Porträt einer Person von vorne, Kopf in die Hand gestützt

Kunst ist Ambivalenz

Lukas Rietzschel schreibt Romane und Theaterstücke über das Leben in Ostdeutschland. Ein Gespräch über das Aufwachsen in der Oberlausitz, die Präsenz von Neonazis in seiner Jugend und über die Möglichkeiten des Theaters, sich gegen den Rechtsruck zu positionieren.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie wurden 1994 gegen Ende der sogenannten Baseballschlägerjahre in der Oberlausitz geboren. Wie haben Sie die Jugend und Schulzeit erlebt? War der Rechtsextremismus damals präsent für Sie?

Lukas Rietzschel Als ich in den 2000ern in die Schule ging, waren die offenen Gewaltexzesse der Baseballschlägerjahre vorbei – was aber nicht heißt, dass keine Faschos mehr da waren. Diese Leute gab es in meinem Umfeld, auch in der Schule, immer wieder wurden wir auch verprügelt. Einmal habe ich zum Beispiel einen Typen mit Wehrmachtsgürtel, auf dem „Gott mit uns“ stand, gefragt, ob das bedeuten würde, dass er gläubig ist, weil ich nicht wusste, welchen Code er da trägt. Das hat ihn natürlich wahnsinnig provoziert. Neonazis waren auf jeden Fall immer so präsent, dass ich dachte, das wäre die Normalität.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Für das Studium sind Sie in den 2010er Jahren nach Kassel gezogen. Wie haben Sie diesen Wechsel erlebt?

Lukas Rietzschel Kassel war für mich eine permanente Irritation, eine Konfrontation mit Klassen- und Besitzfragen, meinen bisherigen Sehgewohnheiten und meinem eigenen Aufwachsen. Zufälligerweise wohnte ich in dem Haus, in dem Halit Yozgat 2006 vom NSU erschossen wurde. In Sachsen hatte ich davon gar nichts mitbekommen. Erst hier wurde ich mit der Frage konfrontiert: Warum muss ich erst nach Kassel kommen, um zu verstehen, dass diese Art von Gewalt, diese Form der Zurschaustellung von rechter Symbolik und Aggressivität und überhaupt diese Anwesenheit von Rechtsextremismus eigentlich nicht dazugehören sollten? Warum war das in Sachsen einfach nicht präsent in meinem Bewusstsein? Erst als 2019 dieser Begriff der Baseballschlägerjahre aufkam, wurde für mich klar: Wir sprechen hier über eine ostdeutsche Normalität.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Nach wenigen Jahren in Kassel sind Sie dennoch zurück in den Osten gezogen, nach Görlitz. Die damit verbundene Frage des Bleibens, Gehens und Wiederkommens taucht immer wieder in Ihren Stücken auf. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Thematik um?

Lukas Rietzschel Im Osten kann wirklich jeder etwas dazu sagen. Gehen oder bleiben: Das ist eine Frage, die wahrscheinlich nie zu Ende geklärt sein wird. Ich persönlich bin einfach sehr ortsverbunden, aber mich regt hier auch wahnsinnig viel auf – und der wieder offen zur Schau gestellte Rechtsextremismus ist nur ein Teil davon. Wir müssten uns eigentlich massiv über den demografischen Wandel verständigen, denn das ist das Thema, an dem alles andere sich entscheiden wird. Da bin ich mir ziemlich sicher.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Wie sieht dieser Wandel konkret aus?

Lukas Rietzschel Wenn du hier durch die Gegend fährst und kein einziges Kind hörst, nur alte Menschen siehst, Fachärzte fehlen und Restaurants, Kindergärten und Schulen zu machen, dann hast du teilweise echt den Eindruck, hier geht eine Zivilisation zu Ende. Es sind hier allein drei Millionen Menschen direkt nach 1990 weggegangen. Das zieht sich durch jede Familie, durch jeden Bekannten- und Freundeskreis. Im Westen ist das überhaupt kein Thema. Deshalb wird viel aneinander vorbeigeredet und das Missverständnis zwischen Ost und West führt sich fort. Denn selbst wenn du dir das Wissen aneignest: Diese Lebensrealität tiefgreifend zu verstehen, ist nicht immer möglich. Die emotionale Komponente hinter dem Wissen transportiert sich nur schwer. In meinen Stücken und Romanen versuche ich genau das zu erzählen. Nicht zu erklären, das ist ein Unterschied.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Ihr erster Roman trug den Titel „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Ihr erstes Theaterstück hieß „Widerstand“. Verstehen Sie Ihre Arbeit als einen Widerstand gegen diese Verhältnisse?

