ein Bühne mit verschiedenen Requisiten und Darsteller:innen

Magie des Erzählens

Oxana Omelchuk: Laterna Magica

Theater:Theater Bonn, Premiere:05.06.2026 (UA)Regie:Anne Gourdet-MarèsMusikalische Leitung:Avishay ShalomKomponist(in):Oxana Omelchuk

Die Uraufführung der Kammeroper „Laterna Magica“ von Oxana Omelchuk an der Oper Bonn wird technisch und musikalisch zum besonderen Musiktheater-Erlebnis. Mit historischem Projektionsgerät und musikalisch rundem Mix entsteht eine zauberhafte Opern-Fabel.

Die Magie, die sich hier entfaltet, kommt vor allem aus einem mechanischen, verzierten Holzkasten, der titelgebenden Laterna Magica. Mittig aufgestellt, steht das historische Projektionsgerät und an ihm die Filmhistorikerin und -technikerin Anne Gourdet-Marès am vorderen Bühnenrand der Werkstatt in der Bonner Oper. Ein mechanisches Klicken wird eingespielt, ein Rattern, und damit beginnt eine Reise zurück in die Projektionsgeschichte und gleichzeitig in eine Fabel über Erkenntnis und Wissenschaft.

Der Gedanke an Thomas Manns „Der Zauberberg“ liegt nah, wenn Alicia Grünwald als wissenshungriger Student in das Büro des Professors (Marie Heeschen) eindringt, um dessen Geheimnisse zu erfahren. Als er entdeckt, dass der Lehrer auch Magie beherrscht, will er auch selber zaubern lernen. Das geht natürlich erstmal gehörig schief: Der träumerische Student beschwört Dämonen, die er sich nicht hätte erträumen wollen.

„Am Anfang war das Licht“

Diese Geschichte spielt sich vor allem durch die projizierten Bilder der Laterna Magica ab, während Grünwald und Heeschen rechts und links der Leinwand an Pulten singen. Die „Zauberlaterne“ gilt als Vorläuferin des heutigen Kinos, mit einer Lichtquelle im Innern konnten auf Glasplatten gemalte Motive über Linsen projiziert werden. Was im 17. Jahrhundert bei den ersten Laterna Magicas wie die dem Projektor den Namen gebende Magie gewirkt haben muss, hat auch heute noch seinen ganz eigenen Zauber.

Eine Person an einem Projektor, dahinter eine Person im Schmetterlingskostüm

Alicia Grünwald, Anne Gourdet-Marès. Foto: Matthias Jung

Mit geübten Griffen zieht Gourdet-Marès eine Glasplatte nach der anderen aus Holzkästen, legt sie abwechselnd vor die zwei Objektive in die Maschine ein. Die größtenteils statischen Bilder zeigen zu Beginn den Professor mit Fernrohr. „Am Anfang war das Licht“ ist die immer wieder durch den Raum klingende Phrase der Herkunft aller Erkenntnis. Durch die zwei Objektive kann Gourdet-Marès jeweils zwei Bilder ineinander überblenden. Szene auf Szene folgt das Publikum dieser Lehrreise: Erde, Planetenbahnen, der Mond und seine Meere, dann mikroskopische Nahaufnahmen. „Was einmal da war, ist jetzt Erinnerung“, heißt es dazu poetisch in Oliver Riedmüllers Libretto.

Besonders wird es, wenn Gourdet-Marès an einem Rädchen dreht oder an beweglichen Elementen in den Glas-Bildern zieht: Plötzlich bewegen sich die Augen des projizierten Teufels auf der Leinwand, fährt ein Schiff durch die Meereswellen und fängt ein Skelett an zu tanzen. Zauberhaft sind die Szenen, in denen die Darstellerinnen als Schatten hinter der beleuchteten Leinwand auftauchen und mit den grotesken Figuren-Projektionen interagieren. Oder wenn Grünwald mit einem weißen Kostüm die verlängerten Arme bewegend einen projizierten Schmetterling zum Fliegen bringt.

Opern-Fabel

Die Musik für dieses Auftragswerk der Oper Bonn hat die in Köln lebende Komponistin Oxana Omelchuk geschrieben. Sie ist mit musikalischen Referenzen wie etwa Wagners „Walküre“ gespickt, wechselt von eher strengem Cembalo zu träumerischen Klängen bis hin zu rhythmischen Techno-Beats. Nur vier Musiker:innen sitzen unter Avishay Shaloms Leitung am linken Bühnenrand: Geige, Posaune, Cembalo/Keyboard oder Glasharmonika geben der Fabel mit zusätzlich eingespielten Sounds den musikalisch-erzählenden Unterbau.

Eine Person an einem historischen Projektionsgerät

Anne Gourdet-Marès. Foto: Matthias Jung

Das alles geschieht in dem knapp einstündigen Musiktheater in sehr entschleunigtem Tempo. Durch gewohnt reizüberflutetete Sehgewohnheiten wirkt das zu Beginn beinahe statisch, zieht aber bald in seinen Bann. Auch durch die kurze Unterbrechung kurz vor Schluss, als eine Person im Publikum wegen der Hitze aus dem warmen Raum nach draußen gebracht werden muss, lässt sich das Ensemble nicht aus der Ruhe bringen. Gut verständlich singen Grünwald und Heeschen Riedmüllers deutsches Libretto, Stimmen und Instrumente fügen sich zu einem Guss.

Wenn der Student schließlich erkennt, dass er, um die Welt zu begreifen, selber losziehen und diese Welt erleben muss, findet die Fabel ihr rundes Ende. Auch das Licht der Laterna Magica kann ihm schließlich nur eine eingeschränkte Perspektive auf die Welt zeigen. So ist „Laterna Magica“ durch Inhalt und Format selbst eine kleine Feier des Geschichten-Erzählens und wird gerade durch diese Kombination von Technik und metaphorischem Erzählbogen zum besonderen Musiktheater-Erlebnis.

Besprochen wurde die Vorstellung vom 17.6.26.