Aufführungsfoto von „Lysistrata“ von Amanda Lasker-Berlin nach Aristophanes bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen. Massive Felsblöcke im Vordergrund. Dahinter stehen drei Frauen, die brennende Bengalos in die Höhe halten.

Frieden schaffen ohne Waffen

Amanda Lasker-Berlin nach Aristophanes: Lysistrata oder Die Fantasie von Frieden

Theater:Bad Hersfelder Festspiele, Premiere:03.07.2026 (UA)Vorlage:LysistrataAutor(in) der Vorlage:AristophanesRegie:Marlene Anna Schäfer

Amanda Lasker-Berlins Überschreibung von Aristophanes „Lysistrata“ zeigt, wie das Leid des Krieges über Jahrhunderte hinwegreicht. Die Uraufführung in der Regie von Marlene Anna Schäfer entwickelt bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen ihre Kraft aber lediglich in den leisen, ernsthaften Momenten.

Fünf Frauen stehen um ein Klavier. Eine beginnt zu singen: „Sag mir wo die Blumen sind“.  Diesen uralten Friedens-Song, der schon an viel zu vielen Lagerfeuern gespielt wurde. Doch als die nächste übernimmt und in der letzten Strophe alle singen: „Sag mir wo die Gräber sind“, da wird die ganze Kraft des Anti-Kriegslieds wieder fühlbar. Fünf klare Stimmen tragen sie in die Weite der gewaltigen romanischen Stiftsruine.

Nein, Aristophanes‘ Lysistrata wird in Bad Hersfeld nicht zur Tragödie. Es bleibt die Komödie um die rebellischen Frauen, die ihren Männern den Sex verweigern, um den Frieden zu erzwingen. Aber es sind die leisen, ernsthaften Momente, in denen Amanda Lasker-Berlins Überschreibung der alten Geschichte ihre stärkste Kraft entwickelt.

Streik mit Leidenschaft

Zunächst kommen Lysistrata (Gioia Osthoff) und ihre Mitstreiterinnen als fröhliche, selbstbewusste Frauen auf die Bühne. Sie tragen bunte Pyro-Fackeln in den Händen, tanzen zum 1966er Hit „Gimme Some Lovin’“ und tragen fließende Gewänder in starken Farben. Irgendwo zwischen Tunika und Flower-Power-Strandkleid. Die Spartanerin Lampito (Gesine Cukrowski) treibt den Streik mit Strenge an. Lysistrata kämpft mit brennender Leidenschaft. Kalonike (Varia Sjöström) würzt das Aufbegehren mit Pragmatismus, Myrrhine (Kristin Steffen) mit kindlich-fröhlicher Begeisterung und die Chorführerin (Anne Lebinsky) wirft die nötige Skepsis ein: Ihr alter, sexmüder Mann könnte die Aktion vielleicht nicht als Streik verstehen, sondern als Urlaub. Das Publikum wird kurzerhand zu Unterstützerinnen der Bewegung gemacht. Lysistrata teilt auf: der linke Block Korinth, der mittlere Sparta, der rechte Athen.

Aufführungsfoto von „Lysistrata“ von Amanda Lasker-Berlin nach Aristophanes bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen. Männer in schwarzen Overalls stehen dicht gedrängt mit langen Stöcken in den Händen. Ein Mann und ein anderer Mann schauen sich an.

Männer im Pulk: „Lysistrata“ von Amanda Lasker-Berlin nach Aristophanes bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen. Foto: BHF/Johannes Schembs

Die Männer lässt Regisseurin Marlene Anna Schäfer dagegen als dunkle Truppe auftreten – in schwarzen Anzügen, mit Stöcken, die sie im Rhythmus auf den Boden schlagen. Verhärtet in ihrer Ansicht, dass es zum Krieg keine Alternative gibt. Keinen Ausweg, als den Sieg des eigenen Stadtstaats. Personifiziert wird das im griesgrämigen Chorführer (Jörg Thieme), der seinen Kriegsgott Ares anruft. Und im Ratsherrn (Markus Gertken), der den Frauen ihren kleinen Protest gönnt, aber sie sollen den doch bitte auf dem Marktplatz machen und nicht auf seiner Akropolis.

Trümmerberg

Die Witze werden meist auf Kosten der Männer gemacht. Das Stück droht zeitweise in eine klamaukige Boulevardkomödie abzurutschen. Doch dann kommt der erste leise Moment. Die Bühne wird in blaues Licht getaucht. Alle erstarren in ihren Bewegungen. Nur Lampito geht in die Mitte der Bühne, auf die Trümmer, die dort zu einem hohen Berg angehäuft sind. Sie berichtet von ihrem Sohn, der bei einem Massaker getötet wurde und wie sie Jahrzehnte später Hoffnung schöpft, ihr Kind zumindest beerdigen zu können, als sie im Fernsehen sieht, dass ein Skelett gefunden worden ist. Die 2400 Jahre alten Protagonistinnen bekommen ein individuelles Gesicht. Das Leid des Krieges reicht durch die Jahrhunderte.

Und die Männer? Auch sie werden im Lauf des Stückes von kriegswütigen Stereotypen zu Individuen. Kinesias (Bijan Zamani) erkennt, dass er aus dem Kriegsrad ausbrechen kann. Ein junger Soldat (Lucca Samjouel Müller) tritt aus dem Chor und erzählt bewegend von seinem Auslandseinsatz, bei dem er acht Terroristen getötet hat und wie er daran zerbricht.

Fantasie mit Rissen

Alle Darsteller überzeugen. Besonders Kristin Steffen als Myrrhine. Sie hüpft und lacht begeistert wie ein Kind, lässt jedes ihrer Gefühle in den Zuschauerraum perlen und strömt eine Liebe und Positivität aus, die gefangen nimmt.

Amanda Lasker-Berlin führt den uralten Stoff über die Zeiten hinweg. Aus dem abstrusen Sex-Streik entwickelt sie ein wirksames Fanal für den Frieden. Ihre Lysistrata verkörpert die Idee, dass Frieden nach dem ganzen Hass und Kampf überhaupt denkbar ist. Eine Fantasie, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gelebt wurde, die mit dem Ukrainekrieg, dem Nahost-Konflikt und vielen weiteren Auseinandersetzungen aber Risse bekommen hat. Auch auf der Bühne in Hersfeld wird am Ende klar: Ein Krieg hinterlässt Spuren und kein Friede dauert für immer.

Aufführungsfoto von „Lysistrata“ von Amanda Lasker-Berlin nach Aristophanes bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen. Eine Frau sitzt am Klavier, vier andere Frauen sitzen auf Felsblöcken drumherum.

„Lysistrata“ von Amanda Lasker-Berlin nach Aristophanes bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen. Foto: BHF/Johannes Schembs