Vermenschlichte Robotik

Huang Yi: Huang Yi & Kuka

Theater:Ruhrfestspiele Recklinghausen, Premiere:03.05.2026

Mit „Huang Yi & Kuka“ eröffnen die Ruhrfestspiele 2026 in Recklinghausen ihr Jubiläumsjahr mit einem Tanzabend zwischen Körper, Technik und Projektion. Der taiwanesische Choreograf, Tänzer und Erfinder Huang Yi teilt sich die Bühne mit einem Industrieroboter. Was zunächst wie eine technische Versuchsanordnung wirkt, wird zu einer Suche nach Zärtlichkeit, die der Abend in seinen besten Momenten auch findet.

Huang Yi steht zunächst allein mit Kuka auf der Bühne. Der Roboterarm ist groß, schwer und sichtbar industriell, doch in der Begegnung mit dem Tänzer bekommt er etwas erstaunlich Sanftes. Dass Huang Yi diese Arbeit aus einer sehr persönlichen Erfahrung heraus entwickelt hat, ohne daraus eine biografische Erzählung zu machen, ist dem Abend anzumerken.

Als Kind erlebte Huang Yi den finanziellen Zusammenbruch seiner Familie. Er beschreibt, wie er damals versuchte, seine Gefühle abzuspalten und wie ein perfektes, gehorsames Kind zu funktionieren. Aus diesem Wunsch, selbst roboterhaft zu werden, entstand später der Traum, mit einem Roboter zu tanzen.

Huang Yi in seinem eigenen choreografischen Stück „Huang Yi & Kuka“. Foto: Jacob Blickenstaff

Mensch und Maschine

Am stärksten ist „Huang Yi & Kuka“ in den stillen, sinnlichen Momenten. In schmalen Lichtfeldern stehen Mensch und Maschine nebeneinander. Der schwere Roboterarm fährt langsam durch den Raum, Huang Yi antwortet mit einer Bewegung, nimmt eine Linie auf oder lehnt sich kurz in die Nähe der Maschine. Das Surren von Kuka wird dabei Teil der Aufführung und gibt den Szenen eine eigentümliche Spannung.

Dass für eine Minute Bewegung rund zehn Stunden Programmierung nötig sind, sieht man dem Abend an. Jede Drehung, jedes Senken und jedes Anhalten des Roboterarms ist exakt gesetzt. Gerade dadurch entsteht etwas Berührendes und trotzdem wirkt Kuka nicht menschlich im einfachen Sinn. Denn interessant sind die Begegnung dort, wo die Maschine fremd bleibt und trotzdem als von Menschen hergestellter Gegenpol erscheint.

Auch die Musik trägt zu dieser Wirkung bei. Johann Sebastian Bach und Arvo Pärt geben der Arbeit einen ernsten, fast sakralen Ton. Besonders in den langsamen Passagen entsteht daraus eine schöne Verbindung aus Klang, Licht und mechanischer Genauigkeit. Die Musik schiebt die Bilder aber auch deutlich in Richtung Sentiment. Nicht jeder Moment hält dieser Aufladung stand.

Zu viele Ebenen

Dramaturgisch überzeugt der Abend nicht durchgehend. Immer wieder öffnet die Produktion neue Räume. Video, Laser, weitere Tänzer:innen, Stühle und Projektionen erweitern das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Manches davon ist stark gedacht, nimmt dem Kern der Arbeit aber auch Konzentration.

Tai Yi Fen und Chen Chao Li in „Huang Yi & Kuka“. Foto: Jacob Blickenstaff

Besonders interessant ist allerdings der Moment, in dem Kuka die Position wechselt. Der menschgemachte Roboter wird nicht mehr nur bewegt, sondern scheint selbst Bewegung auszulösen. Wenn er das Liebespaar zum Schluss mit einem Lichtstrahl in kleinsten Verschiebungen zueinander lenkt, wird das nicht bloß zum Bild von Kontrolle. Es zeigt auch, welches Potential in Robotik liegen kann, jenseits einer verklärten oder rein bedrohlichen Technikvorstellung.

Gerade weil die Entwicklung dieses Stücks lange vor der oftmals problematisierten Künstlichen Intelligenz begann, wirkt sie noch einmal anders. Sie lässt einen Schritt zurücktreten und wieder erkennen, dass hinter technischem Fortschritt zunächst ein Mensch steht und dass dieses Verhältnis immer wieder neu ausgehandelt werden muss.