Aufhören, wenn’s am schönsten ist?

Heute hat Barbara Mundel bekannt gegeben, dass sie nicht mehr für eine Verlängerung ihres Vertrages als Intendantin der Münchner Kammerspiele über den Sommer 2028 hinaus zur Verfügung steht. Damit zieht sie einen Schlussstrich unter die Debatte der letzten Tage über die überraschende Ausschreibung der Leitungsposition des erfolgreichen Theaters durch die Stadt. Unserer Münchner Autorin Anne Fritsch ordnet die Ereignisse ein.

Dieser Text ist keiner darüber, wer wann welchen Fehler gemacht hat. Auch keiner darüber, wer wann mit wem hätte sprechen müssen. Diese Texte gibt es gerade genug in der Debatte um die Zukunft der Münchner Kammerspiele. Denn dort läuft 2028 der Vertrag von Intendantin Barbara Mundel aus. Ihre Stelle wurde neu ausgeschrieben, obwohl sie signalisiert hatte, dass sie noch zwei Jahre verlängern würde. Die Stimmung ist hochgekocht, wie sie in regelmäßigen Abständen hochkocht, wenn es um dieses Theater geht. Das Gute daran: Anscheinend vermag dieses Haus die Gemüter zu bewegen und zu erhitzen, anscheinend ist es nicht egal, wo doch allerorten immer vom Bedeutungsverlust der Theater die Rede ist. Das Ärgerliche daran: Es werden Aufreger kreiert in einer ohnehin an Aufregern zu vollen Zeit, anstatt kurz durchzuatmen und nach der für alle besten Lösung zu suchen. Nun hat Barbara Mundel erklärt, dass sie für eine Verlängerung nicht mehr zur Verfügung steht.

Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele bis Sommer 2028. Foto: Florian Peljak

Dieser Text ist einer über die vergangenen sechs Spielzeiten an den Kammerspielen, über ein Theater post Covid, wenn man so will. Denn Barbara Mundel startete ihre Intendanz wohl zum denkbar schwierigsten Zeitpunkt: im September 2020. Es war die Zeit der Lockdowns, als alle von einem Tag auf den anderen auf sich gestellt waren. Als alle möglichen Wörter auf einmal mit der Vorsilbe „Home-“ versehen wurden. Home-Office, Home-Schooling, Home-Entertainment. Als alles, was eigentlich draußen passiert, auf einmal zuhause stattfinden musste.

Mit angezogener Handbremse

Eine der ersten Premieren unter Barbara Mundel war – es half ja nichts – eine Online-Premiere, der Theater-Live-Film „Flüstern in stehenden Zügen“ von Clemens J. Setz. Leider war das Stück eher inhaltsarm und kam damit dem Leben in der Pandemie näher als gut war. Alles wirkte so „steril wie hinter einer antiviral beschichteten Plastikplane“, schrieb ich damals in meiner Kritik. Die Premieren dieser ersten Spielzeit waren der Versuch, Theater zu machen in einer Zeit, in der das Konzept Theater im Grunde jeder Vernunft widersprach.

Barbara Mundel hatte einiges vor und konnte sehr wenig davon umsetzen. Zwar ließen Produktionen wie „Touch“ von Falk Richter und Anouk van Dijk, eine Collage des Corona-Jahres aus Tanz, Musik und Text, oder Ernst Tollers „Eine Jugend in Deutschland“ in der Regie von Jan-Christoph Gockel schon einiges von dem ahnen, was hier noch kommen sollte – aber wer mit gezogener Handbremse starten muss, gewinnt eben schwer an Fahrt. Allein das Konzept eines inklusiven Ensembles, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf der Bühne stehen, war für diese Stadt ein Novum, das Raum gebraucht hätte, um sich zu entfalten. Diesen Raum gab es damals nicht und auch nicht immer die nötige Sorgfalt für so ein Unterfangen. Nicht selten wirkte das, was auf der Bühne geschah, damals seltsam unausgegoren und unfertig.

Dennoch ist es dieser Geist des Innovativen, der dieses Theater so einzigartig macht: dieses Theater-immer-wieder-neu-Denken und die Offenheit, sich weiterzuentwickeln am Puls der Zeit. Und ja, auch ich war skeptisch, was wohl kommen sollte nach Matthias Lilienthal, der am Ende seiner Intendanz so furiose Produktionen wie den Antiken-Marathon „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping ermöglicht hatte, der bis heute als zehnstündige Kult-Vorstellung an den Kammerspielen läuft. Ich war skeptisch, ob Barbara Mundel, die so ganz anders war als Lilienthal, zurückhaltender und scheinbar eher Dramaturgin als Macherin, mit dessen Wucht würde mithalten können. Ihr Konzept eines inklusiven Theaters warf Fragen auf nach Machbarkeit und Sinnhaftigkeit.