Lukas Rietzschel Ich verfolge keinen Vermittlungsplan. Das würde ja bedeuten, dass ich alles verstanden hätte. Ich mache das alles, weil ich selbst viel zu wenig weiß und mir das irgendwie zugänglich machen möchte. Das ist die Hauptmotivation hinter allem. Mir ist aufgefallen, dass sich durch ganz viele Geschehen um mich herum Brüche ziehen. Brüche, unter denen Verletzungen liegen. Schon in meinen ersten Geschichten ging es um Menschen, die solche Veränderungen durchgemacht haben. Damals habe ich das noch überhaupt nicht mit Ost oder West verknüpft. Es war einfach meine Lebensrealität. Mein Schreiben ist deshalb in sich schon eine natürliche Abbildung meiner Umgebung, des Nachwende-Ostens, ohne dass ich ihn konkret thematisieren müsste.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Inwiefern kann das Theater als Ort des demokratischen Austauschs dienen und sich wirksam gegen den Rechtsextremismus zeigen?

Lukas Rietzschel Es ist wichtig für eine Gesellschaft, sich auszutauschen und zueinander zu verhalten. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass Kunst genau das Mittel dafür ist. Ich glaube aber nicht, dass das Theater der Ort dafür ist. Die Theater behaupten von sich selbst, ein Ort für alle zu sein, und wollen es auch wirklich sein. Aber im Kern bleibt es nur eine Behauptung, gemessen an der Homogenität des Publikums.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Weil das Publikum nur aus einem kleinen Teil der Gesellschaft besteht?

Lukas Rietzschel Die Gesellschaft besteht ja selbst aus ganz vielen Teilgesellschaften, die sich unterscheiden: wie wir unsere Zeit verbringen, wie wir miteinander interagieren, wo wir das tun. Auch der Osten ist kein fester Block, sondern voller unterschiedlicher Generationen, Regionen, Städten, Provinz und Kirchenmilieus, die jeweils unterschiedliche Erfahrungen haben. Ich glaube, dass diese Kleinteiligkeit auch ganz hilfreich sein kann, damit nicht alles einfach ein großer, gleichmachender Kram ist. Und das gilt auch für das Theater: Es darf ein Ort für nicht alle sein. In dieser Gesellschaft gibt es ganz viele Orte, die nicht für alle sind. Das ist okay. Auch Kirchen sind qua Definition Orte für alle, aber sie erreichen nicht alle. Und sie müssen auch nicht für alle da sein. Es ist in Ordnung, wenn da nur Gläubige hingehen, um mit anderen Gläubigen Zeit zu verbringen. Genauso darf auch das Kulturbürgertum mal nur mit sich und dem Kulturbürgertum Zeit verbringen. Irgendwann waberte die Idee durch den öffentlichen Raum, dass alle mit allen im Gespräch bleiben müssten. Ich halte das nur für bedingt fruchtbar. Der Austausch untereinander ist mindestens genauso wichtig.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie würden also sagen, man sollte nicht versuchen, das Theater zu einem Ort für alle zu machen, sondern einfach Kunst machen?

Lukas Rietzschel Genau, und das ist okay. Wer hört sich denn fünf Stunden Houellebecq beim Theatertreffen auf einer Bühne an? Dafür hat doch niemand Zeit, der in einem Pflegeheim arbeitet. Und das meine ich. Diese Selbstbehauptung, der Ort für alle zu sein, konterkariert sich mit dem, was Theater tatsächlich auf die Bühne bringen. Vielleicht funktionieren sie aber auch nur, weil sie immer wieder behaupten, dass sie ein Ort für alle sind. Wahrscheinlich kommt nur so ein anderer Antrieb in die Kunst. Die Menschen, die dort arbeiten, sind fest davon überzeugt, dass das Theater das Mittel ist, alle in der Gesellschaft zu erreichen und für alle Kunst zu machen. Aber die Realität sieht anders aus. Ich glaube, Theaterhäuser hätten es viel leichter, wenn sie das anerkennen würden.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Was meinen Sie, woher kommt dieser Anspruch?

