenden Anteil daran. Als er ging, hätte er sich „ein Theaterfestival in Brasilien“ erträumt – und bekam tatsächlich vom Internationalen Theaterinstitut den Zuschlag für die Ausgabe vom Theater der Welt, die 2002 auf der Rhein-Schiene die Festivalstädte Köln und Düsseldorf, Duisburg und Bonn miteinander verzahnte: „Da habe ich gelernt, wie Festivalmachen funktioniert“ – learning by doing im Grunde. Noch einmal, zwölf Jahre später, fürs Nationaltheater in Mannheim, hat Lilienthal eine Ausgabe dieses herausragenden Festivals in Deutschland gestaltet.

Dazwischen lagen überaus produktive Jahre im HAU, diesem „Theater-Kombinat“, das aus dem alten Hebbel-Theater, der baulich nicht ganz so alten Schaubühne am Halleschen Ufer und der früheren Dachstubenbühne der Gruppe um Regisseur Andrej Woron geformt wurde. Hier, so bilanziert Lilienthal heute, habe er „dank der Kuratorinnen Carena Schlewitt und Bettina Masuch gelernt, wie freies Produzieren funktioniert, auch und gerade in internationaler Vernetzung“. Auf den Abschied vom HAU, diesem Theater ganz neuen Typs, folgte (noch vor dem Mannheimer Theater der Welt) ein Jahr im Libanon. Beirut und die unter schwierigsten Bedingungen überlebende Szene dort wurde zum „Fluchtpunkt“.

Strategischer Dreierpack

Solch eine Art Erweiterung des Erfahrungshorizonts erlebte der gebürtige Neuköllner Lilienthal ganz zu Beginn seines Theaterlebens mit Peter Steins historischer Schaubühne, erst am Halleschen Ufer, dann am Lehniner Platz. „Mit 14 wusste ich, dass ich Dramaturg werden wollte“, auch dieses Theaters wegen. Klaus Michael Grübers „Winterreise“, eine Produktion der Schaubühne im bitterkalten Berliner Olympiastadion, sah er im Dezember 1977 kurz vor dem 18. Geburtstag.

Für den Start in München (wo Lilienthal auf den Intendanten Johan Simons folgte) kreierte er, im Spaß wie im Ernst, aber allemal als Herausforderung gedacht, eine Art strategisches Dreierpack: Das Programm werde aus 50 Prozent Kammerspiele, einem Viertel Volksbühne und einem Viertel HAU bestehen. Tatsächlich wurde dann mit anderer Gewichtung gedrittelt: Die Arbeit mit international sortierten Stimmen der Theaterwelt (von Rabih Mroué über Philippe Quesne und Amir Reza Koohestani bis zu Toshiki Okada) nahm etwa ein Drittel der Arbeit ein; für das zweite öffneten sich die Kammerspiele den visionären Produktionen aus der freien Szene, und fürs dritte, etwas weniger als geplant, vertrauten Spielweisen für das Kammerspiele-Ambiente im wunderschönen Jugendstiltheater – diesem „schönsten Wohnzimmer der Münchnerinnen und Münchner“, wie es auch Lilienthal erfahren hat.

Eine runde Sache

Drei Jahre Kampf und mindestens eine sehr grundsätzliche Krise waren durchzustehen: in der Auseinandersetzung um die Schauspielerin Brigitte Hobmeier, die sich nicht mehr wahrgenommen fühlte in Lilienthals Theater, und einer abgebrochenen Inszenierung von Julien Gosselin. Im Grunde erst im Echo auf die von der Politik angekündigte Nichtverlängerung hat Lilienthals Theater mit einer Intensität Fahrt aufgenommen, wie es beide Vorgänger kaum geschafft hatten, nicht Johan Simons und davor auch der alte Förderer und Freund Baumbauer kaum. Jetzt war der Schalter umgelegt, jetzt war der Weg in den Erfolg wohl auch beim Publikum nachhaltig beschritten – und jetzt ist Schluss. Mit einem, so der scheidende Intendant, eher ulkigen Nebeneffekt: „Jetzt gibt’s die fröhliche Aufforderung zur Totalmythologisierung!“

„Farm fatale“ von Philippe Quesne an den Münchner Kammerspielen.