Die Münchner Kammerspiele. Foto: Münchner Kammerspiele

Doch je mehr die Pandemie in den Hintergrund rückte, desto häufiger wurden wieder Abende, die verzauberten und berührten, emotional und intellektuell. „Effingers“ nach Gabriele Tergit, „Jeeps“ von Nora Abdel-Maksoud oder auch „Wer immer hofft, stirbt singend“ nach Alexander Kluge – vielleicht die Inszenierung, in der das Konzept des inklusiven Theaters zum ersten Mal wirklich aufging und Spaß machte. Regisseur:innen wie Jan-Christoph Gockel, Jette Steckel oder Felicitas Brucker begannen, den neuen Stil des Hauses zu prägen. Ab 2022 waren Mundels Kammerspiele regelmäßig zu Gast beim Berliner Theatertreffen, in diesem Jahr sogar mit zwei Produktionen: Jan-Christoph Gockels „Wallenstein“-Mammutprojekt und Jette Steckels „Mephisto“. Und auch wenn die Münchner:innen sich von derartigen überregionalen Erfolgen nicht unbedingt beeindrucken lassen: Allmählich wurden die Kammerspiele auch wieder ein Theater, das in der Stadt mehr Menschen anzog. Die Auslastungszahlen begannen, wieder zu steigen, das Publikum wurde jünger und bunter.

Wo es in den ersten Jahren teilweise noch arg pädagogische Abende wie „Das Erbe“ von Nuran David Calis gegeben hatte, bei denen man eher betroffen war, weil das Bühnengeschehen so sperrig und belehrend war, und nicht, weil einen der Inhalt irgendwie berührte, fanden die Kammerspiele Schritt für Schritt zu einer neuen Leichtig- und Lässigkeit. Produktionen wie eben jener „Wallenstein“ von Jan-Christoph Gockel zeigen, wie sehr viel harter Stoff – Gockel verknüpft das Schiller-Stück über den Dreißigjährigen Krieg mit der Söldner-Gruppe Wagner in Russland – enorm abwechslungsreich und unterhaltsam erzählt werden kann.

Das Theater wurde wieder ein Fest, ein Zusammenkommen mit künstlerischem wie inhaltlichem Anspruch. Wenn Jette Steckel in ihrer Interpretation von Bulgakows „Meister und Margarita“ die Straßenbahn vor dem Theater zum zweiten Spielort macht und eine nackte Margarita mit Besen über die Maximilianstraße „fliegt“, dann ist das verrückt genug. Dann ist da eine Lust an allem, was möglich ist, die einen mitreißt.

Der volle Saal der Münchner Kammerspiele. Foto: Münchner Kammerspiele

Aller Anfang ist schwer

Der Blick zurück zeigt, dass an diesem Theater anscheinend alle Neuen Zeit brauchten, um anzukommen. Vielleicht mehr Zeit als an anderen Häusern. Seit Frank Baumbauer das Theater 2001 von Dieter Dorn übernahm, der es mit großer Konstanz seit 1983 geleitet hatte, gab es keinen Intendanz-Wechsel ohne Aufregung und Shitstorm. Baumbauer tauschte damals das Ensemble komplett aus, eröffnete das Jugendstilhaus mit einem „Othello“ von Luk Perceval. Der Kontrast zu Dorns Shakespeare-Inszenierungen hätte nicht größer sein können, der Skandal schwerlich: Das Publikum ergriff in Scharen und türenschlagend die Flucht. Baumbauer war der Unhold, als er kam. Und der Münchner Theaterheld, als er acht Jahre später ging. Auf ihn folgte der Niederländer Johan Simons. Auch er hatte es nicht leicht. Abos wurden gekündigt, weil auf einmal – so zitierte der Intendant im Gespräch mit mir briefliche Kommentare, die ihn erreicht hatten – „nur noch fette Menschen“ auf der Bühne standen, die „kein Deutsch sprechen“. Auch Simons: gefeierter Intendant, als er ging.

Dann kam Matthias Lilienthal, der so viel mehr Berlin war als München. Anfangs wurde er auch mal für den neuen Hausmeister gehalten, hört man, nicht für den zukünftigen Intendanten der Kammerspiele. Sein Style war so gar nicht Maximilianstraße, so gar nicht Theaterchef. Schlabbershirt, Jeans und Kapuzenjacke wurden zu seinen vieldiskutierten Markenzeichen. In einem Vorab-Portrait, das 2015 im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschien, wurde er beschrieben als „ein großer, schwerer Mann im schlabberigen sonnengelben T-Shirt, das nicht den Verdacht erweckt, je in Mode zu kommen“. Lilienthal war rein äußerlich ein Exot, ein Berliner in München. Einer, der konsequent alle duzt, denen er über den Weg läuft. Einer, der keinen Wert auf Statussymbole legt. Null. Sein Theater war wie er: ein Ausprobieren und Austesten, das nach einem holprigen Start grandios wurde. Er erreichte in seiner letzten Spielzeit eine Auslastung von 85 Prozent, beim Berliner Theatertreffen war auch er Stammgast, seine Kammerspiele wurden von der Zeitschrift Theater heute zum „Theater des Jahres 2019“ gewählt. Aber: Da war es bereits zu spät. Im Sommer 2020 zierte Lilienthal im Münchner Olympiastadion noch einmal das Cover der DEUTSCHEN BÜHNE.