Lukas Rietzschel Die Anforderung, alle erreichen zu können oder müssen, kommt auch durch den politischen Auftrag dahinter zustande. Denn hinter den öffentlichen Mitteln, die zur Finanzierung beitragen, steht der Anspruch, alle mit der davon produzierten Kunst anzusprechen. Vielleicht haben es da privat geführte Varietés sehr viel einfacher: Die wissen, sie machen Unterhaltung für ein spezielles unterhaltungssuchendes Publikum. Wahrscheinlich ist die Arbeit im Friedrichstadtpalast darum einfacher als die im Berliner Ensemble. Natürlich ist dort alles stärker ans Finanzielle geknüpft, dafür ist die Aufgabenstellung sehr klar umrissen.

eine Person mit Axt im Vordergrund, dahinter weitere Darsteller:innen

Tilo Krügel, Dirk Lange, Vanessa Czapla, Lisa-Katrina Mayer und Thomas Braungardt in „Der Girschkarten“, Auftragswerk des Schauspiels Leipzig. Foto: Rolf Arnold

DIE DEUTSCHE BÜHNE Ein formuliertes Ziel der Theater ist der demokratische Dialog – ganz wie Sie ihn selbst im Kampf gegen den Rechtsextremismus fordern. Wie kann Widerstand im Theater aussehen, wenn es kein Ort für alle ist?

Lukas Rietzschel Es darf auf keinen Fall didaktisch werden, weil das natürlich allen Gegnern dieser Art von Theater und Politik total in die Hände spielt. Da müssen wir uns als Künstler:innen ein paar bessere Mittel überlegen. Das kann ein guter Text sein und auch einfach Kunst, die etwas Tieferliegendes berührt, außerhalb von irgendwelchen politischen Parolen und Meinungen. Wir machen keine Politik, wir machen Kunst. Die Herausforderung muss sein: immer auch die andere Seite mitzudenken, sich mit keiner Seite gemein machen. Das halte ich für wichtig, um gute Kunst machen zu können.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Aber weil die AfD so stark ist, ist doch die Motivation sehr hoch, gerade jetzt auf der Bühne politisch zu werden. Noch hat man eine Bühne und damit die Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen. Ist es nicht in diesem Moment erst recht geboten, eine politische Botschaft mitzugeben?

Lukas Rietzschel Nein, glaube ich nicht. Dafür gibt es TikTok. Die Theaterbühne erreicht niemanden im Vergleich zum Internet. Und wer glaubt, da dagegenhalten zu müssen, der leidet, glaube ich, an Größenwahn. Da müssen wir uns keine Illusionen machen. Das, was auf einer Theaterbühne passiert, erreicht nicht mehr als einen Mikroprozentpunkt dieser Gesellschaft – und dabei vor allem die, die sowieso schon da stehen, wo wir es wahrscheinlich gerne hätten. Der Anspruch guter Kunst sollte sein, lieber diese Leute zu irritieren und mit irgendetwas anderem zu konfrontieren als die Reihen zu schließen. Das Theater hat nicht die Aufgabe, den Rechtspopulismus aufzuhalten. Das ist nicht die Aufgabe von Kunst. Dass wir, die wir Kunst machen, alle politische Standpunkte haben, ist völlig klar. Aber nichts ist schlimmer, als das in Kunst einfließen zu lassen. Dann wird es einfach Didaktik und irgendwann Propaganda.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie würden also sagen, der Aktivismus gegen Rechts sollte nur außerhalb der Kunst stattfinden?

Lukas Rietzschel Nein, er darf in der Kunst stattfinden. Aber Kunst darf sich nicht für Parolen hergeben. Das ist das Entscheidende. Kunst ist dazwischen, Kunst ist Ambivalenz. Kunst ist tiefer als irgendeine Parole, irgendein Sharepick. Dafür ist das Internet da. Dafür braucht es keine Theaterbühne. Dann können wir aufhören. Das, was Theater leistet, muss Tieferes treffen. Das muss komplexer sein, widersprüchlich. Davon bin ich überzeugt.

Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Kulturmanagement. Sein Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (2018) wurde ein Bestseller, es folgten die Romane „Raumfahrer“ (2021) und „Sanditz“ (2026), der mit dem Rheingau-LIteratur-Preis ausgezeichnet wurde. Seine Theaterstücke „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ (2025) und „Der Girschkarten“ (2026) wurden für den Mülheimer Dramatikpreis nominiert.

Dieses Interview entstand für Ausgabe 19. der jungen bühne, sie erscheint Mitte September.