Foto: „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart zur Eröffnung des Festival d’Aix-en-Provence. © Jean-Louis Fernandez
Text:Joachim Lange, am 3. Juli 2026
Das Festival in Aix-en-Provence startet mit einer Neuproduktion von „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Zwar gelingt Regisseur Clément Cogitore ein optischer Auftakt-Coup, allerdings entpuppt sich die erhoffte Opernfantasiewelt als nur phasenweise mitreißend.
Seit dem Gründungsjahr des Festivals von Aix-en-Provence 1948 gehört Mozart in dessen Programm-DNA. Dabei bleibt es auch beim neuen, nach Pierre Audis plötzlichem Tod im vorigen Jahr, überraschend berufenen Intendanten Ted Huffmann. Hier, beim wichtigsten Musikfestival Frankreichs, haben zum Beispiel Claudio Abbado und Peter Brook unterm freien Himmel des Théâtre de l’Archevêché 1998 mit „Don Giovanni“ bleibenden Eindruck hinterlassen. Hier haben sich Patrice Chéreau und Daniel Harding 2005 „Così fan tutte“ vorgenommen. Und hier musste man bei der Vorgänger-„Zauberflöte“ im eher wagner- und strausskompatiblen Grand Théâtre de Provence 2014 im wahrsten Sinne des Wortes über die Streikenden steigen, um zu erleben, was Pablo Heras-Casado und Regisseur Simon McBurney aus Mozarts unverwüstlichem Spielplandauerbrenner gemacht haben.
Bei der neuen „Zauberflöte“, jetzt wieder im charmanten Freilufttheater im Hof des erzbischöflichen Palastes, gab es „nur“ die frankreichüblichen Einlasskontrollen und einen in der Hitze eher willkommenen Luftzug über der Szene. Dass der Besetzungszettel ein halbes Dutzend Namen mit jenem Sternchen kennzeichnet, das die Interpreten als Absolventen der festivaleigenen Akademie ausweist, gehört mittlerweile zu Praxis und Tradition dieses Festivals. So, wie das Koproduzieren – aktuell mit dem Théâtre de la Ville de Luxembourg und dem Opera Ballet Vlaanderen aus Antwerpen/Gent.
Das Wenn-Sänger-sprechen-Problem
In Aix-en-Provence mag man das Publikum zwar auch mit großen Namen locken; man muss es aber nicht unbedingt. Unter Leitung des als Rameau-Dirigent in Frankreich geschätzten Argentiniers Leonardo García-Alarcón und seiner Capella Mediterranea ist es denn auch die junge chinesische Sopranistin Ying Fang, die mit ihrer Pamina dem vokalen Festspielanspruch am nächsten kommt. Auch Sabine Devieilhe war 2012 Akademieabsolventin und seither immer wieder Festspielgast – jetzt als zart gemäßigte Königin der Nacht.
Beim Tamino des Schweizer Tenors Mauro Peter, dem Papageno des amerikanischen Baritons Sean Michael Plumb, dem britischen Bass Brindley Sherratt als Sarastro und vor allem beim Monostatos von Rodolphe Briand (der hier zum weißen Hässlichen in amerikanischer FBI-Uniform gemacht wurde) und auch bei den drei Damen kamen, zumindest für deutschsprachige Gäste, dem Vollblut-Theater Mozarts immer wieder das Wenn-Sänger-sprechen-Problem in die Quere. Auch dem auf Wohlklang zielenden Dirigat gelang es da nicht wirklich, einen durchgängig mitreißenden Ton zu halten, ohne den Wirkungsabfall durch die gesprochenen Passagen in Kauf zu nehmen.
Vom Film und Bildender Kunst auf die Opernbühne
Für den Regisseur Clément Cogitore ist die „Zauberflöte“ (nach Rameaus „Les Indes galantes“ 2019) erst seine zweite Opernregie. Dass er als Filmemacher und bildender Künstler vor allem auf Bilder und das Erforschen von Erinnerungen setzt, sorgt für einen optischen Auftakt-Coup. Mit Amateurfilmmaterial zeigt er die Zerstörungen durch den Krieg, nach dessen Ende das Festival gegründet wurde. Von Aix-en-Provence bis Berlin. Vor allem mit Menschen, die das Grauen lebend überstanden hatten.

„Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart zur Eröffnung des Festival d’Aix-en-Provence. Foto: Jean-Louis Fernandez
In diesem historischen Kontext zeigt er die Geschichte von Tamino und Pamina als eine des Erwachsenwerdens in der Nachkriegszeit. Dass die beiden erst von Kindern und dann von Jugendlichen gespielt werden, während die beiden Sänger wie Geister auf der Szene ihren Gesang beisteuern und erst zum Schluss übernehmen, klingt zwar nachvollziehbar. Es wird aber im Kontext von Alban Ho Vans Bühne, die mit als Leinwand tauglichen, aber auch durchscheinenden und Akteure und Film mischenden Paravents und kleinen Podesten auskommt, nicht wirklich zu einer eigenen, packenden Opernfantasiewelt.
Wahrscheinlich elternlose Kinder, die den Krieg überlebt haben, tanzen im Film und dann auf der Bühne. Der Schritt zu den drei Knaben und den Kindern Tamino und Pamina ist zwar nicht weit. Wenn Kinder allerdings mit Pathos von der Liebe sprechen, wird der Abstand zwischen erdachtem Konzept und Bühnenwirklichkeit überdeutlich.
Aufforderung zum Weiterdenken
Während die Königin der Nacht elternlose Kinder betreut, wird Sarastro als alter blinder Mann im Habitus eines Patriarchen im Spätherbst oder eines Großinquisitors hereingeführt, lässt sich inszeniert bejubeln und kommuniziert mit seinen Leuten übers Telefon so knapp wie möglich. Seine Welt entpuppt sich als ein gespenstisch formiertes Vorstadt-Amerika der Nachkriegszeit, in dem die Geschlechterrollen so fest zementiert sind wie die Frisuren der Auto waschenden „schmucken“ Hausfrauen. Dass diese Welt alles in den Bann zieht, liefert am Ende immerhin eine Aufforderung zum Weiterdenken.
Der überschaubare Schlussbeifall war mit ungewöhnlich vielen Buhs für die Regie gewürzt. Und der Hoffnung, dass Barrie Kosky mit seiner „Frau ohne Schatten“, der Auftaktcoup gelingt, dem man diesem besonderen Festival wünscht.