Denn schon 2018 hatte die CSU im Stadtrat verkündet, sie werde einer Verlängerung von Lilienthals Vertrag nicht zustimmen. Natürlich war das letzte Wort längst nicht gesprochen. Aber Lilienthal wollte dieses nicht abwarten. Er beschloss, nach seinen fünf Jahren zu gehen, vorher aber nochmal richtig Theater zu machen. Dann kam Corona, bremste seinen Abgang aus und den Anfang seiner Nachfolgerin Barbara Mundel. Sie ist in so vielem erstmal das Gegenteil von Lilienthal: zurückhaltend, elegant gekleidet und vor allem eine Frau. Sie ist die erste Intendantin, die dieses Theater je hatte. Und es sind nicht wenige Frauen unter den Regiepersonen, die dieses Haus heute strahlen lassen: Neben Jette Steckel, Felicitas Brucker und Nora Abdel-Maksoud ist da zum Beispiel auch Lies Pauwels, deren „Was ihr wollt“-Inszenierung ein emotionaler All-Time-Favorit ist.

Lies Pauwels verortet ihre Inszenierung „somewhere over the rainbow“, also dort, wo alle sich das Glück erträumen (und kaum jemand es findet). Was sie hier schafft, ist eine Art Shakespeare-Essenz, sie stellt die Sätze frei und in den Raum, wo sie ihre Stimmung entfalten. Ihre Figuren teilen mit uns allen den „Wunsch, uns nicht allein zu fühlen“, und wissen doch nicht, wie sie einander finden sollen. Nicht nur Malvolio ist hier einer, dessen Sehnsucht größer ist als seine Scham, der sich verletzlich macht und lächerlich aus Liebe. Wir erkennen uns wieder in dieser seiner Sehnsucht, erheben uns nicht über ihn, sondern fühlen mit ihm. Nein, eine Komödie ist dieser Abend nicht. Dafür ist er zu tief, zu menschlich und auch zu traurig. Beglückend ist er dennoch auf eine Art, wie sie im Theater selten zu finden ist. Wenn Martin Weigel und Erwin Aljukić zu Keith Carradines „Maria’s Eyes“ miteinander tanzen, der große Weigel den kleinen Aljukić durch den Raum trägt und führt, ihn so achtsam anfasst wie angemessen, stockt einem der Atem vor diesem Augenblick der Nähe und des Vertrauens. Ein Narr, denkt man da, wer nicht nach Liebe sucht. Vielleicht ist da „something stupid“ mit dem Lieben. Doch wie stupid wäre es bitte, nicht zu lieben?

Das Ende einer Debatte

Doch eine Liebe ist oft endlich. Als Barbara Mundel ihre Intendanz antrat, war eben nicht nur alles neu und ungewohnt, auch war die zu schnelle Trennung von Matthias Lilienthal noch nicht überwunden. Sie war die Neue, das erste Date nach einer intensiven Beziehung. Und wer weiß? Vielleicht tut sich diese Stadt ja genau deshalb so schwer mit Neuanfängen: weil sie sich immer wieder in dieses Theater verliebt.

Die Außenfassade der Münchner Kammerspiele. Foto: Münchner Kammerspiele

Man stelle sich also kurz vor, wie es auch hätte laufen können: Alle Parteien setzen sich unaufgeregt an einen Tisch und kommen zu dem Schluss, dass es doch wunderbar wäre, noch zwei Jahre den Erfolgskurs der Kammerspiele unter Barbara Mundel fortzuführen und diese Zeit zu nutzen, um ganz entspannt und besonnen eine Lösung zu suchen für das Danach. Wenn möglich ein Danach, in dem die Fortschritte und Erkenntnisse dieser Intendanz die Grundlage für neue Entwicklungen bieten. Das wäre mal eine gar nicht unerreichbare Utopie: ein Intendant:innenwechsel ohne Eklat, selbst an den Kammerspielen. Es heißt, man solle aufhören, wenn’s am schönsten ist. Dieses Konzept habe ich noch nie verstanden. Es wäre wünschenswert gewesen, sich einmal nicht wegen Kleinigkeiten zu zerstreiten, sondern an einem Strang zu ziehen, um diesem Theater den nötigen Weg in die Zukunft zu bereiten.

Heute also hat Barbara Mundel in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass sie für eine Vertragsverlängerung nicht mehr zur Verfügung steht. „Zuletzt hat das öffentliche und politische Ränkespiel um die Zukunft der Münchner Kammerspiele einen Zustand erreicht, der für das Theater und seine Mitarbeitenden unwürdig und nicht weiter tragbar ist“, schreibt sie. Sie sehe sich in der Verantwortung, möglichen Schaden von dem Theater abzuwenden, und werde ihre ganze Energie in die nächsten zwei Jahre stecken, in weitere „mutige, leidenschaftliche und inklusive Theaterarbeit“. Vermutlich ist das ein richtiger und kluger Schritt. Weh tut er trotzdem. Und leider erinnert er an den Abschied von Lilienthal: Denn wieder lässt diese Stadt eine ziehen, die ihr gutgetan hat.