„Farm fatale“ von Philippe Quesne an den Münchner Kammerspielen. Foto: Martin Argyroglo

Den Ansatz vom Münchner Beginn allerdings hält Lilienthal für eingelöst: „Ich glaube ja nicht, dass sich entscheidend geändert hat, was wir getan haben“, sagt Lilienthal. Öffentliche Geduld sei halt umso wichtiger, je mehr ein neues Theaterteam der Stadt und dem Publikum abverlange. Aber diese fünf Jahre seien letztlich „eine runde Sache – und der Beweis, dass Stadttheater ganz anders als sonst definiert werden kann“, anders gedacht, anders gemacht.

Gerade München sei ein interessanter Humus gewesen dafür: „Mit dieser Mischung aus Hyperkapitalismus und sozialistischem Eigenbetrieb!“ Die ansonsten allgegenwärtige Welle von Privatisierungen öffentlicher Leistungen sei an dieser Stadt weithin vorbeigegangen. „Abgeperlt“, sagt Lilienthal, wie selbst schwererer Regen: Gas, Wasser, Strom und Schwimmbäder – all das ist immer noch in kommunaler Hand. „Sogar das Oktoberfest ist immer noch eine Veranstaltung der Stadt München!“ Diese Haltung, meint er, sichere noch immer „die Gepflegtheit von Leben“. Zugleich gebe es Auswüchse von Kontrollstaat und Alltagsrassismus – wenn etwa ein Mitarbeiter mit nicht weißer Hautfarbe kaum einen Bahnsteig betreten könne, ohne sich der Spezialüberprüfung durch Sicherheitskräfte sicher zu sein.

Starke Kontraste

München ist eben beides: weltoffen und tief borniert. Kontrast und Nebeneinander von beidem ist hier besonders ausgeprägt. Die vehement geführten Debattenschlachten des Theaters um Obdachlose, Geflüchtete und andere Systemprobleme der Stadt haben das nachdrücklich gezeigt. Für die Energie im Ensemble aber – wichtiger als alles Spektakel drum herum – zitiert der Intendant den Schauspieler Walter Hess, gerade 80 Jahre alt geworden im vorigen Jahr: „Walter stellt sich ja nie die Frage, ob ‚das Neue‘, was da auf ihn zukommt, gut für ihn sei. Er fragt sich: Was macht ‚das Neue‘ mit mir?“

Kräfte wie der mutige Hess, Säulen im Ensemble wie Annette Paulmann, klug geschärfte Profile wie das von Julia Riedler (die geht) oder der Jazzsängerin Jelena Kuljić (die bleibt), durchgesetzte Regiehandschriften wie die von Christopher Rüping, Toshiki Okada (jüngst beim virtuellen Theatertreffen) oder Philippe Quesne (mit „Farm fatale“, einem „Highlight meiner Intendanz“, wie Lilienthal sagt) – all das und vieles mehr verbucht er heute auf der Habenseite. Ebenso den Nachweis, dass auch der neue Umgang mit den praktischen Seiten der Theatermacherei möglich und machbar sei: „…immer im Bewusstsein über sehr verschiedene Strukturen von Arbeit“.

Matthias Lilienthal ist einer der prägendsten deutschen Dramaturgen und Intendanten. Bis zum Ende der Spielzeit 2019/20 leitete er die Münchner Kammerspiele. Geboren 1959 in Berlin. Abgebrochenes Studium der Geschichte, Germanistik und Theaterwissenschaft an der FU Berlin. 1988 bis 1991 Dramaturg am Theater Basel. 1992 bis 1999 Chefdramaturg der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. 2002 Programmdirektor des Festivals Theater der Welt in Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg. 2003 bis 2012 Intendant des HAU (Hebbel am Ufer) in Berlin. 2014 Programmdirektor des Festivals Theater der Welt in Mannheim. 2015 bis 2020 Intendant der Münchner Kammerspiele. 

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.8/2020.